Von wegen Ende der Krise: Tausende Spanier wandern aus

20. März 2016, 09:00
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120.000 Spanier kehrten 2015 ihrem Land den Rücken – Regierung gebietet Braindrain keinen Einhalt

Während Immigration EU-weit Stoff für hitzige Debatten liefert, sollte Spanien die Emigration tiefere Sorgenfalten bereiten. Entgegen der laut Premier Mariano Rajoy (Partido Popular) "überwundenen Krise" zieht es nach wie vor alljährlich zehntausende Spanier ins Ausland.

Wie kürzlich publizierte Zahlen des staatlichen Statistikinstituts INE belegen, emigrierten 2015 in Summe 121.000 spanische Staatsbürger. Darunter viele junge, gut ausgebildete. Verglichen mit 2014 ist das ein Plus von 5,6 Prozent. Damit leben mehr als 2,3 Millionen Spaniern fern ihrer iberischen Heimat, um knapp 60 Prozent mehr als noch 2009.

Dunkelziffer viel höher

Die wahre Zahl liege aber weitaus höher, sagt Andreu Domingo, Vizedirektor des Zentrums für demografische Studien der Autonomen Universität Barcelona: Viele lassen ihren Auslandsaufenthalt nicht behördlich registrieren, da sie davon ausgehen, wieder zurückzukommen, sagt Domingo.

Zudem müssen sie bei einer Registrierung den Meldestatus in ihrer spanischen Heimatgemeinde aufgeben, "was etwa den Verlust der Krankenversicherung oder das Anrecht auf eine Sozialwohnung bei ihrer Rückkehr nach sich ziehe", sagt Domingo weiter.

Perspektivenmangel

Ursache für den Krisenexodus sei der Perspektivenmangel am Arbeitsmarkt. Für besseren Lohn und Arbeitsbedingungen die Heimat zu verlassen, nehmen vor allem junge und mobile Spanier in Kauf. Die rechtskonservative PP-Regierung sucht indes die hohe Zahl der Auswanderer zu relativieren.

Unter den Emigranten seien mehrheitlich Nachkommen einst aus Lateinamerika Eingewanderter, die die Rückkehr antreten. In der Tat seien Auslandsspanier, wie Domingo sagt "eine sehr heterogene Gruppe". So erhielten Nachkommen von im Bürgerkrieg (1936-1939) Exilierten oder unlängst der vor fünf Jahrhunderten vertriebenen sephardischen Juden Anrecht auf die Staatsbürgerschaft. Doch stellen sie nur einen Bruchteil der Auslandsspanier dar.

Topdestination Argentinien

Die meisten der Emigranten, 440.000, leben in Argentinien. Danach folgen Frankreich, Venezuela und Deutschland, wo 140.000 Spanier leben. Den größten Zuwachs gegenüber dem Vorjahr verbuchten hinter Argentinien die USA und Großbritannien, wo die Zahl der Spanier seit 2009 um stattliche 77 Prozent auf 102.500 gestiegen ist.

Dabei wollen nicht wenige Emigranten zurückkehren. Aber nicht zu den Arbeitsmarktbedingungen des Postkrisenspaniens, wo nur Niedriglohnjobs warten oder Berufe, die nichts mit der eigenen Qualifikation zu tu haben. Während es noch am politischen Willen mangelt, um dem "Braindrain" Einhalt zu gebieten, startete Raúl Gil die Plattform volvemos.org, was zu Deutsch "Wir kommen zurück" bedeutet.

Positiver Niederschlag

Gil arbeitete drei Jahre in Berlin, wo er Auslandsspaniern Deutschkurse gab. Nun will er mit seiner Website, auf der es Informationen für Heimkehrer gibt, etwas Essenzielles in der spanischen Unternehmerkultur verankern: dass sich Auslandserfahrung positiv auf die Karriere niederschlagen kann.

Madrid machte derweil Exilspaniern den Wiederzugang zur Sozialversicherung drastisch schwerer, wie die Bewegung der Auslandsspanier "Granatrote Flut" beklagt. Motto dieser Bewegung ist übrigens: "Wir emigrieren nicht. Man wirft uns hinaus." (Jan Marot aus Granada, 20.3.2016)

  • Aufgrund der angespannten Arbeitsmarktlage wandern Spanier aus ihrem Heimatland aus.
    foto: reuters/sergio perez

    Aufgrund der angespannten Arbeitsmarktlage wandern Spanier aus ihrem Heimatland aus.

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