Die Tücken der Kriminalstatistik

Kommentar17. März 2016, 18:09
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Man sollte sich auf Mathematik besinnen – aber auch nicht blauäugig sein

"Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hat", soll Winston Churchill gesagt haben. Was angesichts der heimischen Kriminalstatistik natürlich Humbug ist. Trauen kann man ihr, die Frage ist, wie sie zu interpretieren ist.

Die nackten Zahlen zeigen eine klare Tendenz: Der Anteil der ausländischen Tatverdächtigen hat den höchsten Wert seit zehn Jahren erreicht. 37 Prozent der Anzeigen betreffen Menschen, die keine Österreicher sind – bei einem Anteil von 13,3 Prozent an der Gesamtbevölkerung.

Das betrifft nicht nur die Anzeigen der Polizei, sondern spiegelt sich auch in den Verurteilungen durch Gerichte. Aber Obacht: Der Schluss, dass Asylwerber und (Süd-)Osteuropäer das Land kriminell verheeren, ist etwas voreilig. 12,5 Prozent der Fremden sind beispielsweise Teil jener Touristen, die 2015 fast 99 Millionen Nächte hier verbracht haben. Der Klassiker dabei: der Skidiebstahl.

Auf den ersten Blick ist auch der Anstieg bei den tatverdächtigen Asylwerbern frappant: Um fast 40 Prozent ist dieser Wert gestiegen. Hier kommt die Mathematik ins Spiel: Denn relativ gesehen sind Asylwerber sogar "braver" geworden. Steigt deren Zahl absolut, steigt auch die Zahl der Anzeigen. Im Vergleich zu 2014 sind allerdings weniger Delikte pro Kopf registriert worden.

Sicher, den Opfern eines Raubüberfalls, eines Einbruchs oder eines sexuellen Übergriffs ist diese Relation verständlicherweise herzlich egal. Und auch die Nichtbetroffenen werden durch die mediale Berichterstattung über aufsehenerregende Fälle wie beispielsweise die Vergewaltigung eines Zehnjährigen durch einen Flüchtling verunsichert.

Entscheidend sind daher die absoluten Zahlen. Allerdings: Auch die haben sich positiv entwickelt. Um 10.000 Delikte gab es im Vorjahr weniger als noch 2014 – und das trotz der Flüchtlingsbewegung. Noch wichtiger: Wohnraumeinbrüche beispielsweise gab es um fast zehn Prozent weniger, auch die Zahl der Sexualdelikte ist im Vorjahr gesunken.

Blauäugig darf man dennoch nicht sein. Denn unter allen angezeigten Fremden ist die größte Gruppe jene von Menschen, die keine Beschäftigung haben. Da braut sich definitiv ein Problem zusammen, betrachtet man die Wirtschaftslage. Wobei man auch hier Vorsicht walten lassen muss. Aus dem Gerichtsalltag weiß man, dass Geldprobleme das häufigste Motiv bei Eigentumsdelikten sind – sowohl bei Einheimischen als auch bei Fremden.

Genau hier ist anzusetzen. Frustrierte junge Männer sind am anfälligsten dafür, auf dumme Gedanken zu kommen. Noch dazu, wenn sich eine Gruppe gegenseitig aufschaukelt. Auch hier sollte man sich auf die Mathematik besinnen. Wenn Familien aus dem Ausland oder mit Migrationshintergrund mehr Kinder als die Autochthonen bekommen, steigt ihr Anteil an der Grundgesamtheit – und damit auch an den Rechtsbrechern. Der Schluss aber, dass "die Ausländer" krimineller als die Österreicher sind, ist so nicht zulässig.

Will man also die Kriminalitätsrate senken, ist es am vernünftigsten, Geld in die Hand zu nehmen: für Ausbildung, für Freizeitangebote, für Beratungsstellen. Woher das kommen soll? Es ist schon da. Denn jeder Tag Haft verursacht Kosten – und dient angesichts der Überbelegung der Gefängnisse der Befriedigung der Gesellschaft, aber nicht der Reintegration. (Michael Möseneder, 17.3.2016)

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