Die Lust an der Last

21. März 2016, 09:00
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Die Anzahl der Zustell- und Transportdienste, die für ihre Leistungen auf Lastenräder zurückgreiften, steigt auch hierzulande

Wien – Einmal habe er für eine Kundin vom Elektrodiskonter eine Waschmaschine abgeholt und dann vom Möbelhändler Regale und eine Lampe. Er war mit dem "Truck", einem Lastenrad für schwere Transporte, und einem Anhänger unterwegs. Die Waschmaschine war in null Komma nichts verladen, während der Nachbar an der Warenausgabe den großformatigen Flatscreen erst in seinen Mercedes-Kombi brachte, nachdem er ihn ausgepackt hatte.

Das ist eine der Geschichten, die Flo Weber, einer der Gründer des Wiener Lastenradbotendienstes Heavy Pedals, aus seinem Alltag erzählen kann. Auch komme es vor, dass er oder einer seiner Kollegen zweieinhalb Meter hohe Pflanzen transportieren, die in keinen Lieferwagen passen, oder einen großen Hund zum Röntgen beim Tierarzt und zurück.

Maximal 250 Kilo können mit einem solchen Schwertransportfahrrad pro Fahrt ausgeliefert werden, erklärt Weber. Wobei: theoretisch natürlich mehr, aber das sei das maximal zulässige Gesamtgewicht für mehrspurige Fahrräder. Zwei bis vier Fahrer sind pro Tag unterwegs, beliefert wird das ganze Stadtgebiet. Durchschnittlich legt ein Fahrer pro Fahrt 50 bis 60 Kilometer zurück, manchmal sind es auch 100. "An einem Tag haben wir für eine Spedition knapp 900 Kilo an 40 Adressen ausgeliefert", erinnert er sich.

Last-Mile-Verteilung

Hauptsächlich sind es Stammkunden, die beliefert werden, etwa eine Bäckerei oder Gastronomiebetriebe. Auch mit einem Expresspaketdienst wird kooperiert. "Die kommen dann mit einem Lkw zu uns, und wir übernehmen die Last-Mile-Feinverteilung." Aber natürlich bringt man auch auf Anruf das Bücherregal von A nach B.

Bei Heavy Pedals wird einspurig ohne Elektromotor gefahren, mehrspurige Räder sind elektrifiziert. Auch der "Musketier" des Herstellers Radkutsche, ein Dreirad, ist häufig im Einsatz. Der Reparaturaufwand sei davon abhängig, wie viel verschiedene Leute mit einem Rad fahren. "Wenn jede Person ein fixes Rad hat, wird besser darauf geschaut."

Zum "Truck" der Wiener Fahrradherstellerfirma Maderna Cycle Systems (MCS) wird auch regelmäßig Feedback gegeben, das in neue Modelle einfließt und so auch für das Zustellgewerbe optimiert wird. Im Shop, den Heavy Pedals neben dem Botendienst und einer Werkstätte betreibt, ist es auch käuflich zu erwerben.

Essen fassen

Beim Zustellservice von "Rita bringt's" richtet sich hingegen alles nach den Erfordernissen der Mittagspause. Die Kraftanstrengung konzentriert sich auf die Zeit zwischen 10 und 12 Uhr vormittags, wenn zehn bis zwölf Zusteller ausschwärmen, um mehrere Hundert Mittagsportionen, die am Vortag per Onlinebestellung eingetrudelt sind, in einem großen Teil von Wien zu verteilen. "Durchschnittlich werden 25 Adressen pro Zusteller angefahren", erklärt die Gründerin Rita Huber. Besonders beliebt ist Ritas veganes Essen im ersten Bezirk.

Besonders gern sind die Zusteller dabei mit den Lastenrädern von Bullitt unterwegs, erklärt Huber: Das sind schlanke, sportliche Räder mit acht Gängen. Daneben stehen noch vier mit Elektroantrieb zur Verfügung, die etwa für weitere Distanzen oder mit Anhänger für Caterings benutzt werden. Auch zwei "Trucks" von MCS sind dabei.

Ein wirklich fetter Brummer ist aber das Foodbike. Dabei wurde gemeinsam mit einem Schlosser ein Rad umgebaut und ein Aufbau für die "Radkutsche Musketier" entworfen, der das Rad zum fahrbaren Marktstand macht. "Auch hier wird die vorbereitete Ware fertig zubereitet, Geschirr und Speisen eingepackt, und dann fahren wir von der Küche direkt damit weg", erklärt Huber.

Um es für diesen Zweck verwenden zu können, muss nicht nur die Statik des mit vielen Regalen ausgestatteten Fahrzeugs, sondern auch die Hygienerichtlinien, die das Marktamt vorgibt, eingehalten werden. "Der Prototyp funktioniert gut, wir haben viel optimiert", schildert die Unternehmerin. "Doch der Nächste wird noch einmal anders, kürzer und mit anderen Reifen." Je nach Gericht kann das Marktgefährt 500 bis 700 Portionen laden.

Im Moment ist die Kapazität der Bioküche von "Rita bringt's" am Limit. Es wird ein zweiter Standort gesucht, um das Zustellgebiet weiter ausdehnen zu können. Weite Strecken sind normalerweise kein Problem. Wenn aber der Akku am Alberner Hafen kaputtgeht, wie das einen Fahrer schon passiert ist, sind das "die blöderen Momente einer Lieferkarriere".

Supermarktradler

Nicht nur die umweltfreundliche Dienstleistung, sondern auch das Wohlergehen der Mitarbeiter selbst steht im Fokus des sozioökonomischen Projekts "Michl's bringt's" (sic!). Unterstützt vom Arbeitsmarktservice finden hier über 50-Jährige einen Wiedereinstieg ins Arbeitsleben, indem sie für maximal neun Monate Einkäufe zustellen.

Kooperationspartner ist die Supermarktkette Spar, zugestellt wird innerhalb des Wiener Gürtels. "Das Service ermöglicht beispielsweise in der Früh noch vor der Arbeit den Einkauf auszuwählen und ihn sich am Abend zustellen zu lassen", erklärt der Projektleiter Berndt Zantler. "Oder für ältere Menschen, die nicht mehr selbst einkaufen gehen." Eine Betreuungsperson kann den Einkauf von unterwegs erledigen und zustellen lassen.

Der Service benutzt Elektroräder von KTM, der "Lieferwagen", ein Anhänger mit hohen Fassungsvolumen, wird nachgezogen. Eine Zustellung für "alles, was ein Mann auf einmal tragen kann", kostet zwei Euro, die verwendeten Kühlboxen werden gleich wieder mitgenommen.

Man arbeitet am Wunschziel von 50 Zustellungen pro Tag. "Einige der Herren sehen das wirklich als Berufung", sagt Zantler. "Sie wollen sich weiter verwirklichen und etwas auf die Beine stellen." (Alois Pumhösel, 21.3.2016)

Wissen

Begehrte Gefährte

Einen "Lastwagen auf zwei Rädern" nennt der Wiener Hersteller Maderna Cycle Systems (MCS) sein Modell "Truck". Es ist eines der beliebtesten Gefährte heimischer Lastenradunternehmer.

Die Ladefläche des einspurigen Tiefladers entspricht etwa einer halben Europalette. Sperrige, hohe Güter oder Stangen mit bis zu drei Metern Länge seien kein Problem, verspricht der Hersteller. Das Ladegut wird mit Gurten befestigt. Mit einem Fahrzeuggewicht ab 28 Kilogramm soll es sich fahren wie ein "Mountainbike mit langem Heck".

Ebenfalls ein Schwertransporter ist das Modell "Musketier" des Herstellers Radkutsche, der aus der Nähe von Tübingen in Deutschland kommt. Das Dreirad bietet die Möglichkeit für individuelle Aufbauten. Die Essenszusteller von "Rita bringt's" haben daraus zum Beispiel einen mobilen Markstand gemacht (siehe Text oben). Die Ladefläche entspricht den Maßen einer Europalette. Ausgestattet sind die "Musketiere" mit einem 250-Watt-Radnabenelektromotor, der mithilfe eines Gasgriffs und eines fünfstufigen Tempomats gesteuert werden kann.

An einen Film mit Steve McQueen aus den 1960er-Jahren erinnert der Markenname der Räder von Bullitt. Der deutsche Hersteller verbaut in einer Basisversion der einspurigen Fahrzeuge Aluminiumrahmen und Sieben-Gang-Shimano-Schaltungen.

Ladefläche vorn

Anders als beim "Musketier" und beim "Truck" befindet sich die Ladefläche dabei vor dem Fahrer. Die Räder kommen auf ein Gewicht von 24 Kilogramm. Ein Elektroantrieb ist optional und macht das Gefährt um fünf Kilogramm schwerer. Zu haben sind Lastenfahrräder ab rund 1.500 Euro, Modelle mit E-Motor und Aufbau können schon mit 5.000 Euro aufwärts zu Buche schlagen. (pum)

www.mcsbike.com

www.radkutsche.de

www.cargobike-darmstadt.de

www.heavypedals.at

  • Das Lastenfahrrad gilt vor allem im urbanen Raum als ein würdiger Ersatz für motorisierte Transporter. Hier ein Nutzfahrzeug des Bike-Bahn-Bike-Transporteurs Imagine Cargo.
    foto: imagine cargo / f.s.k. / friedrich simon kugi

    Das Lastenfahrrad gilt vor allem im urbanen Raum als ein würdiger Ersatz für motorisierte Transporter. Hier ein Nutzfahrzeug des Bike-Bahn-Bike-Transporteurs Imagine Cargo.

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