Das Risiko, vegan zu sein

Blog18. März 2016, 12:09
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Vegetarier tun ihrer Gesundheit möglicherweise etwas Gutes. Vegane Ernährung ohne Mangelerscheinungen hingegen, setzt viel Wissen voraus

Die Auswahl an Fleischersatzprodukten im Supermarkt ist groß. Auch Haubenrestaurants haben sich schon der vegetarischen Küche verschrieben. Die Zahl der Österreicher, die auf Fleisch und Fisch verzichten, liegt Umfragen zufolge zwischen vier und neun Prozent. Darunter finden sich auch Menschen, die sich vegan, also rein pflanzlich ernähren. Etwa eineinhalb Prozent der österreichischen Bevölkerung verzichten nicht nur auf Fleisch und Fisch, sondern essen auch keine Milchprodukte und Eier.

Vegetarier leben gesünder

Ethische Überzeugungen sind die persönliche Sache jedes Einzelnen. Die Auswirkungen auf die Gesundheit hingegen lassen sich wissenschaftlich objektiv überprüfen. Studienergebnisse zeigen einen klaren Trend: Vegetarier leben zwar nicht länger als Fleischliebhaber, dafür jedoch gesünder. Wer auf Fleisch verzichtet, erleidet seltener Herzinfarkte und erkrankt weniger häufig an Krebs als Personen, die auch Fleisch auf dem Speiseplan stehen haben.

Vegetarier sind häufig auch schlanker, betreiben mehr Sport und konsumieren weniger Tabak und Alkohol als Nichtvegetarier. Daher ist nicht hundertprozentig klar, ob der Fleischverzicht oder eher der allgemein gesündere Lebensstil der Grund für die bessere Gesundheit ist.

Für den Gesundheitsvorteil einer zumindest fleischarmen Lebensweise spricht die kürzlich veröffentlichte Stellungnahme der Weltgesundheitsorganisation. Demnach scheinen deklarierte Fleischliebhaber ein geringfügig höheres Krebsrisiko zu haben als Menschen, die wenig Fleisch konsumieren. Die erhöhte Krebswahrscheinlichkeit ist jedoch so klein, dass sie im Alter von 65 Jahren höchstens vier von 1.000 Menschen treffen würde.

Veganer brauchen Vitaminzusätze

Wer auf Fleisch verzichtet, aber Milchprodukte und Eier isst, muss keinen Nährstoffmangel befürchten. Wichtig ist allerdings, auf eine ausgewogene Ernährung mit vielen unterschiedlichen Zutaten zu achten. Das gilt besonders für das hauptsächlich in Fleisch vorkommende Eisen. Ein Mangel daran führt zu Blutarmut und beeinträchtigt bei Kindern das Wachstum. Eisen ist jedoch auch in Gemüse und Vollkornprodukten enthalten.

Anders sieht es jedoch bei Veganern aus. Ihnen fehlt das wichtige Vitamin B12 in der Nahrung, denn dieses kommt nur in tierischen Produkten vor. Menschen, die sich rein pflanzlich ernähren, müssen daher Vitamin B12 als Zusatz einnehmen. Tun sie das nicht, kann es über die Jahre zu einer Blutarmut und schließlich zu bleibenden Nervenschäden kommen. Zusätzlich nehmen Veganer häufig auch zu wenig Kalzium auf, da sie auf kalziumreiche Milchprodukte verzichten. Aus diesem Grund sind viele Spezialprodukte für Veganer mit Vitamin B12 und Kalzium angereichert.

Vegan: Gesund oder ungesund?

Bei mündigen Erwachsenen spricht prinzipiell nichts gegen eine vegane Ernährung. Voraussetzung ist aber ein umfangreiches Wissen über alle benötigten Nährstoffe und Vitamine, damit es zu keinem Mangel kommt. Gefährlich sind jedoch Falschinformationen auf Websites, die beispielsweise behaupten, Veganer könnten mit Sauerkraut und Algen ihren Vitamin-B12-Bedarf decken. Dass es sich dabei um einen Mythos handelt, betont auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung.

Kinder vegan zu ernähren empfehlen weder die österreichische noch die deutsche Gesellschaft für Ernährung. Zu groß ist das Risiko, dass es zu einem kritischen Nährstoffmangel kommt, der das Wachstum hemmt.

Auch wenn Veganer bei abwechslungsreicher und bewusster Ernährung keine Gesundheitsschäden befürchten müssen – dass eine rein pflanzliche Ernährung gar gesünder sein soll als eine lacto-ovo-vegetarische (fleischlose Ernährung inklusive Eier und Milchprodukte), ist bisher nicht wissenschaftlich belegt. Auch wenn eine fleischlose Ernährung das Krebsrisiko verringern könnte, scheint das auf Veganer nicht stärker zuzutreffen als auf Lacto-ovo-Vegetarier. Weder Veganer noch Vegetarier scheinen zudem ein längeres Leben genießen zu können als fleischessende Menschen. (Gerald Gartlehner, 28.3.2016)

Gerald Gartlehner ist Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin (EbM) und Klinische Epidemiologie der Donau-Uni Krems, Direktor der österreichischen Cochrane-Zweigstelle und Vizedirektor des Research Triangle Institute – University of North Carolina Evidence-based Practice Center, USA. Er leitet die Plattform medizin-transparent.at und nimmt auf derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.

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  • Kinder sollen nicht vegan ernährt werden, empfehlen die österreichische und die deutsche Gesellschaft für Ernährung. Ein Nährstoffmangel könnte das Wachstum hemmen.
    foto: dpa/daniel karmann

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  • EbM-Experte Gerald Gartlehner nimmt für derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.
    foto: georg h. jeitler/donau-uni krems

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