Umfrage: Griss gilt am ehesten als "Präsidentin für alle"

20. März 2016, 17:36
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Fünf Wochen vor der Bundespräsidentschaftswahl hat die unabhängige Kandidatin Irmgard Griss einen klaren Vertrauensvorsprung

Linz – Die eigentlichen Wahlkampagnen laufen erst an – aber die erste Phase des Wahlkampfs um die Bundespräsidentenwahl hat bereits zwei Effekte gebracht: Von allen Kandidaten wird mehrheitlich gesagt, dass sie an Vertrauen eingebüßt hätten, dokumentiert ist das in der Grafik. Und bei allen außer Irmgard Griss werden erhebliche Zweifel angemeldet, ob sie im Amt "Bundespräsident für alle Österreicher" sein könnten. Das ergibt eine in der Vorwoche durchgeführte Market-Umfrage für den STANDARD.

Präsidenten ohne Parteibuch

Die Frage, ob ein Bewerber oder eine Bewerberin nach der Wahl Repräsentant "für alle Österreicherinnen und Österreicher" sein kann, hat seit den 1950er-Jahren in den Wahlkämpfen und im Amtsverständnis des jeweiligen Staatsoberhauptes eine Rolle gespielt. Adolf Schärf, der 1957 aus der Funktion des SPÖ-Vorsitzenden zum Bundespräsidenten gewählt wurde, legte sein Parteibuch nach der Wahl zurück; auch der jetzige Amtsinhaber Heinz Fischer stellte seine Parteimitgliedschaft ruhend.

DER STANDARD ließ daher erheben, wie die überparteiliche Amtsausübung eingeschätzt wird. Die genaue Fragestellung lautete: "Ich lese Ihnen jetzt nochmals die Kandidaten vor und bitte Sie, mir jeweils zu sagen, ob die Kandidatin oder der Kandidat im Falle der Wahl ein Bundespräsident für alle Österreicher sein kann oder ob diese Person eher nicht alle Österreicher repräsentieren würde."

  • Am schlechtesten schneidet dabei Richard Lugner ab, von dem immer noch nicht klar ist, ob er es schaffen wird, die notwendigen Unterstützungserklärungen beizubringen. Nur 14 Prozent meinen, er könne alle Österreicher vertreten, 66 Prozent verneinen dies.
  • Etwas besser sieht es für Norbert Hofer aus: Ihm trauen 26 Prozent zu, alle Österreicher zu vertreten, allerdings sagen 49 Prozent, dies sei nicht der Fall. Die Zweifel an Hofers Amtsführung sind in den Wählerschaften aller Parteien außer der FPÖ sehr hoch – nur unter erklärten Freiheitlichen und unter Wahlberechtigten, die derzeit keine der Parteien wählen wollen, fehlt diese starke Ablehnung. Auffallend auch, dass Hofer von Männern wesentlich stärker als von Frauen eine Amtsführung im Sinne aller zugetraut wird – einen derartigen Geschlechterunterschied gibt es bei den anderen Kandidaten nicht.
  • Andreas Khol trauen 31 Prozent zu, alle Österreicher zu repräsentieren, aber auch bei ihm hegt eine Mehrheit von 43 Prozent (besonders FPÖ-, Grünen- und Neos-Wähler) Zweifel.
  • Nicht viel anders sind die Werte für Rudolf Hundstorfer: 36 Prozent der Befragten trauen ihm Unparteilichkeit zu, 41 Prozent zweifeln diese an.
  • Alexander Van der Bellen wird von 40 Prozent eine Amtsführung im Sinne aller Österreicher zugetraut, bei einer schwachen relativen Mehrheit von 43 Prozent überwiegen aber die Zweifel. Das größte Zutrauen kommt in dieser Frage von Grünen, aber auch von SPÖ-Wählern und von den (in der Stichprobe nur wenig vertretenen) Neos-Anhängern – die (relativ zahlreichen) Freiheitlichen lehnen Van der Bellen mit besonderer Vehemenz ab.
  • Schließlich Irmgard Griss: Die unabhängige Kandidatin findet in allen Parteiwählerschaften (nicht aber bei den Unentschlossenen) eine relative Mehrheit, die ihr eine Amtsführung im Sinne aller Österreicher zutraut. 47 Prozent der Befragten trauen ihr zu, Bundespräsidentin für alle Österreicher zu werden. Nur 27 Prozent glauben das eher nicht.

Große Auswahl weckt zusätzliches Interesse

Die Vielzahl der Kandidaten macht die Wahl für die Wahlberechtigten spannend. Market fragte: "Bei der heurigen Bundespräsidentschaftswahl treten mehr Kandidaten beziehungsweise Kandidatinnen an als bei den vergangenen Wahlen. Wie sehen Sie das: Macht dies die Wahl für Sie interessanter, oder wird die Entscheidung damit komplizierter für Sie?"

Bei 52 Prozent überwiegt die Ansicht, dass die Wahl interessanter würde, für 31 Prozent wird es komplizierter – auffallend viele ÖVP-Wähler neigen zu dieser Aussage. Das mag damit zusammenhängen, dass die befragten ÖVP-Anhänger ihre Präferenz in der Präsidentenfrage auf Khol und Griss verteilen.

Drei Kandidaten fast gleichauf

Fünf Wochen vor der Bundespräsidentenwahl liegen die Kandidaten Irmgard Griss, Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen in den Rohdaten mit je 17 Prozent gleichauf. Rudolf Hundstorfer liegt mit acht Prozent deutlich dahinter, Andreas Khol kommt auf sechs und Richard Lugner (dessen Kandidatur mangels ausreichender schriftlich erklärter Unterstützung noch nicht sicher ist) auf fünf.

Rund drei von zehn Wählern sind unentschlossen, diesen wurde die "Sonntagsfrage 2" gestellt, nämlich welcher Kandidat am ehesten infrage käme. 14 Prozent dieser Unentschlossenen nannten Van der Bellen, zehn Prozent Hundstorfer, je fünf Prozent Griss und Lugner, vier Prozent Khol und zwei Prozent Hofer. Auffallend ist, dass sich die Stimmen von ÖVP-Wählern nicht nur hinter Khol, sondern auch bei Griss sammeln.

Vorgeschmack auf die Stichwahl

Market fragte weiter: "Angenommen Ihr Kandidat beziehungsweise Ihre Kandidatin kommt nicht in die Stichwahl: Welche der anderen Persönlichkeiten kommt grundsätzlich infrage, ist für Sie auch wählbar? "Hier kommt Griss auf 19 Prozent derer, die sie nicht schon im ersten Wahlgang wählen würden, vor Hundstorfer (14), Van der Bellen (13) und Khol (12). (Conrad Seidl, 20.3.2016)

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  • Die Österreicher würden Irmgard Griss das Amt der Bundespräsidentin durchaus zutrauen.
    foto: apa/georg hochmuth

    Die Österreicher würden Irmgard Griss das Amt der Bundespräsidentin durchaus zutrauen.

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