Ex-NSA-Direktor: NSA will nach Apple-Streit alle iPhones überwachen

21. März 2016, 09:58
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Der Streit mit Apple dient tatsächlich einer noch stärkeren Massenüberwachung, sagt Bill Binney

Der einstige technische Direktor der NSA, Bill Binney, denkt, dass sein ehemaliger Arbeitgeber die Begehrlichkeiten des FBI im Streit mit Apple voll unterstützt. Die US-Justiz verlangt vom IT-Konzern eine spezielle Software, mit der Sicherheitsvorkehrungen bei iPhones deaktiviert werden können. Dadurch wäre das FBI in der Lage, beschlagnahmte iPhones mit sogenannten "Brute Force"-Attacken zu knacken. Darunter versteht man unzählige maschinelle Passworteingaben zum Herausfinden des korrekten Codes.

Binney: "Zugriff auf alle iPhones der Welt"

Binney denkt allerdings, dass die Causa weit über beschlagnahmte iPhones hinausgeht. "Die Apple-Software könnte dann benutzt werden, um alle Simkarten weltweit – also alle Teilnehmer in einem überwachten Netzwerk – zu knacken", sagt Binney im Gespräch mit dem STANDARD. Dadurch könnten die NSA und ihre Partner wie der britische GCHQ Zugriff auf "alle iPhones der Welt" erlangen. Dass sich der US-Verteidigungsminister Ashton Carter und Ex-NSA-Chef Michael Hayden gegen Verschlüsselungshintertüren ausgesprochen hatten, sei laut Binney nicht ernst zu nehmen: "Was sie wirklich wollen, ist Zugriff."

Apple betreibe nur Marketing

Binney erteilt auch jenen Spekulationen eine Absage, denen zufolge das US-Militär (zu dem zwar die NSA, nicht aber das FBI gehört) wegen Kooperationen im militärtechnologischen Bereich zu Zugeständnissen ans Silicon Valley bereits wäre. "In diesem Bereich kann man niemandem vertrauen", sagt Binney. Zu sehen sei das etwa daran gewesen, dass die NSA mit dem Prism-Programm Daten von Unternehmen abgezapft hatte, die gleichzeitig mit ihr zusammengearbeitet haben. Auch Apple solle man nicht vertrauen, so Binney weiter. Dem Argument, dass der Widerstand gegen das FBI auch aus Marketingzwecken erfolge, stimmt der Mathematiker zu.

Metadaten reichten aus

Allerdings seien all diese Scharmützel laut Binney gar nicht nötig: "Metadaten ausgesuchter Ziele – also Informationen, wer wann mit wem gesprochen hat – reichen für die Terrorabwehr vollkommen aus." Es gebe "keinen Grund", warum man Inhalte nicht verschlüsseln solle. Das sieht auch Regisseur Friedrich Moser, dessen Porträt über Binney "A Good American" am Freitag in die Kinos kommt, ähnlich. Dass das FBI womöglich sogar den Source Code von Apples Betriebssystemen verlangen könnte, sei "Wahnsinn", so Moser.

Cruz und Sanders pro Datenschutz

Über politische Unterstützung des Datenschutzes durch künftige Präsidentschaftskandidaten macht sich Binney wenig Hoffnung. Für ihn gebe es lediglich zwei Bewerber, die in puncto Privatsphäre eine akzeptable Position einnehmen: Der republikanische Hardliner Ted Cruz, der durch seine Kritik an staatlicher Einmischung in das Privatleben der Bürger gegen die NSA-Überwachung im Inland agitiert, sowie der demokratische Bewerber Bernie Sanders. "Alle anderen würden FBI und NSA unterstützen", so Binney. (Fabian Schmid, 21.3.2016)

  • Ex-NSA-Direktor Binney bei einer Whistleblower-Konferenz.
    foto: reuters/ernst

    Ex-NSA-Direktor Binney bei einer Whistleblower-Konferenz.

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