"Die 'Deutschstunde' wird bleiben"

Interview18. März 2016, 15:01
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Am 17. März wäre der deutsche Schriftsteller Siegfried Lenz 90 Jahre alt geworden. Ein Gespräch mit seinem Weggefährten und Freund Hanjo Kesting

STANDARD: Herr Kesting, vierzig Jahre lang, bis zu seinem Tod 2014, waren Sie Siegfried Lenz ein Weggefährte und Freund. Wie haben Sie ihn in Erinnerung behalten?

Kesting: Der stärkste Eindruck meiner ersten Begegnung mit ihm waren seine unendlich blauen Augen. Das war 1973 bei einer Lesung in Hamburg. Der Eindruck dieser blauen Augen hat sich immer wieder eingestellt. Das waren keine leuchtenden Augen, sondern schwimmende Augen, in denen das Meer zu fluten schien, in unaufhörlicher Bewegung. Lenz war ungeheuer liebenswürdig. Er war menschenfreundlich und geduldig und von enormer Bescheidenheit. Auch als spätestens mit Deutschstunde 1968 der Ruhm auf ihn herniederstürzte, büßte er diese Bescheidenheit und Zurückhaltung nicht ein.

STANDARD: Als Mittel, im Dickicht der Welt Überschaubarkeit zu gewinnen, bezeichnete Lenz sein Schreiben. War das Vertrauen in die "Erzählbarkeit der Welt" sein künstlerisches Credo?

Kesting: Das hat er selbst so verstanden. Als Romanautor wurde er berühmt, aber er war ein Geschichtenerzähler. Wenn man den monumentalen Band mit seinen über 150 Erzählungen, die er im Laufe von 60 Jahren geschrieben hat, zur Hand nimmt, ist man überwältigt vom Reichtum an Figuren. Man merkt, hier liegt der Kern seiner literarischen Arbeit. Es bestand in den 60er- und 70er-Jahren in der Literaturkritik ein relativ großes Misstrauen gegenüber der Erzählung. Lenz aber besaß dieses Vertrauen in das Erzählen. Es war ihm ein Schlüssel zur Welt. Ob man damit die Welt besser versteht, wollte er nicht beantworten. Es war eher ein Versuch, Ordnung zu schaffen.

STANDARD: Wie sehen Sie die mehrfach geäußerte These, dass Lenz in all seinen Werken immer ein Autor jenes Nachkriegsdeutschlands geblieben sei, das mit dem Fall der Mauer sein Ende gefunden habe?

Kesting: Das kann man so sehen. Lenz hätte das für seine frühen Bücher gelten lassen. Niemand könne aus seiner Generation heraustreten, sagte er. 1926 geboren, kam er noch als Soldat in den Krieg. Mit 17 Jahren wurde er zur Marine eingezogen. Das war eine prägende Erfahrung. Zumindest in den ersten dreißig Jahren, also zwischen 1951, als sein erster Roman Es waren Habichte in der Luft erschien, bis zum Roman Heimatmuseum 1978 stand sein Schreiben im Zeichen dieser Kriegserinnerung. Mit der Erzählung Ein Kriegsende kam er sogar 1984 noch einmal darauf zurück. Später löste er sich von dieser Thematik und wandte sich der bundesrepublikanischen Wirklichkeit der 80er- und 90er-Jahre zu.

STANDARD: "Dem Umstand, dass man Zeitgenosse ist, kann man nicht ausweichen", sagte Lenz. Wie sehr wurde sein Werk von dieser Zeitgenossenschaft bestimmt?

Kesting: Beim späten Lenz hatte ich zuweilen den Eindruck, als sei er etwas zeitlos geworden. Man konnte von seinen Büchern nicht unmittelbar auf die aktuelle Zeiterfahrung blicken. In der Atmosphäre und der Stilistik blieb Lenz doch der früheren Zeit verhaftet. So beschreibt er zum Beispiel 2003 in seinem letzten Roman Fundbüro zwar die sich anbahnende neue ökonomische Macht, aber nicht auf sozialkritisch-realistische Weise, sondern eher wie ein soziales Märchen. Er ergreift Partei für die Schwachen und sucht sie vor der Übermacht des Kapitals zu bewahren. Seit den 80er-Jahren hatte er die Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung mit Skepsis wahrgenommen, ohne sich zum großen Kapitalismuskritiker aufzuschwingen oder wie Grass in die politische Arena zu steigen. Trotz seiner Freundschaft zu Helmut Schmidt war ihm das vom Naturell her fremd.

STANDARD: Mit Heinrich Böll und Günter Grass bildete Lenz ein Dreigestirn. Welche Rolle kam ihm in diesem Gruppenbild zu?

Kesting: Die Literaturkritik stellte ihn in diese Konstellation. Das waren die drei großen, vielgelesenen Autoren der 60er- und 70er-Jahre. Gemeinsam war ihnen, dass sie von der noch in der Jugend empfangenen Kriegserfahrung und von der Nachkriegszeit geprägt waren. Bei Böll machen wir die Erfahrung, dass er in seiner politischen Rolle und als Literaturnobelpreisträger eine große Figur war. Aber mit seinen Büchern hat er heute nur noch wenig Gegenwart, und präsent bleibt er nicht mit seinen Romanen, sondern mit seinen frühen Erzählungen. Das ist der Perspektivenwechsel der Zeiten. Ich würde den Blick nicht nur auf diese drei verengen. Wolfgang Koeppen, den ich für einen bedeutenden Autor halte, müsste man unbedingt dazuzählen. Auch Hans Magnus Enzensberger sowie Uwe Johnson, der dem Leser allerdings mehr Schwierigkeiten entgegensetzt als Lenz. Lenz ist kein komplizierter Autor und relativ gut lesbar. Was die Literaturkritik für eine gewisse Zeit dazu brachte, ihn geringzuschätzen.

STANDARD: Vom "wirkungsvollen Pakt mit dem Leser" sprach Lenz 1962 in einer Rede. Er wurde vom Publikum mehr geliebt als von der Kritik. Was warf die Kritik ihm vor?

Kesting: Die Kritik neigte zu einer Geringschätzung der Erzählung. Ästhetische Prämissen wurden damals von Adorno und der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule bestimmt. Autoren der Avantgarde wie Joyce oder Proust waren die großen Entdeckungen und galten als Monumente der Romankunst. Als junger Autor musste man in ihrem Schatten schreiben, wie das zum Beispiel Arno Schmidt tat. Auch Grass knüpfte mit der Blechtrommel an die Avantgarde an. Lenz ging diesen Weg nicht. Die ästhetischen Kunstrichter sahen ihn daher etwas von oben herab an. Aber seit Lenz nicht mehr unter uns ist, habe ich auch in der Literaturkritik nur noch respektvolle Äußerungen über ihn gelesen.

STANDARD: "Es hat Spuren hinterlassen", zitieren Sie Lenz im Rückblick auf seine schriftstellerische Laufbahn. Was wird von Lenz auf lange Sicht bleiben?

Kesting: Lenz bezog sich mit diesem Satz auf meine Frage nach dem Altwerden. Ich hatte ihn 1976 zum ersten Mal für den Rundfunk interviewt und 25 Jahre später zu seinem 75. Geburtstag erneut befragt. Da kam diese Metapher von "Dorian Gray" vor, nach der das Bild altert, aber nicht der Mensch. Gemeint waren also die Spuren des Alters. Natürlich hinterließ Lenz auch als Autor Spuren: durch seine Romane in einer Weltauflage von fast 40 Millionen. Die sind auch nicht zu tilgen und werden bleiben. Welche Bücher über seine historische Rolle hinaus als Werk, losgelöst von ihm und seiner Zeit, überleben werden, ist schwer zu beantworten. Deutschstunde ist wahrscheinlich eines der Bücher. Und vor allem werden einige seiner großartigen Kurzgeschichten aus den ersten vierzig Jahren seiner literarischen Tätigkeit in den Literaturkanon eingehen.

STANDARD: Auf große Begeisterung stößt die Veröffentlichung des Romans "Der Überläufer", den Lenz bereits 1952 verfasste und der im Nachlass gefunden wurde. Überrascht Sie diese Resonanz?

Kesting: Man begegnet in diesem Roman einem außerordentlich energievollen jungen Erzähler. Bei allen Mängeln – zu viel Pathos und das expressionistische Rumoren im Hintergrund – dominiert die Spannung, mit der Lenz einen in die Geschichte hineinreißt. Lesen kann man dieses Buch erst 64 Jahre nach seiner Entstehung, weil der Verlag in den 50er-Jahren nicht wagte, es zu drucken. Er fürchtete, sich mit einem Roman über einen deutschen Soldaten, der zu den Russen überläuft, zu beschädigen. Das illustriert einerseits die kulturpolitische Atmosphäre der 50er-Jahre, andererseits zeigt es, dass Lenz in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit einiges von dem vorwegnahm, was auf breiter Basis erst in den späten 60er-Jahren aufbrach. (Ruth Renée Reif, Album, 18.3.2016)

Hanjo Kesting, geb. 1943, war bis 2006 Leiter der NDR-Redaktion "Kulturelles Wort". Zuletzt erschien: "Augenblicke mit Jean Améry. Essays und Erinnerungen" (2014), "Große Romane der Weltliteratur. Erfahren, woher wir kommen" (2015).

  • Der Nachkriegsschriftsteller Siegfried Lenz.
    foto: imago stock & people

    Der Nachkriegsschriftsteller Siegfried Lenz.

  • Lenz' Freund Hanjo Kesting, dessen Erinnerungen jetzt erschienen sind.
    foto: peter köhn

    Lenz' Freund Hanjo Kesting, dessen Erinnerungen jetzt erschienen sind.

  • Hanjo Kesting, "Begegnungen mit Siegfried Lenz. Essays, Gespräche, Erinnerungen". € 23,60 / 256 Seiten. Wallstein-Verlag, Göttingen 2016.
    cover: wallstein

    Hanjo Kesting, "Begegnungen mit Siegfried Lenz. Essays, Gespräche, Erinnerungen". € 23,60 / 256 Seiten. Wallstein-Verlag, Göttingen 2016.

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