Amazon treibt Paketriesen vor sich her

17. März 2016, 09:14
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Der zunehmende Wettbewerb im Paketgeschäft macht Postgesellschaften erfinderisch. Amazon treibt die Branche vor sich her

Wien – Amazon hält Europas Paketzusteller auf Trab. In Großbritannien verkauft der US-Onlinehändler neuerdings auch frische Lebensmittel, und in Großstädten auf dem Festland baut der Pionier des Internethandels vollautomatische Packstationen auf, in denen Kunden ihre Bestellungen abholen und retournieren können. Das Projekt "Amazon Locker" umfasst außerdem den Aufbau einer eigenen Logistikstruktur.

Deutliches Indiz für die Aufrüstung gegen die meist staatlichen Platzhirsche in der Paketzustellung: In Städten wie München, Paris und Luxemburg werden via Stelleninserate Manager für den Aufbau der entsprechenden Infrastruktur gesucht, berichtete die "Süddeutsche Zeitung".

Dass es ernst gemeint ist mit der Konkurrenz für UPS, FedEx, DHL und Co lässt sich auch daran ablesen, dass "Prime Kunden" künftig direkt bedient werden sollen. In Amerika sei das üblich, nun solle der Dienst "Amazon Flex" auf das Massengeschäft ausgedehnt werden, zitierte Reuters eine Amazon-Sprecherin. Fahrer würden bereits angeheuert.

Nicht zum Ausruhen

Zum Ausruhen gibt es im Paketgeschäft also nichts, die Margen purzeln, und der Wettbewerb nimmt an Schärfe zu. Früher oder später wird Amazon auch vor Österreich nicht haltmachen, sagt Österreichs Platzhirsch im Business-to-Consumer-Paketsegment, Post-Chef Georg Pölzl. Sie hat seit dem Eintritt der Deutschen Post in die Division des gemeinen Pakets vor einem halben Jahr alle Hände voll zu tun, nach Österreich einliefernde Großkunden wie Amazon bei der Stange zu halten.

Noch ist DHL-Paket im Aufbau und noch keine ernstzunehmende Konkurrenz für die teilstaatliche Post. Aber der gelbe Riese muss sich Sendungen, die von den Deutschen früher an die Österreichische Post AG automatisch übergeben wurde, mittlerweile teileweise selbst abholen. Das erhöht den Aufwand – und die Unsicherheit, wie lange das wohl so bleiben mag.

Die Post gibt sich selbstbewusst und arbeitet an der Attraktivierung ihrer Dienstleistungen. Samstagzustellung, Selbstbedienungsläden (zum Abholen und Abgeben der Pakete) und Paket-Boxen in Stiegenhäusern von Wohnhäusern (in denen Sendungen bei Abwesenheit des Empfängers hinterlegt werden) waren der Anfang.

Abends an der Haustür

Für Lebensmitteltransporte gibt es "coole Boxen", in denen verderbliche Ware bis zu 48 Stunden kühl bleibt. Heuer will die Post das Angebot mit Abendzustellung und speziellen Haustürboxen erweitern. Bei Letzteren handelt es sich um mobile verschließbare Behälter, die vor der Wohnungstür liegen (und in der Wohnung befestigt werden), sodass der Zusteller Sendungen hinterlegen kann. Der Kunde erspart sich so den Weg zur nächsten Postfiliale oder zum Postpartner.

Ernst genommen wird der Amazon-Vorstoß für Eigenzustellung von großen Playern wie Deutsche Post DHL jedenfalls. "Natürlich ist das etwas, das wir uns anschauen", sagte der für Post, E-Commerce und Paket zuständige Vorstand der Deutschen Post, Jürgen Gerdes. Ein Abzug von Paketmengen beschädige das Geschäft der Post, doch werde dies nicht langfristig und nachhaltig sein.

Die Post richte sich nicht an einem einzelnen Kunden aus: "Wir haben eine große Maschinerie mit vielen, vielen Kunden", betonte Gerdes. "Jeder Kunde hat das Recht, seine Geschichte fortzuschreiben." Auch die Post tue dies – und arbeite "an einer Erfolgsgeschichte".

Das Gegenkonzept: Die Deutsche Post baut ihr flächendeckendes Netz sukzessive aus – Finnland, Schweden, Norwegen und das Baltikum sind die nächsten Stationen. Gelingt die Ausweitung plangemäß, ist die Deutsche Post in 16 europäischen Ländern aktiv. Um rasch Fläche zu gewinnen, arbeitet man auch mit lokalen Partnern zusammenarbeiten, wie dies beispielsweise in Österreich der Fall ist.

Auf Expansion ist man auch bei den Packstationen, von denen laut Post in Deutschland rund 2750 in Betrieb sind und 150 weitere verteilt auf Belgien, die Niederlande, Luxemburg und Österreich.

Die Bedrohung durch Amazon ist zumindest in Deutschland sehr konkret: Im Vorjahr wurde in Olching bei München ein erstes Paketzentrum eröffnet, in dem 130 Mitarbeiter Pakete für die Zustellung noch am gleichen oder am kommenden Tag verteilen. Amazon-Laster sind bis dato noch nicht unterwegs, die Auslieferung an die Kunden übernehmen laut Amazon lokale Logistikunternehmen. Die Amerikaner prüfen die Eröffnung weiterer Verteilzentren, um näher an die Kunden heranzurücken. In Großbritannien gibt es diese bereits.

Österreichs Post versucht inzwischen, den Paketimport in lokales Geschäft umzumünzen. "Weil es bei weitem nicht alle Waren, die online bestellt werden, nur im Ausland gibt", wie Post-Chef Pölzl sagt. Noch heuer soll die E-Commerce-Plattform "Shöpping" eröffnet werden, um dem kleinteiligen heimischen Handel den digitalen Weg zu ebnen. Sie zahlen dann Provision an die Post statt an Amazon. (ung, dpa, APA, 17.3.2016)

  • Online-Shopping ist für Konsumenten einfach, produziert aber Verkehr und Logistik. Das verursacht Kosten.
    foto: istock / arda guldogan

    Online-Shopping ist für Konsumenten einfach, produziert aber Verkehr und Logistik. Das verursacht Kosten.

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