Zweiklassenmediziner in Gesundheitsfabriken?

Interview21. März 2016, 09:00
105 Postings

Uni-Professor Johannes Steyrer sagt, es finde eine Verfachhochschulung des Medizinstudiums statt

STANDARD: Ende der 1990er-Jahre gab es die Medizinerschwemme. Damals grassierte die Angst, nach dem Studium als Taxifahrer arbeiten zu müssen. Heute gibt es den Medizinermangel. Was ist da schiefgelaufen?

Steyrer: Es gab sowohl auf der Nachfrage- als auch auf der Angebotsseite Entwicklungen, die zwar vorhersehbar waren, aber von der Politik, den Unis und den Interessenvertretungen schlichtweg ignoriert wurden. Wir haben eine wachsende, alternde Bevölkerung, die chronisch und multimorbid erkrankt ist. Man hat darüber hinweggesehen, dass das Gesundheitspersonal älter wird. Insbesondere in den nächsten zehn Jahren gehen überproportional viele Ärzte in Pension. Bei den niedergelassenen Ärzten ist das Durchschnittsalter 53 Jahre. Die maximale Arbeitszeit der Spitalsärzte musste pro Woche aufgrund einer EU-Verordnung von 60 auf 48 Stunden gesenkt werden. Dass das auf uns zukommt, wusste man seit 2003. Zwölf Jahre später, nach einer EU-Ermahnung, hat man das umgesetzt. Schließlich haben die harten Eingangstests fürs Medizinstudium dazu geführt, dass die Absolventenzahlen zurückgehen. Waren es in den Spitzenzeiten noch rund 1.800 pro Jahr, sind wir heute bei rund 1.400. Den Unis war das recht, weil sie Planungssicherheit bekamen. Nicht gerechnet hat man aber damit, dass rund 25 Prozent der Absolventen aus anderen EU-Ländern kommen, von denen die meisten nicht bleiben. Auch 20 Prozent der österreichischen Absolventen gehen weg.

STANDARD: Wegen der Arbeitsbedingungen und der Entlohnung?

Steyrer: Die Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen in den österreichischen Krankenhäusern lassen zu wünschen übrig. Die Bezahlung ist in Deutschland höher und vor allem in der Schweiz sehr viel höher. Der Rationalisierungs- und Legitimationsdruck in Krankenhäusern führt dazu, dass zunehmend die Heilkunst in den Hintergrund gedrängt wird und die Bürokratie überhandnimmt. Krankenhäuser sind mehr und mehr Gesundheitsfabriken, wo "Hightech" auf Kosten von "Hightouch" geht. Auch im niedergelassenen Bereich ist es nicht besser. Wenn sie einen Kassenvertrag haben, dann müssen sie auf Masse setzen, damit sich das unterm Strich rechnet. Auch deshalb hat sich die Anzahl der Wahlärzte seit 2000 nahezu verdoppelt. Jüngere wollen sich zunehmend weniger in die alten Beschäftigungskorsette drängen lassen.

STANDARD: Andererseits hat Österreich eine hohe Ärztedichte. Kann man der Politik den Vorwurf machen: Falsch geplant, da haben wir also die Erklärung?

Steyrer: Wir haben eine paradoxe Situation. Österreich hat mit 4,8 Ärzten pro 1.000 Einwohner nach Griechenland (6,1) die zweithöchste Ärztedichte Europas. Wir haben allerdings auch eine der höchsten Bettendichten in Europa, und die Krankenhausaufenthalte pro Kopf sind um rund 55 Prozent höher als im Schnitt der EU-15 (ohne die Staaten der Osterweiterung). Hier schafft sich das Angebot die eigene Nachfrage. Gesundheitsökonomen nennen dies angebotsinduzierte Nachfrage. Was an Leistungen nachgefragt wird, hängt stark davon ab, wozu Ärzte raten. Aufgrund der Finanzierung des Systems kommen da zwei Dinge zusammen: eine Art Freibiermentalität seitens der Patienten und eine Art Selbstbedienungsmentalität ohne Supermarktkassa bei den Ärzten. Zahlen tut all das jedenfalls ein anderer. Besser gesagt: Wir alle zahlen das! Wenn Sie so wollen, ja, wir haben kein Mangelproblem, sondern ein Verteilungsproblem. Das wird dadurch verstärkt, dass die Ärzte regional extrem unterschiedlich verteilt sind: überproportional viele in den Ballungszentren und wenige auf dem Land und in der Peripherie. Einen Vorwurf kann man den Entscheidungsträgern also nicht ersparen: Sie sind von der naiven Annahme ausgegangen, man könne linear, top-down, ein komplexes Angebot-Nachfrage-System steuern.

STANDARD: Was hat sich an den Ansprüchen der Jungen wirklich geändert?

Steyrer: Für die Babyboomer, also für die Wirtschaftswunder-, TV-, Mondlandungsgeneration, waren Aufstieg und Erfolg zentral. Die gehen jetzt in Pension. Für die nachfolgende Generation Y, also für die Work-Live-Balance-, Playstation-, PC-Generation, stehen Freiheit und Flexibilität an vorderster Stelle. Für die Generation Y hat das traditionelle Krankenhaus, wie es aus dem 19. Jahrhundert stammt, den miefigen Charakter einer formalisiert-bürokratisch-hierarchischen Anordnungskultur. Hinzu kommt, dass die Babyboomer als Eltern ihren Kindern mitgegeben haben: "Du bist etwas ganz Besonderes!" Mit dieser Erwartungshaltung kannst du in einem durchschnittlichen österreichischen Krankenhaus nur frustriert werden. Die jungen Leute wollen nicht mehr "für" die Organisation, sondern "mit" der Organisation arbeiten.

STANDARD: Was ist zu tun, um die Versorgungsqualität zu sichern und um das Krankenhaus an diese geänderte Bedürfnisstruktur anzupassen?

Steyrer: Zunächst hat die Politik ja schon reagiert. Es gibt eine neue Medizin-Uni in Linz und in Krems. Da haben sich – oh Wunder – wieder die Länder durchgesetzt, denn es wäre billiger gewesen, die bestehenden Standorte auszubauen. Ganz zu schweigen von der Qualität. Sie können nicht von heute auf morgen eine Uni etablieren, die auf internationalem Niveau ein so komplexes Wissensgebiet wie Medizin "State of the Art" unterrichtet. Da findet zurzeit eine Verprovinzialisierung und Verfachhochschulung des Medizinstudiums statt. Nichts gegen die Provinz und gegen Fachhochschulen. Aber in Zukunft haben wir nicht nur eine Zweiklassenmedizin, sondern auch zwei Medizinerklassen. Der Politik ist das wurscht, weil sie mehr Angst davor hat, dass die Gesundheitsversorgung prekär wird. Wir alle wissen: Da kennen Wähler keinen Spaß. Aber es gibt auch positive Entwicklungen: Die klassische Einpersonenarzt-, die Facharztpraxis ist ein Auslaufmodell. In Zukunft wird es mehr Versorgungszentren in enger Kooperation mit Krankenhäusern geben. Diese Zentren werden die Primärversorgung übernehmen, vernünftige Öffnungszeiten haben und die Ambulanzen entlasten. Da wird es flexiblere Arbeitsmodelle geben, die auch für die Generation Y attraktiv sind. Zwischen Krankenhäusern wird es verstärkt zu einem "War for Talents" kommen, den nur diejenigen gewinnen, die eine professionelle Ausbildung garantieren. Schließlich ändert sich das Berufsbild der Pflege. Die diplomierte Pflege auf Bachelorniveau wird in Zukunft einen Großteil der Routinetätigkeiten von Ärzten übernehmen. Eine Vorreiterrolle hat hier Großbritannien, wo beispielsweise "Nurse Practitioners" eigenverantwortlich diagnostizieren, verschreiben und behandeln. (Karin Bauer, 21.3.2016)

Johannes Steyrer ist außerordentlicher Universitätsprofessor an der Wirtschaftsuniversität Wien mit den Forschungsschwerpunkten Personalführung, Karriereentwicklung von Managern und Auswirkungen der Patientensicherheitskultur auf Fehler in Medizin und Pflege. Er leitet den MBA-Studiengang Health Care Management.

  • Nicht mehr nur für die, sondern mit der Organisation arbeiten: Managementprofessor Johannes Steyrer zum nötigen Wandel.
    foto: ho

    Nicht mehr nur für die, sondern mit der Organisation arbeiten: Managementprofessor Johannes Steyrer zum nötigen Wandel.

  • Artikelbild
    foto: apa/helmut fohringer
Share if you care.