Leicesters Erfolg ist Englands Armutszeugnis

Kommentar2. Mai 2016, 23:32
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Ginge es nach Ressourcen, dürfte der neue Meister bestenfalls im Mittelfeld stehen

Natürlich hat in Wirklichkeit noch niemand Pferde kotzen sehen. Rösser kommen aus anatomischen Gründen nicht in diese Verlegenheit. Ebenso wie ein Klub wie Leicester City schon aus finanziellen Gründen nicht die Gelegenheit bekommen sollte, englischer Fußballmeister zu werden. Geld schießt überall die meisten Tore, sprich, garantiert den größten Erfolg – anscheinend nur in der Premier League nicht.

Ginge es nach den Ressourcen, dürfte die Truppe aus den Midlands bestenfalls im gesicherten Mittelfeld stehen. Dort steht aber stattdessen Meister Chelsea, der nach Umsatz (420 Millionen Euro in der Saison 2014/15) Leicester (137 Millionen) um mehr als das Dreifache übertrifft. Manchester United, der Umsatzkrösus der Liga (519 Millionen), hat aktuell nach Verlustpunkten 14 Zähler Rückstand auf den Spitzenreiter, der einen hervorragenden Trainer, deutlich mehr hochmotivierte als hochbegabte Spieler und einen fantastischen Lauf hat.

Dass es tatsächlich zum Meistertitel für die bisher nahezu Titellosen gereicht hat stellt der Liga bei allem Respekt vor Christian Fuchs' Foxes ein Armutszeugnis aus. Die seit Jahren beklagte Schwäche der englischen Nationalmannschaft lässt sich schlüssig durch die hohe Zahl der die Premier League dominierenden Legionäre und das Vertrauen in längst nicht mehr erstklassiges Trainerpersonal erklären.

Die Schwäche der Klubs – der letzte europäische Triumphator war 2012 Chelsea, damals schon eher überraschend und nach Trainer Roberto di Matteos Fasson wenig elegant – wirkt wie das Resultat einer Überdüngung. Einkauf kommt bei den Spitzenklubs vor dem Aufbau, und weil es am Geld nicht mangelt, werden auch Unsummen für Spieler bezahlt, die nicht oder nicht mehr die Klasse haben, strukturelle Schwächen zu überdecken.

Mag sein, Pep Guardiola bekommt bei Manchester City die Chance, längerfristig zu arbeiten. Ohne Totalumbau wird es aber bei den Citizens nicht abgehen, obwohl sie europäisch gerade erst ins Laufen gekommen sind. Wo soll der Scheich des Katalanen sonst mit seinem Geld hin?

In der Europa League haben der FC Liverpool, Jürgen Klopp und Glück ein Wunder gewirkt. Wer Pech hat wie Vizemeister Tottenham, verliert zum Beispiel in Dortmund mit 0:3. Gut, es war nur die zweite Mannschaft der Spurs am Werk. Das ist aber ein generelles moralisches Problem der Fußball-Neureichen aus England, die zwar 40-Mann-Kader unterhalten, sich aber nicht für alle Bewerbe gerüstet fühlen. Eine vergleichsweise kleine Mannschaft mit großer Moral stellt dann das entsprechende Zeugnis aus. (Sigi Lützow, 2.5.2016)

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