Volkes Stimme

Kolumne16. März 2016, 17:20
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Die wirklich großen Politiker waren immer diejenigen, die sich nicht vom Mainstream tragen ließen

Joseph II., Sohn Maria Theresias, war ein Mann der Aufklärung. Er führte wichtige Reformen ein, aber er hatte die Exzesse der Französischen Revolution erlebt, die seine Schwester Marie Antoinette unter die Guillotine gebracht hatten, und er misstraute dem Pöbel. Seine Devise lautete: Alles für das Volk. Nichts durch das Volk.

Demokratisch war das nicht. Aber man fühlt sich an ihn erinnert, wenn man sieht, was heute alles angeblich durch das Volk gewünscht, gefordert, bejubelt und auch durchgeführt wird. Da sind die Massen in den USA, die Donald Trump an die Spitze der Meinungsumfragen bei den Republikanern gebracht haben und die johlen vor Begeisterung, wenn ihr Liebling wieder einmal irgendeine Unsäglichkeit von sich gegeben hat. Da sind die Massen in Europa, die Viktor Orbán gewählt haben, Marine Le Pen, Jaroslaw Kaczynski, Silvio Berlusconi, H.-C. Strache und sich von diesen das Heil versprechen. Und wer sich die sogenannten sozialen Medien ansieht und die Leserbriefe in manchen Zeitungen, hat bisweilen das Gefühl, durch eine Kloake zu waten.

Ist das wirklich "das Volk", das da spricht? Oder nur dessen trüber Bodensatz? Und haben die Politiker respektabler Parteien recht, wenn sie sagen, man müsse auf das Volk hören und dürfe sich nicht zu weit von diesem entfernen? Das Volk ist ein großer Lümmel, meinte Heinrich Heine. Der große Lümmel hörte und hört zu, wenn ihm jemand mit hinlänglicher Überzeugungskraft erklärt, alles würde gut und alle würden wohlhabend, wenn man nur alle sogenannten Volksfeinde vertriebe (oder umbrächte). Die Protestanten aus Österreich, die Aristokraten aus Frankreich, die Armenier aus der Türkei, die Kapitalisten aus der Sowjetunion, die Juden aus Deutschland, die Deutschen aus der Tschechoslowakei, die Muslime aus den USA, die Flüchtlinge aus Europa. Weg mit den Unruhestiftern – und es gibt keine Probleme mehr. Dass die Probleme danach doppelt und dreifach wiederkommen, erlebt meistens erst die nächste Generation.

Es gibt immer genügend Zyniker in der Politik und in den Medien, die sich diese Stimmungen zunutze und sich selbst zu deren Lautsprechern machen. Davon kann man gut leben. Aber die wirklich großen Politiker waren immer diejenigen, die sich nicht vom Mainstream tragen ließen, sondern diesem ihre eigene, wohlerwogene Vision entgegenstellten. De Gaulle, Churchill, Roosevelt, Adenauer, Kreisky. Sie haben ihren Platz in der Geschichte gefunden. Möglich, dass man Angela Merkel dereinst zu ihnen zählen wird. Früher oder später – oft allerdings zu spät – erkannten stets auch die Menschen, wo ihre wahren und wo ihre vermeintlichen Interessen lagen.

In guten Zeiten ist leicht regieren. In Krisenzeiten braucht man wirklich gute Leadership und auch wirklich gute und verantwortungsvolle Medien. In der New York Times konnte man vor kurzem lesen, dass die Europäer ebenso wie die US-Amerikaner derzeit oft an die 1930er-Jahre dächten, als populistische und extremistische Stimmen immer lauter wurden und alles schließlich in die Katastrophe mündete. Die Lehre, die die Europäer aus der Geschichte gezogen hätten, schrieb die US-Zeitung: Auch Demokratien können sterben. Gut, sich diese Lehre in Erinnerung zu rufen. (Barbara Coudenhove-Kalergi, 16.3.2016)

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