Österreichs Filmschaffende: Oscar, aber armutsgefährdet

16. März 2016, 12:55
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Österreichische Filmschaffende arbeiten weiter unsicher und prekär, zeigt eine großangelegte Studie. Viele haben daher weder Kinder noch Partner

Österreichs Filmschaffende wünschen sich eine Verbesserung ihrer sozialversicherungsrechtlichen Situation, verträglichere Arbeitszeiten und eine bessere Vereinbarkeit ihres Beruf- und Privatlebens: Das ist das Ergebnis einer Studie, die vom Institut L&R für Sozialforschung durchgeführt wurde. Auftraggeber waren die Verwertungsgesellschaft der Filmschaffenden (VdFS) und der Dachverband der österreichischen Filmschaffenden. Knapp 700 Filmschaffende – von insgesamt schätzungsweise 3.000 bis 4.000 in ganz Österreich – wurden dafür online befragt.

Auf dem Wunschzettel der heimischen Filmschaffenden steht außerdem eine größere Einkommenssicherheit. "Große Künstler können nur mit einer gesunden Basis arbeiten", sagte Fabian Eder, Filmemacher und Vorstandsvorsitzender der VdFS, bei der Präsentation der Studienergebnisse am Mittwoch in Wien. Die Arbeitsrealität heimischer Filmschaffender sehe aber anders aus: unsicher und prekär. Rund ein Drittel sei gar armutsgefährdet.

Schlecht versichert

Anstellungen und Aufträge seien meist nur für kurze Zeit angelegt – sie dauern selten länger als drei Monate – und wechseln sich mit Phasen ohne Engagement ab. Das hat Folgen für die Einbindung in die Sozialversicherung. Gut die Hälfte der Befragten (55 Prozent) gab in der Umfrage an, in ihrem Erwerbsleben bisher eine (höchstens) lückenhafte Integration in die Arbeitslosenversicherung gehabt zu haben. Im Jahr 2014 war so jeder Dritte mit Stehzeiten konfrontiert, also mit Phasen von zwei oder mehr Monaten ohne Beschäftigung und ohne Einkommens- und Sozialleistungsbezug.

In puncto Pensionsversicherung gaben 40 Prozent der Befragten an, bisher nur lückenhaft integriert gewesen zu sein. "Es ist in der Branche kaum möglich, Anmeldungszeiten von 15 Jahren zu erreichen", sagt Eder. "Und wenn, dann bekommen Leute, die 20 Jahre arbeiten, oft eine Pension unter der Mindestsicherung."

Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben

Arbeiten im Filmbereich ist zudem schwierig mit einer Familie oder Partnerschaft zu vereinbaren – Abend-, Nacht- und Wochenendarbeit sind eher die Regel als die Ausnahme. Gut die Hälfte aller Befragten berichtet von langen Arbeitstagen (mehr als 13 Stunden) und Arbeitswochen (mehr als 60 Stunden). Viele haben nur ungenügend Zeit, sich auszuruhen.

Die Konsequenz ist, dass ein hoher Anteil, nämlich 35 Prozent, allein lebt. Zum Vergleich: 16 Prozent aller Erwerbstätigen in Österreich leben allein. 60 Prozent der Filmschaffenden zwischen 35 und 44 Jahren haben zudem keine Kinder – im Gegensatz zu zirka 40 Prozent aller Erwerbstätigen.

Armutsgefährdet

Im Schnitt verdienen Filmschaffende rund 1.300 Euro netto pro Monat (aus selbstständiger und unselbstständiger Beschäftigung), also um 200 weniger als der durchschnittliche selbstständig Erwerbstätige in Österreich und 500 Euro weniger als der durchschnittliche unselbstständig Beschäftigte. Die Konkurrenzsituation in der Branche führe zu Dumpinglöhnen.

Rund ein Drittel (30 Prozent) muss der Studie zufolge der einkommensschwachen Gruppe zugerechnet werden und gilt als armutsgefährdet. Die Armutsgefährdungsquote ist zudem etwa doppelt so hoch wie unter dem Durchschnitt der erwerbstätigen Bevölkerung.

Forderungen und Wünsche

Die Forderungen daher: größere Einkommenssicherheit und die Schaffung einer branchenspezifischen Sozial- und Pensionsversicherungslösung. Es brauche auch mehr Kinderbetreuungsplätze, um die Arbeit auch mit einer Familie vereinbaren zu können – und Unterstützung beim Wiedereinstieg in den Beruf. Außerdem verlangen die VdFS und der Dachverband der österreichischen Filmschaffenden, dass kollektivvertragliche Bestimmungen eingehalten werden – eine Mehrheit der in der Umfrageteilnehmer sagt, dass dies nicht bei all ihren Anstellungen der Fall sei. Der Kollektivvetrag müsse überhaupt neu gestaltet, der aktuellen Arbeits- und Rechtssituation angepasst werden.

Weitere Forderungen sind die Evaluierung der Wirtschaftsförderung ("Filmschaffende bringen einem Land auch einen wirtschaftliche Vorteil") und stärkere Standortförderung. "Momentan gehen viele Projekte ins Ausland, dadurch geht Wertschöpfung verloren." (lib, 16.3.2016)

  • Die Arbeit heimischer Filmschaffender: unregelmäßig, schwer planbar und schlecht bezahlt.
    foto: istock

    Die Arbeit heimischer Filmschaffender: unregelmäßig, schwer planbar und schlecht bezahlt.

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