Arbeitslosigkeit wird in Österreich immer mehr zur Sackgasse

17. März 2016, 06:00
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Wer lange ohne Job ist, hat es schwer. Über 65.000 waren 2015 durchgehend beim AMS gemeldet

Wien – Die Arbeitslosigkeit in Österreich ist auf einem historischen Hoch und wird heuer aller Voraussicht nach weiter steigen. Je länger das so bleibt, desto schwieriger wird es für Betroffene auch in wirtschaftlich besseren Zeiten, wieder Jobs zu finden. Die Arbeitslosigkeit verfestigt sich, warnen Experten. Eine Erhebung, die das AMS für den STANDARD durchgeführt hat, liefert nun aktuelle Zahlen. Im Vorjahr waren über 65.000 Menschen mehr als zwei Jahre beim AMS gemeldet. Wer nur kurz für ein paar Wochen einen Job angenommen hat und dann wieder arbeitslos wurde, ist in der Statistik inbegriffen.

Etwa 28.500 Menschen waren länger als drei Jahre mit maximal kurzen Unterbrechungen beim AMS. Zur Einordnung: Im Durchschnitt waren im Vorjahr 420.000 Personen arbeitslos. Die meisten haben ihre Jobs aber noch nicht vor allzu langer Zeit verloren. Zumindest aber ein Drittel der Menschen war schon über ein Jahr ohne Job. Das Problem hat sich zuletzt massiv verschärft: Der Anteil der Langzeitarbeitslosen ist heute doppelt so groß wie noch 2007.

Für Arbeitslose wird es immer schwieriger, einen Job zu finden, sagt Helmut Mahringer vom Wifo. Zum einen ist das Wirtschaftswachstum in Österreich schon länger schwach. Das heißt, es entstehen weniger Jobs. Menschen würden deshalb auch seltener ihre Arbeit wechseln. Wer sich beruflich neu orientieren möchte, wagt das in dieser unsicheren Phase eher nicht. Dazu kommt die hohe Zuwanderung aus dem EU-Ausland, vor allem aus Osteuropa.

"Offene Stellen werden oft mit Zuwanderern besetzt", sagt Mahringer. Die im Vergleich zu wirtschaftlich besseren Zeiten wenigen Jobs, die in Österreich geschaffen werden, werden also oft von besser qualifizierten Ausländern besetzt. Ökonomen warnen schon länger davor, dass es für viele Arbeitslose wegen ihrer geringen Ausbildung schwer werden könnte, Jobs zu finden. Jeder zweite Arbeitslose hat maximal einen Pflichtschulabschluss.

foto: reuters / makela

Dass das wahre Ausmaß des Problems noch wesentlich größer ist, als die offiziellen Statistiken zeigen, legt eine Studie des Wifo aus dem Jahr 2014 nahe. Wer für ein halbes Jahr einen Job auf einer Baustelle findet und danach wieder gekündigt wird, gilt nicht als langzeitarbeitslos. Auch wenn er vorher vielleicht drei Jahre keinen Job hatte. Die Studie zeigt, dass über 170.000 Menschen in den vergangen fünf Jahren zumindest für 2,5 Jahre arbeitslos waren.

Das hat für die Arbeitssuche gravierende Auswirkungen. Wer in die Gruppe fällt, hat mit großer Wahrscheinlichkeit auch im Jahr nach der Erhebung maximal für kurze Zeit einen Job. Das zeigen auch Studien aus den USA. Jemand der länger arbeitslos ist, wird demnach viel seltener zu Bewerbungsgesprächen eingeladen, als eine gleich alte, gleich ausgebildete Person ohne diese Lücke im Lebenslauf.

Wer länger ohne Job sei, sagt Rudolf Winter-Ebmer von der Johannes-Kepler-Universität in Linz, ist oft bereit, für weniger Geld auch schlechtere Jobs zu übernehmen. "Das sollte die Chance auf einen Job eigentlich steigern." Der Ökonom arbeitet aber gerade an einer Studie, die zeigt, dass das nur wenig hilft. "Die Arbeitslosen verlieren mit der Zeit Fertigkeiten, man kommt aus der Übung", sagt Winter-Ebmer. "Das überwiegt."

Obwohl der Trend in die falsche Richtung geht, ist die Situation in Österreich im Vergleich noch immer gut. Deutschland hat die niedrigste Arbeitslosenquote in ganz Europa, aber 60 Prozent mehr Langzeitarbeitslose. Fast kein anderes Land hat so wenige wie Österreich. Das liege am recht flexiblen Arbeitsmarkt, sagt Helmut Mahringer.

Arbeitslosen wird also eher eine Chance gegeben, weil man sie im Zweifel leicht wieder kündigen kann. Weil viele Flüchtlinge zunächst einmal in der Arbeitslosigkeit landen würden, dürfte der Trend aber weiterhin in die falsche Richtung gehen, sagt Ökonom Winter-Ebmer. Er fordert die Regierung auf, dem Thema absolute Priorität zu geben. (Andreas Sator, 17.3.2016)

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