Psychotherapie-Ausbildung: Privat oder öffentlich?

24. März 2016, 09:00
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St. Pölten steigt mit einer Privatuni ins Geschäft der Psychotherapie-Ausbildung ein. Andere wollen eine umfassende, interprofessionelle öffentliche "Gesundheitsuniversität"

Soll Psychotherapie eine Zusatzausbildung sein, die Menschen aus verschiedensten Lebenswelten privat absolvieren, um dann überwiegend privat bezahlt therapeutisch tätig zu sein? Oder soll sie ein eigenständiges Heilungsangebot, eine eigene Säule im Gesundheitssystem sein inklusive wissenschaftlicher Fundierung und klarer Berufsbiografie und -identität?

Neues privates Angebot

Jene, die eine "Akademisierung" der Psychotherapie fordern, optieren für Letzteres. Am Zug sind allerdings derzeit die privaten Anbieter. Wie etwa nun die kommende Privatuni in St. Pölten mit vorgesehenen 240 Studienplätzen, Bachelor- und Masterprogrammen auf dem Gelände der FH St. Pölten.

Damit steigt ein weiterer Anbieter in den Akademisierungsring der Psychotherapie, in dem die Sigmund-Freud-Privatuni (SFU) als Erste – mit derzeit 3.000 Studierenden und 500 Absolventen in Psychotherapiewissenschaft – und die Kremser Karl-Landsteiner-Privatuni mit ihrem Bachelorstudium spielen. Billiger wird diese Ausbildung durch mehr Anbieter nicht. Rund 35.000 Euro kostet die Psychotherapieausbildung (ohne Propädeutikum) derzeit bei den zugelassenen Vereinen.

Wie viele Psychotherapeuten braucht Österreich?

50.000 Euro Gesamtkosten fallen bei der SFU an. St. Pölten plant mit 4.000 bis 5.000 Euro pro Semester. Protest des Berufsvereins ÖAGG (Österreichischer Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik) an der privat zu finanzierenden Ausbildung verhallte bis jetzt. Dabei geht es den Berufsvertretern auch um "Augenhöhe mit Medizin und Psychologie".

Ob mehr Bedarf überhaupt gegeben sei, nachdem in Österreich bereits rund 8.000 Psychotherapeuten in die Ministeriumsliste eingetragen sind? Nur rund zehn Prozent davon seien vollberuflich tätig, also übten ihre Profession 25 Wochenstunden aus, sagt SFU-Rektor Alfred Pritz. Der große Rest praktiziere deutlich weniger, sehr oft aus eigenen freien Stücken. 3.000 bis 4.000 vollberuflich Tätige könnten in Österreich nach seiner Einschätzung gut ausgelastet sein. Auch wenn eine explosionsartige Vermehrung der Kontingente auf Krankenschein ebenso unwahrscheinlich erscheint wie eine deutliche Erhöhung der Refundierung (von derzeit 21,80 Euro).

Wer es sich leisten kann

Rektor Pritz plant für 2021 jedenfalls mit 5.000 Studierenden in diesem Bereich an seiner Uni. Die SFU kooperiere derzeit mit sieben für Ausbildung zugelassenen Vereinen. Pro Akademisierung spricht für ihn einerseits eine "fundierte Ausbildung, anders als bisherige postgraduale Weiterbildungen", was für eine klare Identitätsbildung relevant sei. Dazu habe derzeit die Forschung "einen zu kleinen Stellenwert".

Der qualitativen Einzelfallforschung, erklärt Klaus Schulte, wolle man sich künftig auch in St. Pölten widmen. Sollten alle Akkreditierungen wie geplant eintreffen, bereits ab 2017/18. Schulte sitzt auch im ÖAGG-Vorstand.

Dass die Akademisierung dieses Heilberufes zunehmend etwas für Leute mit Geld ist, lässt sich nicht bestreiten. Schulte spricht mit der Stimme einer Privatuni, wenn er sagt, als solche könne man "unbelastet von bestehenden Strukturen Neues schaffen".

Kein Garant für beste Köpfe

"Die aktuell hohen Kosten der Psychotherapieausbildung garantieren keineswegs, dass immer die Geeignetsten diese Ausbildung absolvieren", gibt Karin Gutierrez-Lobos, Professorin und Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, zu bedenken. Akademisierung bedeute Koppelung von Wissenschaft und Forschung an die praktische Ausbildung. Im Sinne der künftigen Herausforderungen sollte eine "umfassende Lösung getroffen werden", Psychotherapie als dritte Säule könne nicht ausschließlich privat organisiert sein, die Ausbildung an öffentlichen Unis sei zu forcieren, durchaus in Kooperation mit Ausbildungsvereinen. Für Qualitätssicherung der Forschung, der Lehre und der Praxis durch interprofessionelle Zusammenarbeit wäre das Modell einer Gesundheitsuniversität notwendig. Gutierrez-Lobos: "Learning together to work together." (Karin Bauer, 24.3.2016)

  • Wer kooperiert mit wem in der Ausbildung – und wer soll was zahlen? Viel Diskussionsstoff zum Psychotherapiegesetz.
    foto: istock

    Wer kooperiert mit wem in der Ausbildung – und wer soll was zahlen? Viel Diskussionsstoff zum Psychotherapiegesetz.

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