Der Globalisierung könnte die Luft ausgehen

Kommentar der anderen18. März 2016, 17:58
44 Postings

Über Jahre waren Welthandel und Globalisierung unaufhaltsam scheinende Kräfte, die unsere Gesellschaften antrieben. Niedrige Rohstoffpreise deuten nun aber auf eine Stagnation des Welthandels hin

China hat eben bekanntgegeben, dass seine Exporte im letzten Jahr erstmals seit der Öffnung seiner Volkswirtschaft Ende der 1970er-Jahre auf Jahresbasis zurückgegangen sind. Und das ist noch nicht alles; wertmäßig ist der Welthandel 2015 insgesamt zurückgegangen. Die Frage lautet: Warum?

Zwar ging der Welthandel auch 2009 zurück, doch damals war die Erklärung eindeutig: Die Welt erlebte damals einen steilen Einbruch des BIPs. Im letzten Jahr jedoch wuchs die Weltwirtschaft um respektable drei Prozent. Zudem sind die Handelsschranken nirgends deutlich gewachsen, und die Transportkosten sinken aufgrund des steilen Rückgangs der Ölpreise.

Baltic Dry Index

Aufschlussreich ist, dass der sogenannte Baltic Dry Index, der die Kosten für die Anmietung großer Schiffe misst, über die der größte Teil des Langstreckenhandels abgewickelt wird, auf ein Rekordtief gefallen ist. Dies zeigt, dass die Märkte nicht von einer Erholung ausgehen, was andeutet, dass die Daten von 2015 ein neues Zeitalter sich verlangsamenden Handels einläuten könnten. Die Schlussfolgerung ist, dass den einst unwiderstehlichen Kräften der Globalisierung die Luft ausgeht.

Aufschlussreich ist auch die Situation in China. In den letzten Jahrzehnten hat sich China zur führenden Handelswirtschaft der Welt entwickelt und das globale Handelssystem völlig verwandelt. Nun ist der Wert sowohl seiner Importe als auch seiner Exporte gefallen, wenngleich Erstere aufgrund des Zusammenbruchs der weltweiten Rohstoffpreise stärker zurückgegangen sind.

Tatsächlich sind die Rohstoffpreise der Schlüssel zum Verständnis der Handelstrends der letzten Jahrzehnte. Waren sie hoch, steigerte dies den Handel – bis zu dem Punkt, dass der Anteil des Handels am BIP stieg -, was den Hype über das unweigerliche Fortschreiten der Globalisierung anheizte. Doch 2012 begannen die Rohstoffpreise zu fallen, was dann rasch den Rückgang des Handels nach sich zog.

Sagen wir, dass zum Bau eines Autos eine Tonne Stahl und zehn Barrel Öl benötigt werden. In den Jahren 2002-2003 belief sich der Wert dieses Rohstoffbündels auf rund 800 Dollar oder fünf Prozent des Wertes eines 16.000 Dollar teuren Autos. Dies bedeutet, dass die Industrieländer Anfang des Jahrtausends für jeweils 100 dieser importierten Rohstoffbündel fünf Autos exportieren mussten.

Bis 2012-2013 war der Wert der für ein Auto benötigten Rohmaterialien auf rund 2000 Dollar gestiegen, etwa zehn Prozent der Kosten desselben Autos (die Preise für Autos waren deutlich weniger gestiegen). Die Industrieländer mussten also doppelt so viel exportieren (nämlich zehn Autos), um dieselbe Menge Rohmaterialien zu importieren.

Es besteht eine direkte Verknüpfung zwischen Trends beim Handel und solchen bei den Rohstoffpreisen. Angesichts der Tatsache, dass diese Verknüpfung alle Fertigungswaren beeinflusst, für die Rohstoffe benötigt werden, überrascht es nicht, dass mit Rückgang der Rohstoffpreise auch der Welthandel zurückgegangen ist.

Man könnte nun argumentieren, dass dieses Beispiel nur den Wert des Handels betrifft und dass in den letzten Jahrzehnten der Handelsumfang nach Volumen das reale BIP-Wachstum ebenfalls übertraf. Doch wirken sich die Rohstoffpreise auch auf das Handelsvolumen aus, weil höhere Rohstoffpreise die Industrieländer zwingen, das Volumen ihrer Exporte zu steigern, um die Kosten derselben Menge an Rohstoffimporten abzudecken.

Weil Nahrungsmittel, Treib- und Rohstoffe etwa ein Viertel des Welthandels ausmachen, sind bei diesbezüglichen Preisschwankungen – insbesondere so starken Schwankungen, wie wir sie in den letzten Jahrzehnten erlebt haben – offensichtlich auch die Gesamthandelszahlen betroffen. Angesichts des enormen Rückgangs bei den Rohstoffpreisen in letzter Zeit besteht wenig Anlass, nach einer anderen Erklärung für den jüngsten Rückgang beim Handel zu suchen.

Globale Wertschöpfung

Dies soll nicht heißen, dass Globalisierung und Handel dasselbe seien. Die Globalisierung umfasst viele weitere Aspekte, darunter die steile Zunahme von grenzübergreifenden Finanztransaktionen und beim Tourismus, beim Austausch von Daten und bei anderen Wirtschaftsaktivitäten. Tatsächlich haben diese anderen Verzahnungen auf den Handel zurückgewirkt, denn sie haben das Aufkommen globaler Wertschöpfungsketten ermöglicht, bei denen unterschiedliche Schritte des Produktionsprozesses in unterschiedlichen Ländern ablaufen.

Doch dieses Phänomen wurde überschätzt. Laut der Welthandelsorganisation beträgt der in Exporten enthaltene ausländische Wertbeitrag für die meisten großen Volkswirtschaften wie die USA und die Europäische Union nur etwa 15 Prozent. Anders ausgedrückt: Globale Wertschöpfungsketten haben nur geringe Auswirkungen auf diese großen Handelsvolkswirtschaften.

Die einzige Ausnahme ist China. Seine Position als Montageplattform für die Produkte der Welt bedeutete, dass es die meisten der Elemente mit hohem Wertbeitrag für diese Produkte importierte. Doch mit zunehmender Reife der Industriestruktur des Landes – in China montierte iPhones enthalten inzwischen mehr in China hergestellte Teile als noch vor einigen Jahren – wird das Land, was den Wertbeitrag angeht, sich stärker den USA und der EU annähern und nicht umgekehrt. Dies ist ein weiterer Grund, warum der Handel an Bedeutung verlieren könnte.

Wenn etwas allgemein hochgejubelt wird, steckt dahinter fast immer ein realer Grund. Die meisten Volkswirtschaften sind heute offener als noch vor einer Generation. Doch es zeichnet sich ab, dass die Wahrnehmung der Globalisierung als überwältigende, unaufhaltsame Kraft überwiegend die Nebeneffekte des Rohstoffbooms des vergangenen Jahrzehnts widerspiegelt. Wenn die Preise niedrig bleiben, so wie das derzeit wahrscheinlich erscheint, könnten wir im nächsten Jahrzehnt durchaus eine Stagnation beim weltweiten Handel erleben, während sich das Handelsmuster von den Schwellenländern zu den etablierten Industriemächten wieder ausgleicht. Aus dem Englischen: Jan Doolan. Copyright: Project Syndicate. (Daniel Gros, 18.3.2016)

Daniel Gros ist Direktor des Center for European Policy Studies in Brüssel.

Share if you care.