Murray Perahia: Zauber der Extreme

16. März 2016, 17:08
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Der US-amerikanische Pianist gastierte im Wiener Konzerthaus

Wien – Sensibel: In kaum einer Beschreibung des Pianisten Murray Perahia fehlt dieses Wort, das so sehr nach leise und bedächtig klingt. Nun ist dem fast 69-jährigen Amerikaner die feinfühlige Seite, die viele etwa an seinen Bach-Interpretationen so schätzen, nicht abzusprechen.

Dennoch sollte er nicht auf diese Dimension reduziert werden. Bei jenem Programm, das er ins Konzerthaus brachte, schien er schon mit der Programmwahl ein möglichst weites emotionales Spektrum ausmessen zu wollen. "Klassik" gilt definitionsgemäß als Ausgleich zwischen widerstreitenden Kräften, doch die gewählten Werke der drei Wiener Klassiker gehörten jeweils zum Ausladensten aus ihrer Feder.

Haydns Andante con Variazioni f-Moll macht bereits durch seine Anlage als Doppelvariationen-Folge in Moll und Dur deutlich, dass hier Unvereinbares und Widersprüchliches zusammenkommt. Perahia goss es mit selbstverständlicher Souveränität in brillanten Steinway-Sound, mit dem er sehr subtil verfuhr, ohne allerdings die gewaltigen Ausbrüche gegen Ende zu mildern. Auch in Mozarts a-Moll-Sonate zeigte er die Extreme, nicht zuletzt in der Durchführung des Kopfsatzes, in der Fortissimo und Pianissimo unmittelbar aufeinanderprallen. Nach einem Brahms-Block mit der Ballade g-Moll an der Spitze steuerte der Pianist dann einen der Gipfel der Klavierliteratur an.

Als Person zeigte er sich auch in Beethovens "Hammerklaviersonate" unprätentiös, ohne es an einem individuellen, freien Gestus fehlen zu lassen.

Während er das Scherzo an die Grenze des gerade noch Bewältigbaren trieb, zeigte er insbesondere die polyfonen Verzweigungen in schöner Klarheit. Dankbarer Jubel. (daen, 16.3.2016)

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