"Otello": Opulente Studien einer Opernraserei

20. März 2016, 18:11
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Höflicher Applaus für die mitunter statische Inszenierung von Vincent Boussard mit poetischen Großbildern und nebliger Ausschmückung des Eifersuchtsdramas

Salzburg – "Nach dem Spott kommt der Tod ...", sinniert der fiese Jago in einem selbsterkenntnisreichen Augenblick – bis ihm ein Engel eine Flamme reicht. Jago ist nicht die Dankbarkeit in Unperson. Er packt, würgt den Engel, um ihm dann einen Kuss aufzudrängen. Doch was immer dieses Verhaltenswirrwarr bedeuten mochte, es verließ dieser Intrigengiftmischer jene Pose der steifen Noblesse, die er im Großen Festspielhaus an sich reichlichst zelebrierte.

Solch Ausflüge in gestalterische Figurenregionen gelangen Regisseur Vincent Boussard bei Giuseppe Verdis Otello zwar leider selten. Es wäre jedoch ungerecht, ihm ein Übermaß an konventionellem Operngehabe vorzuhalten. Der Chor hätte zwar mehr Potenzial der skulpturalen und gestischen Kollektivformung ausschöpfen können (vokal respektabel: Staatsopernchor Dresden). Allerdings will diese Inszenierung ihren Wesenskern wohl im Zauber der großen Bilder finden, und es ergab sich doch Imposantes: Wie eine sich flüchtig materialisierende Erinnerung erscheinen Desdemona und Otello im stürmischen Beginn. Und: Ein enger abstrakter Raum dient ihnen später als Liebeswinkel, der – etwas kitschig – auf einem Sternenteppich zu schweben scheint.

Doch etwas neblig

Den Gesamtcharme dieser Produktion bereichert auch eine zweite, filmische Ebene. Hier spiegelt sich die Bühnenwirk- lichkeit, hier trifft sie quasi ihr verfremdetes, mitunter wildes Spiegelbild. Da wälzt sich Otello quasi in Urschlamm seiner Eifersucht oder auch im Nebel seiner Raserei. Wobei mitunter die Botschaft dieser Bilder ebenfalls ein wenig vernebelt wirkt.

Doch die Bilder (Bühne: Vincent Lemaire) wirken, füllen diese Riesenbühne, und dies tun die Stimmen auch: Jose Cura (für den erkrankten Johan Botha eingesprungen) orgelt zwar schon ein bisschen; aber er verfügt über kostbaren Klang wie Intensität und hat die paar Buhs nicht verdient, die dem nobel singenden Carlos Alvarez (als Jago für den erkrankten Dmitri Hvorostovsky eingesprungen) erspart geblieben sind. Dorothea Röschmann (als Desdemona) gibt im Lyrischen alles, was sie an delikatem Potenzial hat, und im Dramatischen mitunter mehr, als sie hat. Am berückendsten bleiben denn auch ihre Todesahnungen zu Beginn des vierten Aktes, bei denen auch die Staatskapelle Dresden unter Christian Thielemann zu klangvoller Höchstform aufläuft.

Zupackend fahl

Aber rätselhaft. So zupackend das Orchester im Dramatischen auch klang, so klarsichtig-pointiert auch Details herausgearbeitet wurden – es wirkte vieles fahl, zu kontrolliert und straff. Sängerfreundlich war es jedenfalls, und davon profitierten bei dieser Studie einer Raserei, bei der auch die Flügel des Engels brannten, auch Benjamin Bernheim (als Cassio), Georg Zeppenfeld (als Lodovico) und Bror Magnus Tödenes (als Rodrigo). In Summe nur höflicher Applaus, den Kostümkünstler Christian Lacroix versäumte. Ein eingeklemmter Ischiasnerv verhinderte seine Anreise aus Paris.

2017 gibt man jedenfalls Wagners Walküre – und witzig: Es sind nicht nur die Wiener Philharmoniker zu Gast, sondern auch die Berliner mit Simon Rattle. Also die Vorgänger der Staatskapelle im österlichen Salzburg, die nach Baden-Baden abgewandert sind. (Ljubisa Tosic, 20.3.2016)

  • Das Gift der Eifersucht beginnt langsam zu wirken. Jose Cura  (als Otello) und Dorothea Röschmann (als Desdemona).
    foto: apa

    Das Gift der Eifersucht beginnt langsam zu wirken. Jose Cura (als Otello) und Dorothea Röschmann (als Desdemona).

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