Griechenland: Erinnerung an "Kleinasiatische Katastrophe"

16. März 2016, 17:24
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Die Griechen haben Mitgefühl mit den Flüchtlingen und denken an die eigene Familie

"Entschuldigen Sie, ich werde jetzt emotional", sagt Vassilis Halos, und dann kommen ihm schon die Tränen. "Meine Großmutter war vor 90 Jahren ein Flüchtling aus Kleinasien. Sie wäre froh, jetzt helfen zu können."

Halos war Sportlehrer, kein zimperlicher Typ, aber Flüchtlingsgeschichten gehen ihm nahe. Diese Woche ist in Athen wieder Sammelaktion für die 12.000, die in Idomeni im Schlamm sitzen und auf die geschlossene Grenze nach Mazedonien schauen. Vassilis Halos kam mit drei prallgefüllten Plastiksackerln auf seinem Moped. Er hat Medikamente in einer Apotheke gekauft, und die Apothekerin hat selbst noch ein Sackerl dazugegeben.

Geld haben die meisten hier nicht mehr in der heruntergekommenen Fußgängerzone von Maroussi im Norden Athens. Doch wie Halos kaufen nun auch viele andere Pensionisten Arzneien und Hygieneartikel für die Flüchtlinge im Land. Halos' Großmutter kam aus Ayvalik. Von dort steuern jetzt die Schlauchboote mit den Syrern und Afghanen die acht Kilometer übers Meer nach Lesbos.

Flucht von der Küste

Die "Kleinasiatische Katastrophe", wie sie in Griechenland genannt wird, die Geschichte vom wahnwitzigen Feldzug der Griechen gegen die Türken Anfang der 1920er-Jahre, von Niederlage, Vertreibung und Zwangsumsiedlung, bleibt bis heute tief im Gedächtnis der Nation. Irgendwer hat in der Familie immer jemanden, der vom türkischen Schwarzmeer flüchten musste, aus Konstantinopel, Smyrna – dem heutigen Izmir -, kleineren Küstenstädtchen an der Ägäis wie Ayvalik oder aber aus Alexandria, einer anderen ehemaligen Wirtschafts- und Kulturmetropole der Griechen in Ägypten.

Selbst jetzt, da die Regierung von Alexis Tsipras den Bürgern nach und nach erklärt, dass die Balkanroute zubleibt und die Flüchtlinge in Griechenland wohl vorerst verweilen werden, halten Mitgefühl und Solidarität an. Nur die Faschisten versuchen, politisches Kapital aus der Krise zu schlagen. "Festung Griechenland – die einzige Lösung", schreibt Parteichef Nikolaos Michaloliakos im Blatt der "Goldenen Morgenröte"; über den "Staat ohne Verteidigung, mit Tausenden junger Muslime in unseren Mauern" klagt er dort. Auftrieb haben die Faschisten durch die täglich neu ins Land kommenden Flüchtlinge offenbar nicht. In den Umfragen bleibt die Partei stabil bei sechs Prozent.

Spenden ohne Pause

Mehr als 10.000 Athener kamen am ersten Märzwochenende zum Syntagma-Platz und brachten Kleidung, Lebensmittel und Medikamente für eine Sammelaktion, zu der ein Netzwerk sozialer Initiativen aufgerufen hatte. Diese Woche sind es das Rote Kreuz und die Athener Ärztevereinigung im Verein mit einem Fernsehsender. Vor einer Kirche in der Fußgängerzone in Maroussi stapeln sich am Morgen schon Plastikpackungen mit Windeln, Seifen, Shampoos und wieder Medikamente. Spender kommen ohne Pause.

Christina Tsouma, eine Büroangestellte, hat sich den Tag freigenommen, um beim Sortieren zu helfen. "Ich kann sehr gut verstehen, wie schwierig es für diese Menschen ist, die vor dem Krieg flüchten", sagt sie: "Wir hier durchleben selbst schwierige Zeiten." Sieben Jahre dauert die Finanzkrise schon an. Olga Drakou hat einen kleinen Laden unweit der Kirche in Maroussi. "Jetzt, da sie gekommen sind, sollen wir sie da hinauswerfen?", fragt sie. (Markus Bernath aus Athen, 17.3.2016)

  • Sammelaktion trotz Wirtschaftskrise: Mehr als 10.000 Griechen kamen zum Syntagma-Platz, um Spenden für Flüchtlinge abzugeben.
    foto: tina pfäffle

    Sammelaktion trotz Wirtschaftskrise: Mehr als 10.000 Griechen kamen zum Syntagma-Platz, um Spenden für Flüchtlinge abzugeben.

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