Kunstmesse Maastricht: Neue Heimat für alte Werte

14. April 2016, 10:51
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Als Mutter aller Kunst- und Antiquitätenmessen bedient man in Maastricht (bis 20. 3.) neben Museen und spezialisierten Sammlern auch Crossbuyer. Ein erfolgreiches Format, das nun nach New York exportiert wird

Bemessen am Andrang, muss sich die Tefaf (The European Fine Art Fair) um die Gunst des Publikums keine Sorgen machen. 17.000 Besucher an den ersten beiden Öffnungstagen (bis inkl. 20. 3.) ist ein beeindruckendes Niveau. Zumal die Anreise nach Maastricht, verglichen mit anderen Messemetropolen, eher einer Pilgerfahrt gleicht. Denn der Flughafen Maastricht-Aachen ist nur bedingt für die herkömmliche Passagierluftfahrt dimensioniert, deshalb Fehlanzeige für Direktflüge.

Wer es sich leisten kann, reist mit dem Privatjet an. Und selbst dann drohen mangels ausreichender Parkmöglichkeiten Kapazitätsprobleme. Also via Köln, Düsseldorf oder Brüssel und Amsterdam, anschließend wahlweise Mietwagen oder Bahnfahrt mit mehrmaligem Umsteigen. Was anderen zu strapaziös, nimmt eine Mehrheit der jährlich rund 75.000 gezählten Besucher selbstverständlich in Kauf.

Schließlich gibt es kein vergleichbares Format, das eine derart große Bandbreite an Kunst und Handwerk über mehrere Epochen und bis in die Zeit der Antike zurück in einer solchen Güte aufwarten kann. Dem Trend der Crossbuyer folgend, ergänzt man das zeitgenössische Angebot seit 2015 um eine kuratierte Sektion: "Zeige deine Wunde", titelt sie aktuell und referiert damit ein Beuys- Werk von 1974-75. Zu den vom Amsterdamer Kurator Mark Kremer ausgewählten Galerie-Künstler-Duos gehört heuer Rosemarie Schwarzwälder (Galerie nächst St. Stephan) mit Arbeiten von Helmut Federle.

Tefaf goes New York

Das Gesprächsthema im Umfeld der aktuellen Auflage war jedoch die Expansion in die USA, jenem weltweit anteilig (43 Prozent) führenden Markt also, dem der jetzt veröffentlichte Tefaf Art Market Report 2015 als einzigem Zuwächse attestierte: um vier Prozent auf ein Wertvolumen von 27,3 Milliarden Dollar.

Über eine Kooperation mit "Artvest" wurden zwei Termine fixiert, für die man sich am Standort "Park Avenue Armory" einquartieren wird: Zum Auftakt gibt die auf Kunst von der Antike bis zum 20. Jahrhundert fokussierte "Tefaf New York Fall" im Oktober (22.-27. 10.) ihr Debüt, dieser folgt die auf Moderne, zeitgenössische Kunst und Design spezialisierte "Tefaf New York Spring", im Mai 2017. Letztere wird wohl parallel zur "Frieze New York" stattfinden, während man im Herbst ("Frieze London", 5.-9. 10.) auf einen zeitlichen Abstand setzt, der dem Handel eine Teilnahme an beiden Events ermöglicht.

Mit einem Anteil von 40 Prozent gehören Messen zu einem wichtigen Absatzkanal und gewannen an Bedeutung (Vg. 2010: 30 Prozent). Stärker als zuletzt spielen neben dem Folgegeschäft auch Verkäufe unmittelbar davor eine Rolle. Ein beispielhaftes Lied kann etwa Wolfgang Bauer (Bel Etage, Wien) dazu trällern.

Der im Vorfeld publizierte Katalog macht sich trotz Versandkosten von rund 10.000 Euro bezahlt. Etwa zehn Positionen wechselten daraus den Besitzer, etwa zwei um 1900 datierte Reliefpaare von Georg Klimt für 70.000 Euro. Dem Vernehmen nach wanderten sie in den Bestand der 201 3 von Ursula Ucicky gegründeten Klimt-Foundation, die eine Publikation von Selbigem über das Leben der Familie Klimt vorbereitet.

Noch vor der Vernissage trennte sich Talabardon & Gautier (Paris) von einem kleinen, verschollen geglaubten Rembrandt-Bild aus der Serie der fünf Sinne, das als "Continental School, 19. Jh." verkannt worden war. Dieserart beschrieben gelangte es im Herbst 2015 in Bloomfield (New Jersey) mit einer Taxe von 500 bis 900 Dollar zur Versteigerung. Der Hammer fiel erst bei einer Million Dollar, für deren drei fand es in der Leiden Collection des amerikanischen Milliardärs Thomas S. Kaplan eine neue Heimat. Für die Dauer der Messe genießt der "Geruch" (Der bewusstlose Patient) noch das Bad in der Menge.

Gleich zum Auftakt wurde ein weiterer Deal bekannt: Aus dem Angebot von Colnaghi (London) hatte sich das Mauritshuis (Den Haag) für seine weltweit einzigartige Kollektion flämischer und holländischer Meister aus dem 17. Jahrhundert ein Blumenstück von Roelant Savery gefischt. Der 6,5 Millionen Euro teure Ankauf wurde über Lottogelder, einen privaten Spender und der Rembrandt Association finanziert.

Reunion eines Altars

Bei Georg Laue (Kunstkammer, München) reservierte ein Museum den um 1795 von einem in der Roentgen-Werkstatt ausgebildeten Kunsttischler im Auftrag eines Sammlers (Johann Wilhelm Neel) für dessen Sammlung von 48 Wachsbossierungen von Caspar Hardy gefertigten Sammlungsschrank. An die Neue Galerie (New York) reichten Wienerroither & Kohlbacher (Wien/New York) wiederum eine frühe Kokoschka-Zeichnung (rund 100.000 Euro) weiter, während Karel Appels zeitgerecht zur Retrospektive (Gemeente Museum, Den Haag, bis 16. 5.) platziertes Hochformat Jazz Musician (480.000 Euro) aus der Bawag Collection noch um die Gunst des Publikums buhlt.

Derweilen bahnt sich leise eine eher kunsthistorisch als monetäre Sensation an, bei dem der Albertina-Chefkurator fachliche Schützenhilfe leistete. 2002 promovierte Christof Metzger zu Hans Schäufelin (1842/83-1539/40), der von 1503 bis 1507 in Albrecht Dürers Werkstatt tätig war. Anregungen dieser Zeit finden sich auch in Schäufelins OEuvre, etwa in einem Passions-Altärchen, das irgendwann filettiert worden war.

Die beiden Außentafeln (Abschied Christi) befinden sich seit 1821 in der Berliner Gemäldegalerie (Staatliche Museen), die restlichen Teile galten als verschollen. Nun finden sich die vier von Metzger fachlich eingeordneten Innentäfelchen im Angebot dreier Tefaf-Händler: die Geißelung (Haboldt, Paris). die Dornenkrönung Christi (Galerie St. Lucas, Wien/Zürich) sowie die Darstellungen Gebet Christi am Ölberg und Kreuzabnahme/Beweinung Christi (Arnoldi-Livie, München). Alles in allem läge der gesamte Ankaufswert bei weniger als einer Million Euro.

Die Reunion, so munkelt man, ist angezählt. Ob Berlin oder Frankfurt das Rennen macht? Denn das Städel-Museum nennt Schäufelins Zeichnung der "Kreuzigung Christi" sein Eigen, sie repräsentiert vermutlich die verschollene Mitteltafel. Laut Metzger handelt es sich jedenfalls um jene Szene, "in deren Kontext die anderen Passionsszenen ja erst ihren programmatischen Sinn entfalten" würden. (Olga Kronsteiner, Album, 18.3.2016)

Die Recherchereise wurde von Tefaf Maastricht finanziert.

Preiskorrektur

Zu den von Wolfgang Bauer (Bel Etage) im zeitlichen Umfeld der Tefaf (The European Fine Art Fair, 8.-20.3.2016) an die Klimt-Foundation (Wien) verkauften "zwei Reliefpaare von Georg Klimt": In der ursprünglichen Fassung des Artikel wurde ein Kaufpreis von 400.000 Euro angeführt, der auch in der Presseaussendung des Veranstalters zum erfolgreichen Messeauftakt am 13. März veröffentlicht wurde.

Rund einen Monat später stellte sich heraus, dass dieser Wert nicht korrekt und "jedenfalls viel zu hoch" gewesen sei, wie der Kunsthändler in einem Telefonat betonte. Anderntags informierte die Tefaf, es habe sich "bedauerlicherweise ein Fehler in der Preisangabe eingeschlichen", man möge auf 40.000 Euro korrigieren. In der offiziellen Version hatte man sich also offenbar um eine Kommastelle vertan.

Gemessen an vergleichbaren Auktionsergebnissen, am obligaten Händleraufschlag und den Maastrichter Preisverhältnissen orientiert, wäre dieser Preis für zwei um 1900 datierte Reliefpaare in die Kategorie "Schnäppchen" gefallen.

Den tatsächlichen Kaufpreis wollte der Kunsthändler, trotz mehrmaliger STANDARD-Nachfrage, allerdings nicht veröffentlicht wissen. In einem Mail (12. April) an die Autorin informierte die Klimt-Foundation nun ihrerseits, sie habe die beiden Reliefpaare für 70.000 Euro erworben. Auf diesen Betrag, bestätigt Wolfgang Bauer, sei auch die Rechnung ausgestellt worden. (kron, 14.4.2016)

  • Bei 750.000 Euro starteten die Verhandlungen für diesen Sammlungsschrank, der um 1795 für die Kollektion von  48 Wachsbossierungen entstand. Er dürfte in einem Museum eine neue Heimat finden.
    foto: kunstkammer georg laue

    Bei 750.000 Euro starteten die Verhandlungen für diesen Sammlungsschrank, der um 1795 für die Kollektion von 48 Wachsbossierungen entstand. Er dürfte in einem Museum eine neue Heimat finden.

  • Im Herbst 2015 gelangte dieser lange verschollene Rembrandt, als "Continental School, 19. Jhd." verkannt in einem kleinen amerikanischen Auktionshaus zur Versteigerung. Statt der taxierten 900 brachte es eine gute Million Dollar und wechselte über den französischen Kunsthandel anschließend in eine amerikanische Sammlung (Leiden Collection). Nun gastiert die Trouvaille in Maastricht: "Geruch" (Der bewusstlose Patient"), ca. 1624-25) aus der Serie der fünf Sinne.
    foto: talabradon & gautier (paris)

    Im Herbst 2015 gelangte dieser lange verschollene Rembrandt, als "Continental School, 19. Jhd." verkannt in einem kleinen amerikanischen Auktionshaus zur Versteigerung. Statt der taxierten 900 brachte es eine gute Million Dollar und wechselte über den französischen Kunsthandel anschließend in eine amerikanische Sammlung (Leiden Collection). Nun gastiert die Trouvaille in Maastricht: "Geruch" (Der bewusstlose Patient"), ca. 1624-25) aus der Serie der fünf Sinne.

  • Um 1506 schuf der auch in der Werkstatt Dürers wirkende Hans Schäuflin einen kleinen Passionsaltar. Irgendwann vor 1821 wurde er zerteilt und die Tafeln einzeln verkauft. Zwei Aussentafeln (nicht abgebildet, Werktagsansicht) befinden sich seit 1821 in der staatlichen Gemäldesammlung Berlin. Auf der Messe in Maastricht werden nun die vier Innentafeln (Festtagsansicht) bei drei Kunsthändlern angeboten: "Gebet Christi am Ölberg" (li.o., Arnoldi-Livie), "Geißelung" (re.o. Haboldt), "Dornenkrönung Christi" (li.u., St. Lucas) und "Kreuzabnahme/Beweinung Christi" (re.u. Arnoldi-Livie). Die Zeichnung "Kreuzigung Christi" (mitte) aus dem Bestand des Städel Museums (Frankfurt) dürfte eine Vorarbeit zum verschollenen Mittelteil sein.
    foto: christof metzger

    Um 1506 schuf der auch in der Werkstatt Dürers wirkende Hans Schäuflin einen kleinen Passionsaltar. Irgendwann vor 1821 wurde er zerteilt und die Tafeln einzeln verkauft. Zwei Aussentafeln (nicht abgebildet, Werktagsansicht) befinden sich seit 1821 in der staatlichen Gemäldesammlung Berlin. Auf der Messe in Maastricht werden nun die vier Innentafeln (Festtagsansicht) bei drei Kunsthändlern angeboten: "Gebet Christi am Ölberg" (li.o., Arnoldi-Livie), "Geißelung" (re.o. Haboldt), "Dornenkrönung Christi" (li.u., St. Lucas) und "Kreuzabnahme/Beweinung Christi" (re.u. Arnoldi-Livie). Die Zeichnung "Kreuzigung Christi" (mitte) aus dem Bestand des Städel Museums (Frankfurt) dürfte eine Vorarbeit zum verschollenen Mittelteil sein.

  • Aus der Bawag Collection stammt Karel Appels "Jazz Musician", der über Wienerroither & Kohlbacher (Wien) für 480.000 Euro einen neuen Besitzer sucht. Die derzeit im Gemente Museum stattfindende Appel-Retrospektive (bis 16.5.) könnte motivierende Wirkung haben.
    foto: wienerroither & kohlbacher

    Aus der Bawag Collection stammt Karel Appels "Jazz Musician", der über Wienerroither & Kohlbacher (Wien) für 480.000 Euro einen neuen Besitzer sucht. Die derzeit im Gemente Museum stattfindende Appel-Retrospektive (bis 16.5.) könnte motivierende Wirkung haben.

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