Die Wähler der AfD: Gegen Zuwanderung, die EU und die Regierung

Blog17. März 2016, 16:34
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Es ist umstritten, ob die AfD zu der Familie der rechtspopulistischen Parteien gehört. Eine Analyse zeigt aber, die Wahlmotive decken sich mit jenen der FPÖ-Wähler

Am Sonntag hat die Alternative für Deutschland (AfD) ihre bisher größten Wahlerfolge gefeiert. Mit zweistelligen Ergebnissen zog die junge Partei in die Landtage von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ein, in Sachsen-Anhalt erreichte sie am Ende sogar knapp ein Viertel der Stimmen. In der politikwissenschaftlichen Forschung ist umstritten, ob die AfD zur Familie der rechtspopulistischen Parteien in Europa gezählt werden kann – was aber auch an ihrer noch geringen Lebensdauer liegt.

Gründe genug also, um einen genaueren Blick auf die Wählerinnen und Wähler der AfD zu werfen. Für die folgende Analyse verwende ich Daten des European Social Survey 2014. Wohl hat sich in der Zeit seit 2014 einiges getan (etwa die Abspaltung der Fraktion um Ex-Parteisprecher Bernd Lucke und das Erstarken der Flüchtlingsbewegungen nach Europa), jedoch sind die ESS-Daten von 2014 die jüngsten hochwertigen Daten, die öffentlich zugänglich sind.

foto: ap/meyer
Die AfD feiert Wahlsiege.

Merkmale der AfD-Wähler

In der Umfrage (N > 3000) geben rund fünf Prozent aller Personen, die eine Parteipräferenz äußern, die AfD als ihre Wahl an. Mithilfe einer binären logistischen Regression können wir überprüfen, welche Merkmale diese Personen von Wählerinnen und Wählern anderer Parteien unterscheiden. Ich wähle eine Reihe an Merkmalen aus, die sich in drei Gruppen zusammenfassen lassen.

Sozialstruktur: Alter, Bildung, Geschlecht, Haushaltseinkommen, Erfahrung von Arbeitslosigkeit, Beruf (Arbeiter, Selbstständige, öffentlich Bedienstete)

Einstellungen und Werthaltungen: Einstellung zur Zuwanderung, zur europäischen Integration, zu Einkommensungleichheit und zur Gleichberechtigung homosexueller Paare sowie Religiosität.

Politisches System: Interesse an Politik, Vertrauen ins Parlament, Zufriedenheit mit der Regierung sowie Zufriedenheit mit der Wirtschaftslage.

Natürlich gäbe es noch eine Vielzahl anderer Faktoren (viele davon wären auch im ESS-Datensatz verfügbar), doch ist es nicht sinnvoll, ein statistisches Modell mit Erklärungsfaktoren zu überfrachten. Besser ist es, eine beschränkte Zahl an Variablen zu wählen, bei denen es zumindest plausibel erscheint, dass sie mit dem zu untersuchenden Phänomen in Verbindung stehen.

Eines noch vorweg: Eine derartige Regressionsanalyse ist zwar das klassische Instrument der Wahlforschung, kann aber (fast) nie kausale Zusammenhänge beweisen.

Das Ergebnis der Analyse im Detail können Interessierte hier nachlesen. Ich konzentriere mich auf jene vier Faktoren, für die sich ein statistischer Zusammenhang mit der Wahl der AfD nachweisen lässt: Einstellung zu Zuwanderung, Einstellung zur europäischen Integration, Religiosität und Zufriedenheit mit der Bundesregierung. Die nachfolgenden Grafiken zeigen (geschätzt auf Basis des Regressionsmodells), wie sich die Wahrscheinlichkeit, die AfD zu wählen, in Abhängigkeit von zwei dieser vier Variablen ändert. Zu beachten ist dabei, dass die Basiswahrscheinlichkeit nicht sehr hoch liegt, da eben nur fünf Prozent der Befragten im Sample ihre Stimme für die AfD abgeben würden.

Die erste Grafik zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit einer AfD-Stimme von rund neun auf zwei Prozent abnimmt, wenn sich die Einstellung zur Zuwanderung von sehr negativ zu sehr positiv ändert (alle anderen Faktoren werden in dieser Schätzung konstant gehalten, die beiden strichlierten Linien geben die Schwankungsbreite für die Schätzung an). Wesentlich sind bei der Interpretation weniger die absoluten Wahrscheinlichkeitsniveaus als die Änderungen in den Wahrscheinlichkeiten über den Skalenbereich des Erklärungsfaktors.

grafik: laurenz ennser-jedenastik

Ein fast identisches Bild zeigt sich für die Einstellung zur europäischen Einigung. Hier sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Stimmabgabe für die AfD von acht auf zwei Prozent, wenn man sich vom EU-skeptischen Extrem der Skala zum proeuropäischen Endpunkt bewegt.

Die zweite Grafik zeigt das vielleicht überraschendste Ergebnis der Analyse: Die Wahrscheinlichkeit, AfD zu wählen, sinkt mit steigender Religiosität. Beträgt sie für gar nicht religiöse noch etwa sieben Prozent, so liegt sie bei sehr religiösen Personen nur noch bei zwei Prozent.

grafik: laurenz ennser-jedenastik

Zu guter Letzt gibt es auch bei der Zufriedenheit mit der Bundesregierung einen statistisch feststellbaren Zusammenhang. Hier nimmt die AfD-Wahlwahrscheinlichkeit von acht Prozent (sehr unzufrieden mit der Regierung) auf rund zwei Prozent (sehr zufrieden mit der Regierung) ab.

Diese zugegebenermaßen noch nicht völlig ausgefeilte Analyse zeigt also: AfD-Wählerinnen und -Wähler sind gegenüber Zuwanderung und europäischer Integration überdurchschnittlich skeptisch, vergleichsweise unzufrieden mit der Regierung und unterdurchschnittlich religiös.

Im Gegensatz zu diesen vier Faktoren hat die Analyse keine Effekte für sozialstrukturelle Variablen (Bildung, Alter, Geschlecht, Einkommen …) identifizieren können. Das mag allerdings auch an der geringen Anzahl an deklarierten AfD-Wählerinnen und -Wählern in der Befragung liegen – ein Problem, das bei steigender Zustimmung zur AfD in zukünftigen Datenerhebungen geringer sein wird.

Besonders interessant ist, dass drei der vier als relevant identifizierten Faktoren (Zuwanderung, Europa, Zufriedenheit mit der Regierung) in Österreich gute Erklärungsfaktoren für die Wahl der FPÖ sind (siehe hier). Das ist ein gutes Indiz dafür, dass die AfD in Deutschland eine ähnliche Position im Parteienwettbewerb einnehmen könnte wie die FPÖ in Österreich. (Laurenz Ennser-Jedenastik, 17.3.2016)

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