Eloise Hawser: Die ungestalte Technik hinter den luxuriösen Fassaden

19. März 2016, 07:00
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Die Britin Eloise Hawser erforscht Orgeln, die mit Designshops verwachsen sind

Wien – Gespenstisch ist die Leere, die der Einkaufstrubel im nächtlichen Burberry Flagshipstore auf der Londoner Regent Street hinterlassen hat. Untertags kaufen sich hier die Reicheren schöner. In Eloise Hawsers Video Solo (2015) flimmern Menschen aber einzig auf grellen, stumm schreienden Videowalls vorbei, sieht man von den Mannequins einmal ab. Deren Extremitäten kommt das Kameraauge gelegentlich sehr nahe, während es durch den Konsumtempel streift: gleichmäßig, fließend und fast ruhelos.

Und dann steht da, mitten in dieser befremdlichen Atmosphäre, mit der sonst eher Nachtwächter zu tun haben: eine Orgel. Oder genauer gesagt der Spieltisch einer elektrischen Orgel, also die Einheit mit den Manualen und Registerschaltern. Man stellt sich vor, dass, wer darauf spielte, unversehens Geister beschwören würde. Aus allen Ritzen des 1820 erbauten Gebäudes würde es diese in den Luxusshop wehen.

Aufgespielt wird bei Hawser nicht. Aber: in verborgenen Winkeln ruht, eng "verwachsen" mit der Architektur, die restliche Infrastruktur des Instruments. Und ihr gilt das eigentliche Interesse der 1985 geborenen Britin. In Wänden verbaute Pfeifen und Kammerln mit Kabeln oder Schläuchen bilden den Angelpunkt ihrer analytischen Streifzüge durch das Haus, das in seiner Geschichte bereits als Stall, Kirche, Galerie diente. Die Orgel stammt aus dem frühen 20. Jahrhundert, seinen Zeiten als Kino.

Recherchen zum "vergessenen Instrument Kinoorgel" betreibt Hawser schon länger, im Vorjahr etwa in einer Personale im Institute for Contemporary Arts in London. Ihre Aufmerksamkeit gilt dabei etwa dem Gegensatz zwischen den hochgestylten Räumen von Burberry und den ungestalten Resten einst moderner Technik hinter den Kulissen. Das anachronistische, heute unter Denkmalschutz stehende Instrument im Herzen des Designladens erzählt bei ihr aber auch von der gar ungebrochenen Technikeuphorie der Altvorderen: Immerhin rationalisierte man mit der Orgel das Stummfilmorchester weg.

Im Mumok kombiniert Hawser zwei einschlägige Videos mit Objekten, die aus architektonischen Elementen der Designshops abgeleitet sind – und mit zwei Videos, in denen sie das Durchleuchten gar wörtlich nimmt: Sie untersuchte einen Schuh und einen Büstenhalter mit Röntgenstrahlen. (rg, Spezial, 19.3.2016)

Mumok, bis 22.5.


Spezial Mumok ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit dem Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Eloise Hawser (geb. 1985) durchleuchtet nicht nur Shops, sondern auch Waren: Fürs Mumok röntgte sie einen Schuh und einen BH.
    foto: mumok / hannes böck

    Eloise Hawser (geb. 1985) durchleuchtet nicht nur Shops, sondern auch Waren: Fürs Mumok röntgte sie einen Schuh und einen BH.

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