Jon Spencer Blues Explosion: Aus Liebe zum Grind

17. März 2016, 16:20
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Die New Yorker Explosion ging in der Wiener Arena hoch

Wien – In die Jahre gekommene New Yorker jammern gerne, dass früher alles besser war. Darum ist New York wohl so international, weil das ja überall gilt. Besonders modern ist das Jammern jener, die in den 1980ern in den großen Apfel bissen und in seiner wild wuchernden Undergroundkultur aufkeimten.

Jon Spencer ist so einer. Der gründete damals, in der grindigen Lower East Side, die Band Pussy Galore, eine Trümmerrock-Band, brutal, laut, geil. Aus deren Hinterlassenschaften entstieg Spencer, um in der Folge zwei weitere Formationen zu gründen: Boss Hog und 1991 die Jon Spencer Blues Explosion. Mit der Blues Explosion wurde er in der ersten Hälfte der 1990er zu einem der Posterboys des New Yorker Undergrounds. Seine Frau Cristina Martinez modelte für Calvin Klein, und Spencer gab den coolen Elvis-Presley-Wiedergänger in der großen Stadt. Daraus entwickelte sich eine mittlere Weltkarriere. Nach diversen Pausen und Nebenprojekten wie Spencer Dickinson und dem rock-'n'-rolligen Heavy Trash reanimierte Spencer vor ein paar Jahren die Blues Explosion. Deren Name ist Programm, mit diesem gastierte er am Mittwoch in der Wiener Arena.

Neue Erkenntnisse stellten sich bei dem Dreier nicht ein. Dass früher alles besser war, vermittelte der im Bühnenhintergrund auf einer Leinwand ablaufende Film. Eine Hommage, eine Collage aus Fundstücken und Aufnahmen von damals, als New York noch dreckig und sexy war. Jon Spencer, Judah Bauer und Russell Simins mögen der Zeit zwar nachhängen, doch spielen sie heute noch so scharf wie vor 25 Jahren.

Spencers Blues-Deutung wurzelt im Punk. Das bedeutet eine Reduktion aufs Notwendigste. Ein tanzendes Skelett auf der Videowall gab dafür in der Arena ein passendes Sinnbild ab. Mit zwei Gitarren und einem auf Galeere gestimmten Schlagzeug ging das Trio in seine Songs wie ein Antiterrorkommando durch die Tür eines Verdächtigen.

Nicht ohne Zärtlichkeit

Die Energie der Band ist beträchtlich, Pausen sind für Schwächlinge, die wenigen Ansagen ans Publikum Netiquette vor der nächsten Watschen, die ist natürlich bloß akustischer Natur. Derart angestochen kreuzten die drei durch Titel wie Afro (ein Evergreen in einer super Version) und neue Songs wie White Jesus, Born Bad und Wax Dummy. Gerade Letztgenannter zeigte, wie lässig und funky diese Band trotz all ihren Wütens ist. Denn wie ein Trottel auf den Stein hauen könnte ja jeder. Die Blues Explosion hingegen pflegt den Grind des Blues zwar mit voller Wucht, doch nicht ohne Zärtlichkeit.

Für diese Streicheleinheiten spielte Bauer die zweite Gitarre mitunter slide, ohne deshalb zu bremsen. Es geht hier um Dynamik: geben, nehmen, andeuten, suchen und zerstören. Anders als alte Wegbereiter, deren damals als heftig geltende Musik in heutigen Ohren wie Pop klingt, wird diese Blues Explosion ihrem Signum immer noch gerecht. (Karl Fluch, 17.3.2016)

  • Judah Bauer, Jon Spencer und Russell Simins sind die Jon Spencer Blues Explosion. Am Mittwoch detonierten sie in der Wiener Arena. Bamm!
    foto: arena

    Judah Bauer, Jon Spencer und Russell Simins sind die Jon Spencer Blues Explosion. Am Mittwoch detonierten sie in der Wiener Arena. Bamm!

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