Abdeslam soll auch Anschläge in Brüssel geplant haben

20. März 2016, 12:19
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Frankreich ist froh, dass wenigstens einer der Pariser Attentäter lebend gefasst wurde. Doch der meistgesuchte Mann Europas entspricht nicht unbedingt dem Bild eines abgebrühten Terrorchefs

Die Franzosen kannten Salah Abdeslam seit vier Monaten, das heißt, seit den mörderischen Anschlägen von Paris mit 130 Todesopfern. "1,75 Meter, braune Augen", hieß es auf den Steckbriefen im Land. "Gefährliches Individuum. Greifen Sie auf keinen Fall selbst ein." Mit der Zeit erhielt der 26-jährige Franzose marokkanischer Abstammung, der den Fahndern immer wieder im letzten Moment entwischte, die Aura eines nicht zu packenden Phantom- und Profiterroristen.

Am Freitagabend wurde der Verhaftete aber wie ein mickriger Krimineller mit einer Knieverletzung ins Polizeiauto gezerrt. Anders als seine vier Spießgesellen, die mit ihm verhaftet wurden und offenbar jede Aussage verweigern, bestätigte Abdeslam laut der Pariser Staatsanwaltschaft, er habe sich am 13. November in Paris beim Stade de France während des Länderspiels Deutschland – Frankreich "in die Luft sprengen wollen", dann aber "einen Rückzieher gemacht".

Offenbar auch Anschlag in Brüssel geplant

Nach Aussagen der belgischen Regierung hatte nach den Pariser Anschlägen auch "etwas" in Brüssel geplant. Abdeslam habe am Samstag ausgesagt, er sei "bereit" gewesen, "etwas in Brüssel zu tun", berichtete Belgiens Außenminister Didier Reynders am Sonntag.

"Das könnte die Wahrheit sein, denn wir haben bei den ersten Ermittlungen viele Waffen gefunden, schwere Waffen", hieß es weiter. Zudem seien die belgischen Ermittler auf ein "neues Netzwerk" rund um Abdeslam in Brüssel gestoßen, sagte Reynders bei einer Veranstaltung der US-Stiftung German Marshall Fund, die die Äußerungen des Ministers in einer Erklärung zitierte.

Hollande drängt auf rasche Auslieferung

Der französische Präsident François Hollande drückte seine Hoffnung auf eine rasche Auslieferung nach Frankreich aus. Abdeslams Anwalt Sven Mary erklärte darauf, sein Klient werde dagegen Rechtsmittel einlegen. Derzeit wartete er in Brügge in einem Hochsicherheitstrakt. Abdeslam will einem Bericht des belgischen TV-Senders RTBF zufolge über seinen Anwalt auch Anzeige gegen den Staatsanwalt einbringen. Dieser habe Informationen aus der Einvernahme an die Öffentlichkeit weitergegeben.

In Frankreich erwartet Abdeslam eine aufgebrachte öffentliche Meinung, die will, dass wenigstens einer der Täter für die Blutnacht von Paris zur Rechenschaft gezogen wird. Pariser Medien bezeichnen den Gefassten als "salaud" (Mistkerl) und höhnen, er habe "seine Überzeugungen bis zum Schluss verraten", da er sich und andere bei der Verhaftung nicht in die Luft gesprengt habe.

Rolle unklar

Abdeslams Rolle bei den Pariser Anschlägen bleibt vorläufig unklar. Bisher weiß man nur, dass er Zeitzünder kaufte, Hotelzimmer für die Attentäter mietete und diese nach Paris fuhr. Terrorexperten bezeichnen ihn als "Logistiker der Anschläge". Ein in der Pariser Banlieue in einem Mülleimer gefundener Sprengstoffgürtel gilt als sein eigener. Offen ist, warum dieser nicht zum Einsatz kam. War der 26-jährige Franzose, der in Molenbeek eine Bar führte, Bier trank und Hasch rauchte, aber kaum je die islamischen Gebetszeiten einhielt, vielleicht doch kein zu allem entschlossener Überzeugungstäter?

Alle neun Attentäter, darunter auch der Kommandochef Abdelhamid Abaaoud, hatten bei den Anschlägen oder bei späteren Razzien ihr Leben gelassen. Abdeslam ließ sich am Freitag festnehmen, ohne sich bei dem angekündigten Polizeisturm zu sprengen. Dass er auf dem IS-Bekennervideo zu den Pariser Anschlägen nicht figurierte, deutet auch eher auf eine sekundäre Rolle hin.

Erleichterung über Festnahme

Ein Angehöriger der 130 Todesopfer erklärte auf jeden Fall, er sei "erleichtert" über die Festnahme, sei doch zu befürchten gewesen, dass Abdeslam nach Syrien flüchtete. Das Aufatmen darüber, dass der "Staatsfeind Nummer eins" (so der größte französische TV-Sender TF1) unschädlich gemacht wurde, dürfte allerdings rasch der Ernüchterung weichen.

Und das nicht nur, weil Abdeslam möglicherweise nur ein Handlanger Abaaouds war. Der Terrorexperte Jean-Paul Rouiller meinte am Sonntag: "Die wahren Drahtzieher sitzen in Syrien." Und sie heuern ihre Jihad-Rekruten in den französischen Banlieue-Vierteln weiterhin per Internet an und steuern sie per Handy fern.

Zwei neue Steckbriefe

Dabei haben sie die Wahl aus mehr als 8.000 Radikalislamisten – doppelt so vielen wie vor einem Jahr, wenn die Zahlen französischer Polizeiermittler stimmen. Am Wochenende entdeckten die Franzosen bereits zwei neue Steckbriefe noch flüchtiger Mitorganisatoren der Anschläge. Mohammed Abrini und Soufiane Kayal waren zwar in Paris nicht zur Tat geschritten, gelten aber unter Experten als mindestens so gefährlich wie Abdeslam.

Präsident François Hollande meinte am Wochenende, die jüngsten Verhaftungen seien "eine wichtige Etappe, aber kein endgültiger Abschluss". Weitere Festnahmen seien erforderlich. Damit rechtfertigte er indirekt die Verlängerung des Ausnahmezustandes, der noch bis im Mai gelten soll und Razzien sowie Hausarreste in Serie zur Folge hatte. Die Hausdurchsuchungen dieser Woche in Belgien, die ursprünglich gar nicht Abdeslam galten, auch wenn sie zu seiner Verhaftung führten, bestärken die Befürworter dieser flächendeckenden Polizeieinsätze.

Verteidigungsrat

Hollande hielt am Samstag mit seinen wichtigsten Ministern einen "Verteidigungsrat" ab. Das war auch als Signal gemeint, dass die Staatsführung der Terrorbekämpfung weiterhin oberste Priorität einräumt. Die Franzosen haben sich längst an die permanenten Militärpatrouillen und Personen- und Gepäckkontrollen gewöhnt.

Für die Fußball-Europameisterschaft von Juni in Frankreich proklamiert Innenminister Bernard Cazeneuve das "Nullrisiko". Im südfranzösischen Nîmes probten am Donnerstag 1200 Polizeischüler in Fankleidung eine Bombenexplosion im Stadion mit Chemiegas-Austritt. Cazeneuve freute sich, die Krankenhäuser hätten auf die Übung mustergültig reagiert. (Stefan Brändle, APA, 20.3.2016)

  • Das Fahndungsfoto von Salah Abdeslam
    foto: reuters

    Das Fahndungsfoto von Salah Abdeslam

  • Sicherheitskräfte nahmen den mutmaßlichen Terroristen am Freitag fest
    foto: apa/afp/belga/dirk waem

    Sicherheitskräfte nahmen den mutmaßlichen Terroristen am Freitag fest

  • Sein Anwalt Sven Mary möchte verhindern, dass Abdeslam nach Frankreich ausgeliefert wird
    foto: reuters/eric vidal

    Sein Anwalt Sven Mary möchte verhindern, dass Abdeslam nach Frankreich ausgeliefert wird

  • Noch sitzt Abdeslam deshalb im Hochsicherheitstrakt in einem Gefängnis in Brügge
    foto: apa/afp/john thys

    Noch sitzt Abdeslam deshalb im Hochsicherheitstrakt in einem Gefängnis in Brügge

  • Die belgische Polizei beim Einsatz am Freitag
    foto: apa/afp/john thys

    Die belgische Polizei beim Einsatz am Freitag

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