Eine Streitschrift wider das Absandeln Österreichs

Rezension16. März 2016, 17:13
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ORF-Journalistin Trautl Brandstaller und Ex-ÖVP-Chef Erhard Busek legen in diesem Buch jeweils ihre Sicht der Aktionsfelder Wirtschaft, Verwaltung und Politik dar

Exvizekanzler und Ex-ÖVP-Chef Erhard Busek und die sich ihrer "roten" Punzierung niemals schämende ehemalige ORF-Journalistin Trautl Brandstaller mögen grundverschiedene Charaktere sein – in ihrer Analyse sind sie sich aber weitgehend einig: In Österreichs Wirtschaft, Verwaltung und Politik herrscht Reformbedarf. Abwechselnd legen sie in diesem Buch jeweils ihre Sicht der Aktionsfelder dar – wobei Brandstaller gelegentlich auch Busek für Missstände verantwortlich macht. Dieser habe etwa als Wissenschaftsminister die Universitätsreformen der Kreisky-Jahre rückgängig gemacht.

Gemeinsam ist den Analysen, dass vieles, was in den vergangenen Jahren als "Reform" dargestellt und umgesetzt wurde, letztlich zu falschen Weichenstellungen geführt habe. Immer wieder blitzt in den Texten der beiden Autoren eine Kritik an Bürokratisierung und Zentralisierung durch – zu viel Berichtswesen etwa im Schulbereich, zu viele Statistiken und Auflagen, die Jungunternehmer zu erfüllen hätten. Wenn es um Demokratie und Verwaltung geht, reden beide dem Föderalismus und dem Subsidiaritätsprinzip das Wort. Erstaunlicherweise wollen gleichzeitig beide Autoren die Landeshauptleute entmachten und den Bundesrat entweder abschaffen oder zu einem Ersatz für die Landtage machen.

Völlig uneins sind die Autoren in der Bildungspolitik, in der Brandstaller bekannte rote Markierungen von Ganztags- bis Gesamtschule neu anstreicht, während Busek den Gleichheitsgedanken hinterfragt und schreibt: "Möglicherweise liegt die Zukunft in einem noch stärker differenzierten System, wo man nach Begabung aussuchen kann, wohin man seine Kinder schickt." Und in den beiden Schlusskapiteln zum "Ende der Ideologien" beschwört Brandstaller ebendiese (unter Geißelung aller im Verdacht des Neoliberalismus stehenden Ideen und Bewegungen), während Busek einerseits eine Nivellierung der klassischen Ideologien und andererseits mögliche neue Ideologien aus den Kulturen der Zuwanderer sieht. (Conrad Seidl, 16.3.2016)

Trautl Brandstaller, Erhard Busek, "Republik im Umbruch". € 22,00 / 208 Seiten. K&S, Wien 2016

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