Spezialisten unter den Schmetterlingen sind zum Aussterben verdammt

18. März 2016, 10:30
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Luftverschmutzung und Landwirtschaft verändern Flora zahlreicher Biotope

München – Was unterscheidet den Zitronenfalter vom Alpenapollo? Während ersterer zu den Habitat-Generalisten zählt, gilt der Apollo als Spezialist, der auf sumpfige Stellen in den Hochalpen angewiesen ist. Diese Spezialisierung gibt dem Schmetterling allerdings schlechte Karten in die Hand. Eine aktuelle Studie konnte nun nachweisen, dass Habitat-Spezialisten selbst in Naturschutzgebieten auszusterben drohen. Schuld daran ist vor allem die Zunahme von reaktivem Stickstoff in der Atmosphäre.

Die Untersuchung basiert auf einer der längsten Beobachtungsreihen, die jemals erhoben wurde und ist in Zusammenarbeit der Technischen Universität München (TUM) mit der Zoologischen Staatssammlung München (ZSM) entstanden. Sie verzeichnet in Bayern den Artenschwund der vergangenen Jahrzehnte – und einen wenig effektiven Natur- und Artenschutz.

Es wurden Artenlisten und Schmetterlingssammlungen seit dem Jahr 1840 bis heute ausgewertet. Sämtliche Daten stammen von Lepidopterologen, von Schmetterlingsforschern aus Gebieten um Regensburg. Die dortigen Südhänge entlang der Donauschleifen bestehen im Wesentlichen aus seltenen Magerrasen-Gebieten und damit nährstoffarmen Biotopen für Schmetterlinge und andere Insekten. Etwa 45 Hektar sind seit 1992 Naturschutzgebiet.

Anfällige Arten

"Die Beobachtung über einen Zeitraum von 200 Jahren bestätigt den allgemeinen Trend, dass spezialisierte Arten stark rückläufig sind, obwohl sie im Fokus des Naturschutzes stehen", erklärt Jan Christian Habel von der TU München. Beispielsweise wurden zwischen 1840 und 1849 noch 117 Tagfalterarten und Widderchen (tagaktive Nachtfalter) verzeichnet, zwischen 2010 und 2013 sind es nur noch 71 Arten.

Zudem hat sich die Zusammensetzung der Schmetterlingsarten verändert. Lebte früher eine vielfältige Schmetterlingsgemeinschaft in der Region, dominieren nun wenige Habitat-Generalisten. Verschwunden sind viele Habitat-Spezialisten, die bestimmte Raupenfutterpflanzen und Lebensraumstrukturen zum Überleben benötigen.

Die Ursachen sind laut der im Fachmagazin "Conservation Biology" veröffentlichten Studie vor allem in den hohen Emissionen reaktiven Stickstoffs zu suchen. Reaktiver Stickstoff entsteht etwa bei der Verbrennung von fossilen Brennstoffen, Holz oder Torf, durch die industrielle Verbrennung, durch den Anbau von Hülsenfrüchten und durch die immer intensivere Landwirtschaft der vergangenen Jahrzehnte. Über den Luftweg verändert Stickstoff die Nährstoffzusammensetzung und überdüngt diesen sehr empfindlichen Vegetationstyp.

Stickstoff verändert die Flora

Flora und Fauna sind aber an eine nährstoffarme Lebensumgebung angepasst. Die Stickstoffzufuhr fördert nun das Wachstum etwa von Pflanzen wie Löwenzahn, Disteln und Sauerampfer. Dies verdrängt die typische Flora und damit für die Schmetterlinge notwendigen Raupenfutterpflanzen. "Habitat-Spezialisten sind sehr stark von diesen Umweltveränderungen betroffen", sagt Biogeograf Habel von der TU München.

Trotz Klimaerwärmung nehmen laut der Studie ebenso die sogenannten thermophilen Arten ab, die es warm und trocken mögen. Das ist für den Laien zunächst erstaunlich. "Durch die Stickstoffeinträge wächst die Vegetation schneller. Dadurch wird es schattiger am Boden, zu schattig für wärmeliebende Schmetterlinge", erklärt Habel. "Die Frage ist doch: Können wir über das etablierte Netz von Fauna-Flora-Habitat-Schutzgebieten überhaupt langfristig einen effektiven Naturschutz erzielen?", wirft Habel ein. "Die Antwort ist offensichtlich ‚Nein‘." (red, 18.3.2016)


Abstract
Conservation Biology: "Butterfly community shifts over 2 centuries."

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