"Maniera": Der Körper muss verdreht sein

18. März 2016, 16:46
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Das Frankfurter Städel-Museum widmet sich in der großen Ausstellung dem Glanz und der Nachtseite der Spätrenaissance: Eine prachtvolle Kunst- und Geschichtsschau

Wie wird aus abgezirkelter Harmonie etwas Wildes, Überzeichnetes, Grimassierendes, Verzerrtes? Das lässt sich im tannengrün ausgeschlagenen Auftaktsaal der Ausstellung "Maniera – Pontormo, Bronzino und das Florenz der Medici" im Frankfurter Städel-Museum studieren. Hier die Madonna Esterházy Raffaels von halbirdischer Klarheit, dort das zehn Jahre später, um 1516/17, entstandene Bildnis Madonna mit Kind und dem Johannesknaben Jacopo Pontormos, eines der "Jungen Wilden" von Florenz. Und bei Rosso Fiorentino, einem anderen damals aufstrebenden Maler, im selben Jahr wie Pontormo geboren, wird die Madonna dann ganz irdisch. Zeichnet sich doch ihr Körper überdeutlich unter dünnem Gewand ab.

Selten in den letzten Jahren ist dem toskanischen Manierismus mit seinen verdrehten Körperdarstellungen, überdimensionierten Körperteilen, seinen Regelverstößen und seinem Anti-Akademismus, vielleicht am prägnantesten zu sehen in Pontormos Heiligem Hieronymus als Büßer mit geschraubter Körperdrehung, eine derart imposante Schau gewidmet worden wie nun am Main. Knapp 50 Jahre umfasst diese Ausstellung. 1568 fand Giorgio Vasari, der letzte Hofkünstler der Medici und durch seine Vita "der erste Kunsthistoriker", für die Florentiner Künstler Pontormo, Rosso Fiorentino, Andrea del Sarto, Francesco Salviati den Sammelnamen "Manierismus". Dieser "stylish style", so der Kunstwissenschafter John Shearman, ist elegant, dabei erstaunlich zeitgemäß und in seinem Impetus des Anti-Konventionellen noch immer Atem nehmend.

Der Ausstellungskurator Bastian Eclercy hat den Rundgang klug in acht chronologisch-thematische Kapitel-Säle, deren Wandfarben von dunkeltürkis über blau bis samtrot changieren, unterteilt. So dass auch deutlich wird, wie sehr die Zeitgeschichte hineinspielte. Wieso 1527 Florentiner Künstler Hals über Kopf aus Rom flohen. Wieso nach 1530 ein Künstler wie Rosso Fiorentino aus Florenz nach Frankreich ging oder warum Agnolo Bronzino seine republikanischen Auftraggeber gegen die Tätigkeit als Hofkünstler dreingab und, an Porträts der Herrschergattin Eleonora von Toledo zu sehen, der Sippe der Medici Glanz und Pracht verlieh.

Ein Ort der Selbstdarstellung

1494 waren die Medici aus Florenz vertrieben worden. 1512 kehrte Giuliano de' Medici zurück. Der Empfang fiel kühl aus. Ein Jahr später wurde ein Medici zum Papst gewählt. Endgültig seit 1523 mit Giulio de' Medicis Besteigung des Heiligen Stuhles als Clemens VII. wurde Florenz aus Rom gelenkt. Doch im Zuge des Sacco di Roma 1527 wurde gegen die Medicis geputscht, sie mussten wieder fliehen. Zwei Jahre später wurde die Stadt belagert von jenen kaiserlichen Truppen, die schon Rom verwüstet hatten. Nach neun Monaten, im August 1530, kapitulierte Florenz, in der die Pest jeden Dritten der 32.500 Einwohner hinweggerafft hatte. Alessandro de' Medici kehrte zurück, diesmal als "Herzog der Republik Florenz". Für die nächsten knapp 50 Jahre war Florenz wieder eine Medici-Stadt, ein Ort ihrer Selbstdarstellung.

Eclercy muss die gesamte Reputation des Städel-Museums in die Waagschale geworfen haben. Ist es ihm doch gelungen, 120 Exponate aus vielen großen Museen zu leihen, aus Wien (Albertina), Berlin, Venedig, Budapest und Lille, Madrid und London wie aus den Vereinigten Staaten. Davon ist so manche Arbeit seit langem nicht mehr gereist. Aus dem Palazzo Pitti konnte er Pontormos Anbetung der Könige (1519-1523) loseisen, ein großformatiges Bild, das die Stadt am Arno noch nie zuvor verlassen hat. Und vier Zeichnungen und Gemälde aus den 1520ern, die das Thema des Martyriums der Zehntausend behandeln, hängen nach 500 Jahren erstmals nebeneinander. Sie zeigen, dass grausame Massaker medial schon vor dem IS ausgeschlachtet wurden – natürlich spiegelt sich hier das Schicksal von Florenz.

Lebensnah ist das letzte Kabinett, in dem vergrößerte Auszüge aus Pontormos Tagebuch von 1554 bis 1556, als er im Auftrag von Cosimo de' Medici den Chor von San Lorenzo ausmalte, im Original und in Übersetzung zu sehen sind. Da sind lakonisch Magenverstimmungen verzeichnet, Nachtessen mit Freunden und Arbeitsfortschritte: "Dienstag die Figur unter dem Kopf angefangen. Mittwoch den Leib unterhalb der Brüste. Donnerstag das ganze Bein. Freitag Regen." (Alexander Kluy, 18.3.2016)

Städel-Museum, bis 5. Juni

  • "Die Toilette der Venus" (um 1558) veranschaulicht den Kult der übersteigerten Körperhaltungen im Manierismus. Gemälde und Epochenbegriff stammen von Giorgio Vasari, dem "ersten Kunsthistoriker".
    foto: staatsgalerie

    "Die Toilette der Venus" (um 1558) veranschaulicht den Kult der übersteigerten Körperhaltungen im Manierismus. Gemälde und Epochenbegriff stammen von Giorgio Vasari, dem "ersten Kunsthistoriker".

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