Wie eine Spätstarterin an der Börse ihr Glück fand

20. März 2016, 12:00
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Nur wer reich ist und genug Geld hat, investiert in Aktien? Nein, sagt die 79-jährige Spätstarterin und Börsenexpertin Beate Sander

Wien – Beate Sander ist eine vielbeschäftigte Frau. Gerade jetzt, nach der EZB-Entscheidung ist die Meinung der 79-jährigen Deutschen gefragt: "Ob die hundertprozentige Verabschiedung von Guthabenzinsen für die Finanzmärkte und vor allem die Sparer weitsichtig geplant und gut überlegt ist, da hab ich meine Zweifel."

Für Sander ist aber ohnedies klar: "Es bleiben nur Aktien als attraktive Geldanlage." Viele Jahre hat die ehemalige Mittelschullehrerin sich theoretisch mit Aktien beschäftigt. Ihre Fächer: Wirtschaft und Sozialwesen. Mit 63 fing sie an zu investieren, nachdem sie eine Börsen-AG für Schüler gegründet hatte. "Seitdem ist das meine Leidenschaft". Mittlerweile ist Sander gefragte Börsenexpertin und Autorin von mehr als 50 Fachbüchern. Ihr Bekanntestes ist "Der Aktien- und Börsenführerschein".

Was sie mit ihrem Engagement erreichen will, ist naturgemäß Geldverdienen. "2003 stieg ich mit Aktien ein. 2008, als die Kurse in den Keller stürzten, habe ich richtig zugegriffen. Alles, was ich an Sparbüchern und Festgeld besaß, schichtete ich in Aktien um. Einige von diesen Titeln verbuchen mittlerweile rund 1000 Prozent Kursgewinn und eine zweistellige Dividendenrendite." Sander will aber auch gegen die weitläufige Einstellung ankämpfen, dass "Aktien nur etwas für Reiche sind, die genug wissen und auch Glück haben." Sie findet es richtig schlecht, dass es so viele gibt, die sich nicht herantrauen: "Die meisten Menschen halten lieber am Sparbuch fest, auch wenn sie wissen, dass ihr Vermögen ein bisschen weniger wird und eine schleichende Kapitalvernichtung stattfindet."

Geld, Glück, Geduld

Für all jene, die sich zum ersten Mal in die Finanzwelt wagen, bemüht sie Altbörsenmeister André Kostolany: "Ich muss Geld, Geduld und Glück haben. Aber ich muss vor allen Dingen wirklich etwas wissen. Und wenn ich über die Grundlagenkenntnisse verfüge, werde ich schnell merken, dass ich mit ein paar einfachen nachvollziehbaren Grundsätzen mit Aktien durchaus regelmäßig Gewinne erzielen kann."

Ansehnliche, wie sie festhält: "Wenn man sich mindestens vierzehn Jahre ein breitgestreutes Aktiendepot aufgebaut hat, gab es laut Börsenexperten in diesen 14 Jahren nie Verluste – in keinem einzigen. Je nach Streuung und Aktienauswahl waren im Schnitt fünf Prozent bis 15 Prozent Rendite pro Jahr möglich. Ich schaffe im Durchschnitt über 15 Prozent, und zwar nach Steuern und Transaktionsgebühren, weil ich mich intensiv mit Aktien befasse."

Ihre Grundsätze, die sie auch regelmäßig vor Publikum referiert: "Grottenschlecht ist: schnell rein, schnell raus. Das eignet sich bestenfalls für Profis, taugt aber nichts für Einsteiger." Wer meint, es sei klar, dass man nicht alles auf eine Karte setzt, der irrt. "Mir hat vor kurzem ein Hauptversammlungsteilnehmer stolz berichtet, er habe mit diesem Wert gerade eine Million verdient. Da sagte ich ihm, er habe Glück gehabt. Er hätte auch alles verlieren können."

Wer wenig Geld hat – so Sanders Credo – entscheidet sich am besten für ETFs, Fonds, die Entwicklungen eines Index oder einer Branche abbilden. "Wer 100 Euro im Monat erübrigt, kann einen ETF- oder Themenfondssparplan abschließen." Wovon sie abrät: In einen Standardaktienfonds mit den großen Werten zu investieren. "Solche Fonds schließen zu 80 bis 90 Prozent schlechter ab als der Vergleichsindex. Dazu kommen meist Ausgabeaufschlag und im Jahr rund 1,9 Prozent Verwaltungsgebühren. Ähnlich dumm, aber häufig praktiziert: "Stürzen die Kurse ab, kommt Panik auf. Viele Angsthasen werfen all ihre Aktien auf den Markt und erleiden hohe Verluste. Neben der Einwertstrategie und dem totalen Verzicht auf Aktienanlage der größte Geldvernichtungsfehler."

Was sie über Nebenwerte und preiswerte ETFs hinaus derzeit im Blick hat, sind die großen Zukunftsmärkte: Autoindustrie im Hinblick auf selbstfahrende Autos und Elektromobilität, Robotik, künstliche Intelligenz. Industrie 4.0, Internet der Dinge, Digitalisierung, Cloud-Computing, Big Data: "Da eröffnen sich völlig neue Vorstellungswelten." (Regina Bruckner, 17.3.2016)

  • Sein Glück kann man auf unterschiedliche Weise versuchen – Schatzsuche wäre eine Möglichkeit.
    foto: vigili del fuoco/ap/dapd

    Sein Glück kann man auf unterschiedliche Weise versuchen – Schatzsuche wäre eine Möglichkeit.

  • Beate Sander ging es anders an. Sie fing in fortgeschrittenem Alter an, Aktien zu kaufen. Geld ist gut, sagt sie – je mehr, umso besser. Aber auch mit 100 Euro lasse sich etwas anfangen.
    foto: www.henning-photographie.de

    Beate Sander ging es anders an. Sie fing in fortgeschrittenem Alter an, Aktien zu kaufen. Geld ist gut, sagt sie – je mehr, umso besser. Aber auch mit 100 Euro lasse sich etwas anfangen.

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