Istanbul: Selbstmordattentäter tötete drei Israelis

20. März 2016, 10:34
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Explosion auf der Einkaufsstraße Istiklal Caddesi: 40 Verletzte

Istanbul – Bei dem Selbstmordanschlag im Zentrum von Istanbul sind am Samstag drei Israelis getötet worden, von denen zwei auch die US-Staatsbürgerschaft hatten. Dies bestätigte das israelische Außenministerium am Sonntag in Jerusalem. Dabei handelt es sich nach Medienberichten um einen 40-Jährigen sowie einen 70-Jährigen. Das dritte Opfer sei eine 60-jährige vierfache Mutter.

Ein Selbstmordattentäter hatte am Samstag in einer belebten Istanbuler Einkaufsstraße vier Menschen mit in den Tod gerissen, knapp 40 weitere wurden verletzt. Der israelische Regierungschef Benjamin Netanyahu sagte, es sei noch unklar, ob der Anschlag auf israelische Touristen abzielte. Zehn Israelis waren auch unter den Verletzten.

IS-Zusammenhang vermutet

Zum Anschlag bekannte sich bisher keine Gruppierung. Der Selbstmordattentäter, ein 33-jähriger Türke, wurde von der regierungsnahen türkischen Presse aber als Mitglied einer Zelle der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) bezeichnet. Offiziell bestätigt wurden diese Berichte nicht. Die Ermittlungen seien im Laufen, sagte der Gouverneur von Istanbul, Vasip SAhin.

Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu übermittelte Netanyahu einen Brief, in dem er den israelischen Familien nach dem "abscheulichen Anschlag" sein Beileid aussprach. Das Attentat zeige einmal mehr, "dass die internationale Gemeinschaft geeinigt und entschlossen gegen die schändlichen Ziele von Terrororganisationen vorgehen muss", schrieb Davutoglu nach Angaben des Netanyahu-Büros.

Außenminister bricht US-Reise ab

Eine Maschine der israelischen Armee mit Rettungskräften ist unterwegs in die Türkei. Mehrere israelische Verletzte seien bereits in ihre Heimat gebracht worden, berichtete die "Times of Israel". Die Internetausgabe der türkischen Zeitung "Hürriyet" berichtete, der Generaldirektor des israelischen Außenministeriums, Dore Gold, habe entschieden, wegen des Anschlags einen Besuch in die USA abzubrechen und nach Istanbul zu reisen.

Das Weiße Haus bestätigte am Samstagnachmittag (Ortszeit), dass zwei Tote auch die US-Staatsbürgerschaft hatten. Man stehe in engem Kontakt mit den türkischen Behörden und bekräftige die Entschlossenheit, gemeinsam mit der Türkei das Übel des Terrorismus zu bekämpfen, betonte der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates des Weißen Hauses, Ned Price, in einem Statement. Außenamtssprecher John Kirby sprach von einem "feigen Terroranschlag". Die Gewalt gegen "unschuldige Menschen in der gesamten Türkei – türkische Bürger und internationale Besucher" sei nicht hinnehmbar.

Keine Österreicher unter Toten oder Verletzten

Unter den Todesopfern und Verletzten seien nach bisherigem Wissensstand keine Österreicher, sagte der Sprecher des Außenministeriums, Thomas Schnöll, am Samstag der APA auf Anfrage.

Für Reisen in die Türkei würden weiterhin die Sicherheitsstufen 2 und 3 gelten. Sicherheitsstufe Stufe 2 bedeutet, dass bei Reisen in das betreffende Gebiet "auf das erhöhte Sicherheitsrisiko hingewiesen" wird. Bei Stufe 3 wird von nicht unbedingt notwendigen Reisen in das Gebiet abgeraten, wegen gewalttätigen Auseinandersetzungen mit Todesfolge und einem hohen Risiko von Terroranschlägen. Generell gilt für die gesamte Türkei ein "erhöhtes Sicherheitsrisiko", ein "hohes Sicherheitsrisiko" besteht im Osten und Südosten des Landes.

Überwachungskamera zeigt Explosion

Dogan veröffentlichte Aufnahmen von Überwachungskameras, die offenbar zeigen, wie der Sprengsatz neben einer Gruppe von Passanten detoniert. "Wir haben eine laute Explosion gehört und sind zum Fenster gerannt", berichtete Anwohner Ahmet. Auf der Straße habe er Leichenteile gesehen.

Auch auf dem Taksim-Platz seien die Erschütterungen zu spüren gewesen, sagte der Schuhputzer Abdullah. "Die Erde hat gebebt und dann habe ich Polizei- und Rettungswagen vorbeifahren sehen." Die Istiklal-Einkaufsmeile und ein Teil des Taksim-Platzes wurden von der Polizei abgeriegelt. Ein Hubschrauber kreiste über dem Tatort.

Empörung über Erdogan-Beraterin

Eine Abgeordnete der türkischen Regierungspartei AKP, Irem Aktas, hat in einer Twitter-Botschaft den Wunsch zum Ausdruck gebracht, dass die bei dem Anschlag am Samstag in Istanbul verletzten Israelis sterben mögen. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu wies das israelische Außenministerium an, eine Verurteilung des Tweets durch das türkische Außenamt zu fordern.

Irem Aktas sei auch Direktorin für die digitale Kommunikation von Präsident Recep Tayyip Erdogan, berichtete die israelische Nachrichtenseite ynet. Der Tweet löste zahlreiche empörte Reaktionen in den sozialen Medien aus und wurde kurze Zeit später gelöscht. Die Frauen-Sprecherin der AKP erklärte in einer Twitter-Botschaft, die Partei habe bereits Schritte gegen die Abgeordnete eingeleitet. Deren Ansichten würden nicht den Positionen der AKP entsprechen.

Deutschland warnt Reisende

Das Auswärtige Amt in Berlin riet deutschen Touristen in Istanbul, vorerst in ihren Hotels zu bleiben. Auch in Ankara und anderen Großstädten des Landes sei weiterhin erhöhte Vorsicht geboten. Bundesbürger in der Türkei sollten sich über die Medien und die Sicherheitshinweise auf der Website des Auswärtigen Amts über die aktuelle Lage informiert halten, erklärte das Ministerium weiter.

Im Jänner waren bei einem Selbstmordanschlag in Istanbul zwölf Deutsche getötet worden. Angesichts konkreter Hinweise auf Anschlagspläne sind seit Donnerstag die deutsche Botschaft und das Konsulat sowie die deutschen Schulen in Ankara und Istanbul geschlossen.

Angespannte Sicherheitslage

Die Sicherheitslage in der Türkei ist derzeit äußerst angespannt. Seit einem Selbstmordanschlag während einer kurdischen Demonstration im Oktober in Ankara mit 103 Toten ist das Land in höchster Alarmbereitschaft. Die türkische Regierung machte die Jihadistenmiliz Islamischer Staat für den Anschlag verantwortlich. Trotz der verschärften Sicherheitsvorkehrungen kommt es aber immer wieder zu Anschlägen mutmaßlicher Islamisten und Kurdenrebellen.

Vor allem mit dem Herannahen des kurdischen Neujahrsfests Newroz am Montag wuchs die Sorge vor weiteren Attentaten. Bei Anschlägen in Ankara am vergangenen Sonntag und Mitte Februar wurden zuletzt insgesamt mehr als 60 Menschen getötet. Zu beiden Taten bekannte sich die extremistische Kurdenorganisation Freiheitsfalken Kurdistans (TAK), die dem Umfeld der PKK zugerechnet wird.

Die TAK wollte sich nach eigenen Angaben für die Opfer der Armeeoffensive im Südosten der Türkei rächen. Das Militär geht dort seit Sommer 2015 mit aller Härte gegen Kurdenrebellen vor. Am Freitag griff die Luftwaffe erneut Stellungen der PKK im Nordirak an. Im Zuge der Ermittlungen zu dem Anschlag in Ankara am vergangenen Sonntag wurden fünf mutmaßliche Komplizen der Selbstmordattentäterin festgenommen. (red, APA, AFP. 19.3.2016)

  • Kerzen und Blumen für die Opfer. Auf dem Schild steht: "Wir fürchten uns nicht, wir sind hier! Wir werden uns nicht daran gewöhnen! Die Geschäftsleute des Bezirks Beyoglu"
    foto: reuters/murad sezer

    Kerzen und Blumen für die Opfer. Auf dem Schild steht: "Wir fürchten uns nicht, wir sind hier! Wir werden uns nicht daran gewöhnen! Die Geschäftsleute des Bezirks Beyoglu"

  • Die Einkaufsstraße im Istanbuler Zentrum, in der der Anschlag passierte, ist abgeriegelt.
    foto: apa / afp / kilic

    Die Einkaufsstraße im Istanbuler Zentrum, in der der Anschlag passierte, ist abgeriegelt.

  • Rettungskräfte versorgen einen Verletzten.
    foto: reuters / aslan

    Rettungskräfte versorgen einen Verletzten.

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