Niessl: "Wenn du dich zurücklehnst, bist du morgen wieder hinten"

Interview21. März 2016, 08:06
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Was hat das ÖFB-Team dem Burgenland, was das Burgenland dem Team gebracht?

STANDARD: Am 18. März vor 19 Jahren haben der ÖFB und das Burgenland einen Sponsorvertrag unterschrieben. Ein gewisser Hans Niessl war damals gerade ein Jahr lang SPÖ-Abgeordneter im Landtag. Was hat das Team dem Burgenland, was das Burgenland dem Team gebracht?

Niessl: Wir haben vereinbart, keine Beträge zu nennen. Aber wir können sagen, dass es sich bezahlt macht. Wir rechnen heuer mit dem mehr als zehnfachen Werbewert. Wenn 45.000 Zuschauer im Stadion den Namen Burgenland sehen, wenn man dann die Fernsehübertragungen dazunimmt und die Präsenz in den Printmedien, dann ist das eine sehr positive Werbung für den Tourismus.

STANDARD: Das Burgenland ist aber nicht unbedingt eine Fußballdestination.

Niessl: Wir haben mittlerweile rund 25.000 Nächtigungen von Fußballteams, die Trainingslager abhalten. Da waren sehr prominente Mannschaften dabei. Natürlich die österreichische Nationalmannschaft – jetzt aktuell wieder in der Karwoche -, das kroatische Team war schon zweimal da, Borussia Dortmund, Paris Saint-Germain, Schalke 04.

STANDARD: Vor acht Jahren, bei der Heim-EM, hat das Team in Stegersbach logiert. Teamchef Hickersberger hat damals launig gemeint, er lasse nicht die Besten spielen, sondern die Richtigen. Ich frage jetzt nicht den Landeshauptmann, sondern den Fußballversteher: Wie hat sich das Team seit damals fußballerisch verändert?

Niessl: Marcel Koller hat eine Stammformation gefunden, die unter die zehn besten der Welt gekommen ist. Das ist ein historischer Erfolg. Aus meiner Sicht hat Josef Hickersberger damals das Richtige gemacht. Heute haben wir aber die Besten und die Richtigen. Koller hat dabei nicht nur Kompetenz und Weitblick bewiesen, sondern auch große Geduld, an schwierigen Spielern festzuhalten, die andere längst schon abgeschrieben hätten.

STANDARD: Arnautovic?

Niessl: Auch dass er mit Robert Almer auf einen Tormann gesetzt hat, der keine Spielpraxis gehabt hat. Ebenso an Marc Janko.

STANDARD: Auch die Teambasis hat sich geändert. Was ist anders geworden im österreichischen Fußball in den vergangenen 20 Jahren?

Niessl: Er hat sich auch in seinen Strukturen weiterentwickelt. Wir haben mit den Nachwuchsteams schöne Erfolge. Das zeigt, dass die Nachwuchsarbeit professioneller wurde. Es wird sehr gut gearbeitet, wissenschaftliche Erkenntnisse werden berücksichtigt und technisch-taktische Entwicklungen. Man forciert Grundausbildung in den Akademien. Aber im Fußball ist es so: Wenn du dich zurücklehnst, bist du morgen schon wieder hinten.

STANDARD: Sie selbst sind Fußballer gewesen?

Niessl: Mit Frauenkirchen zwei Jahre sogar in der Regionalliga; 1970/71, und 1971/72, das war die zweithöchste Liga, Eisenstadt ist damals direkt in die Staatsliga aufgestiegen. Wir haben in Eisenstadt 0:2 verloren, daheim 0:0 gespielt.

STANDARD: Was und wie haben Sie gespielt?

Niessl: Als junger Spieler war ich offensiv, mit zunehmendem Alter dann eher in der Defensive. Die Technik war nicht unbedingt meine Stärke. In der Abwehr habe ich mich eher wohlgefühlt. Ich war später auch Spielertrainer. Und da war es angenehmer, das Spiel vor sich zu haben.

STANDARD: Sie haben die Trainerausbildung absolviert?

Niessl: Anfang der Achtzigerjahre mit dem Pauli Gludovatz, dem Tommy Parits, dem Norbert Barisits. Leopold Stastny war noch Chef der Trainerausbildung. Viele Wochen meiner Ferien hab ich aufgewendet, um vom Jugend- über den Amateurtrainer bis zum Lizenztrainer alle Stationen durchzumachen.

STANDARD: Das geschulte Auge verfolgt wohl auch die taktische Entwicklung. Was ist die modernste Weise des Fußballspielens?

Niessl: Was mich beeindruckt, ist die ständige Auflösung der Formationen, wie es zum Beispiel Bayern oder auch Barcelona spielt. Das ist im Augenblick wahrscheinlich die Perfektion im Fußball: Dass man zwar häufig etwa das 4-2-3-1 spielt, aber in Wahrheit sich diese Formationen ständig auch auflösen.

STANDARD: Ohne aber dabei die Ordnung zu verlieren.

Niessl: Das eben ist der Klasseunterschied.

STANDARD: Ist das Team in der Nähe eines solchen Levels?

Niessl: Wir haben einige großartige, auch nach internationalen Maßstäben großartige Spieler: Alaba klarerweise. Dragovic, der sicher noch Potenzial hätte, wenn er zu einem wirklichen europäischen Topklub käme. Den ehemaligen Mattersburger Fuchs, der rittert um den Meister in der Premier League! Marc Janko! Junuzovic, Arnautovic, Baumgartlinger. Da reden wir schon über europäisches Spitzenniveau.

STANDARD: Für den Teamchef also eh eine g'mahte Wiesn?

Niessl: Von allein kommt gar nix. Du kannst elf Topspieler haben, und trotzdem geht es nicht.

STANDARD: Also doch das Stegersbacher Credo: nicht die Besten, sondern die Richtigen?

Niessl: Man muss die Besten richtig einsetzen. (Wolfgang Weisgram)

Hans Niessl (64), Austrianer, begann bei der Schülermannschaft des heimatlichen UFC Frauenkirchen, mit dem er bis in die Regionalliga kam. Damals, Anfang der 1970er-Jahre, war das die zweite österreichische Liga. Von Frauenkirchen wechselte er dann als Spielertrainer zum Askö Gols. Mit A-Lizenz trainierte er anschließend den SV Gols und den UFC Weiden, um schließlich daheim in Frauenkirchen die aktive Karriere ausklingen zu lassen und sich nach anderen Betätigungsfeldern neben dem Lehrer- und Direktorenjob umzusehen.

  • "Wenn du dich zurücklehnst, bist du morgen wieder hinten", sagt Hans Niessl.
    foto: standard/corn

    "Wenn du dich zurücklehnst, bist du morgen wieder hinten", sagt Hans Niessl.

  • Hans Niessl hat – vor allem hier, auf dem heiligen Rasen des Mattersburger Pappelstadions – nicht nur das Politische im Kopf.
    foto: standard/corn

    Hans Niessl hat – vor allem hier, auf dem heiligen Rasen des Mattersburger Pappelstadions – nicht nur das Politische im Kopf.

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