Designer Marcel Wanders: "Es geht immer um Liebe"

Interview17. März 2016, 15:51
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Der holländische Topdesigner mag es gern opulent. Bei seinen Vasen ebenso wie in seinen Hotels. Ein Gespräch über Wohlfühlen in Hotelzimmern und Vergleiche mit Alice im Wunderland

Ein grauer Mittag samt Graupelschauer am Münchner Promenadeplatz 8: Das weitläufige Einrichtungsgeschäft Neue Werkstätten zeigt eine Ausstellung von Objekten des holländischen Designers Marcel Wanders. Der Meister ist anwesend, etwas gezeichnet vom Flug, der ihn von New York nach München brachte.

Er nimmt vor einem seiner riesigen Schaukelpferde Platz. Wanders ist ein echter Lulatsch, er trägt eine braune Lederhose, ein weit aufgeknöpftes weißes Hemd und ein Gilet darüber. Vor dem Gespräch geht er noch kurz vor das Geschäft, um eine Zigarette zu rauchen. Er wirkt wie ein Schulbub in der Pause.

foto: marcel wanders

STANDARD: Es gibt in München kein Hotel, das Sie entworfen haben. Wo sind Sie abgestiegen?

Marcel Wanders: Gleich nebenan. Im Hotel Bayerischer Hof.

STANDARD: Eine noble Bleibe. Wie gefällt sie Ihnen?

Wanders: Das kann ich noch nicht sagen. Ich habe gerade einmal meine Tasche abstellen können und musste schon zum Interview.

STANDARD: Was erwarten Sie sich von Ihrem Zimmer?

Wanders: Dasselbe wie überall. Ich habe keine besonderen Anforderungen an ein Hotelzimmer. Meist schlafe ich dort nur oder ziehe mich um. Ich bin diesbezüglich sehr pflegeleicht.

STANDARD: Das überrascht. In Ihren Hotels, die es unter anderem in Istanbul, Amsterdam und Miami gibt, schaut es mitunter aus wie in abgehobenen Märchenwelten.

Wanders: Ich mache einen großen Unterschied zwischen den Hotelzimmern und den Bereichen, die alle Gäste nützen. Ich denke, in einem Zimmer wird man nicht so gerne überrascht, lieber in der Lobby oder an der Bar. Im Zimmer will man sich auskennen. Und Komfort.

foto: kameha grand zürich by marcel wanders, www.marcelwanders.com
Gemütlich geht's in der Shisha Lounge des Hotels Kameha Grand in Zürich zu.

STANDARD: Was will man als Erstes, wenn man ein Hotelzimmer betritt? Die Minibar finden? Den Fernseher einschalten?

Wanders: Wir haben im Rahmen unserer Hotelprojekte eine Untersuchung durchführen lassen, um herauszufinden, was Menschen als Erstes machen, wenn die in ihr Hotelzimmer kommen. Sie tun dasselbe wie ich. Sie gehen zum Fenster und betrachten die Aussicht.

STANDARD: Die beste Aussicht, die Sie je in einem Hotel genossen haben?

Wanders: Das war in Indien, im Hotel Oberoi in Akra. Sie wachen dort auf, haben diese Aussicht auf das Taj Mahal und fühlen sich zurückversetzt in die Zeiten der alten Maharadschas und Prinzessinnen. Unvergesslich.

STANDARD: Was kann Sie in einem Hotelzimmer in Rage bringen?

Wanders: Ich mag es nicht, wenn man keine Liebe darin spürt. Es geht immer um Liebe.

STANDARD: Woran erkennt man denn diese Liebe?

Wanders: Man kann sie in vielen Dingen sehen. Man spürt, ob die Menschen, die das Zimmer geplant haben, dies gern getan haben, oder ob sie ignorant waren. Man merkt, ob die Leute, die an diesem Ort arbeiten, ihren Job mögen. Ein gutes Hotelzimmer umarmt einen.

foto: kameha grand zürich by marcel wanders, www.marcelwanders.com
Der Raum nennt sich "Prinzessinnenzimmer" und ist Teil des Kameha Grand in Zürich.

STANDARD: Auch ein Zimmermädchen hat mal einen schlechten Tag.

Wanders: Das stimmt schon. Mir geht es darum, wie die Frau die Handtücher zusammenlegt, oder darum, ob sie mir eine Notiz hinterlegt, wenn sie meine Uhr woanders hingelegt hat. Wenn sie nach ihrem schlechten Tag am nächsten Morgen wieder lächelt, ist alles wieder gut.

STANDARD: Das hat jetzt aber wenig mit Design zu tun.

Wanders: Der Designer hat einen guten Job gemacht, wenn ich meinen Aufenthalt in einem Hotel so erlebe, dass ich ihn niemals vergessen werde.

STANDARD: Probieren wir es noch einmal: Wie gelingt ihm das?

Wanders: Indem er mir eine Erfahrung schenkt, die ich zuvor noch nie machen durfte. Er muss mich überraschen, mir ein Gefühl an diesem Ort schenken, das ich mit anderen teilen möchte. Das kann ihm allein schon mit den richtigen Farben gelingen, dem richtigen Arrangement der Sitzgruppe. Es kann auch ein riesiges Schaukelpferd in der Ecke sein.

STANDARD: Zurück zur Liebe. Auf Ihrer Website kann man unter anderem lesen: "I am here to create an environment of Love." Gilt das auch für Ihre Hotelzimmer?

Wanders: Es gilt für mein ganzes Leben, für meine Arbeit und alles andere. Es ist ebenso Vision wie Mission.

STANDARD: Und wie packen Sie das alles in ein Zimmer?

Wanders: Das Zimmer, meine Wohnung, ein Möbel. Es ist egal, was. Ich bin einfach bei allem mit ganzem Herzen dabei. Auch bei diesem Gespräch.

STANDARD: Bleiben wir bei der Liebe. Glauben Sie, das Hotelzimmer ist ein besonderer Ort, um Liebe zu machen?

Wanders: Auf jeden Fall.

STANDARD: Besser als zu Hause?

Wanders: Es ist cool, dass man in Hotels viele Dinge anders macht als zu Hause. Das bedeutet Veränderung und Spaß.

STANDARD: Wie sollte ein Hotelzimmer riechen?

Wanders: Nicht künstlich. Man will das Zimmer selbst eigentlich nicht riechen, eher etwas, das an Blumen oder ein offenes Fenster, an Frische erinnert.

STANDARD: Die optimale Musik für den Hotellift?

Wanders: Am besten gar keine. Wissen Sie, was an Hotelgeräuschen das Schönste ist? Wenn man abends aus einer vollen Lobby mit all den Geräuschen und verschiedenen Stimmen in den Lift steigt und nach oben fährt und von dieser Geräuschkulisse in diese ganz spezielle Stille taucht.

STANDARD: Gibt es eigentlich eine Einrichtungshierarchie in einem Hotelzimmer? Ich nehme an, dem Bett wird besonderer Stellenwert zugemessen.

Wanders: Klar, das gilt auch für mich. Manchmal krieg ich vor Müdigkeit vom Zimmer gar nichts mit und falle nur in die Federn.

STANDARD: Wie sieht es mit dem Badezimmer aus? Es gibt Armaturen, die lassen einen ganz schön fluchen.

Wanders: Ja, das kenn ich. In mein allererstes Hotelzimmer, das ich gestaltet habe, stellte ich eine riesige Badewanne. Das Wasser strömte aus dem Abfluss in die Wanne, indem man auf den Abflussdeckel drückte. So wurde auch der Abfluss nach dem Baden aktiviert. Das ist doch cool, oder? Wissen muss man es halt.

STANDARD: Und nicht nur das, auch bei so mancher Fernbedienung muss man sich erst einarbeiten.

Wanders: Sie haben recht. Das Problem ist, keiner will bei seiner Ankunft fünf Geräte erklärt bekommen. Das nervt doch unheimlich. Also muss man die Dinge simpel halten. Wenn Sie wüssten, wie oft ich schon "fuck" geschrien habe, als ich den Lichtschalter gesucht habe.

STANDARD: Glauben Sie, die Gäste in Ihren Hotels nervt nichts?

Wanders: Bestimmt ärgern die sich auch über das eine oder andere. Es ist schwierig, es allen recht zu machen.

STANDARD: Wie gehen Sie es also an?

Wanders: Ein Freund von mir sagte vor Jahren: "Schau, es ist ganz einfach, ich gebe dir hier eine Liste, auf der neun Punkte stehen. Erfüllst du alle, hast du das perfekte Hotelzimmer." Ich erspare es Ihnen, alle aufzuzählen. Ich nahm das Papier und begann zu grübeln. Die Sache war nicht schlecht.

STANDARD: Aber?

Wanders: Die Punkte treffen nicht zu, wenn Sie zum Beispiel mit Ihrer Frau verreisen. Wie gesagt, der Hund liegt darin begraben, dass man es nicht allen Menschen immer und überall gleich recht machen kann.

foto: andaz amsterdam prinsengracht by marcel wanders, www.marcelwanders.com
Ein Riesenfisch begrüßt den Hotelgast im Amsterdamer Hotel Andaz Prinsengracht.

STANDARD: Ein Bekannter von mir erzählte, er fühlte sich in Ihrem Hotel Kameha Grand in Zürich wie Alice im Wunderland. Ein Kompliment?

Wanders: Absolut. Es hängt ein bisschen vom Kontext ab, aber ja, klar. Den Spruch hab ich übrigens schon tausendmal gehört ...

STANDARD: So wie jenen, Sie wären die Lady Gaga des Designs.

Wanders: Ja, das stimmt. Das stand sogar in der New York Times.

STANDARD: Ich möchte nicht in einem Zimmer schlafen, das an Lady Gaga erinnert.

Wanders: Ich könnte Ihnen eine ganze Liste von Dingen aufzählen, womit meine Arbeit verglichen wird. Das ist auch okay. Es stört mich nicht. Das gehört zur Arbeit von Journalisten.

foto: andaz amsterdam prinsengracht by marcel wanders, www.marcelwanders.com
Hier eine Halle im Hotel Andaz.

STANDARD: Mit wem würden Sie am liebsten verglichen werden?

Wanders: Ich wurde in der Business Week unter die 25 Menschen gewählt, die für "Leader of Change" stehen. Das ist cool.

STANDARD: Zurück zur Gaga: Manche meinen, Sie hätten es ein wenig übertrieben mit Ihrer Opulenz, sprechen gar von Riesenkitsch.

Wanders: Es gibt unzählige Hotels, die sich sehr ähnlich sind. Und dann gibt es halt auch meine. Ich zwinge ja niemanden, in einem davon abzusteigen. Diese Häuser sind für Menschen gemacht, die diesen Style mögen. Und davon gibt es Gott sei Dank genug.

STANDARD: Was ist das Beste, was ein Gast sagen kann, nachdem er in einem Ihrer Hotels abgestiegen ist?

Wanders: Interessante Frage. Das Schönste ist, wenn er heimkommt und etwas zu erzählen hat, etwas, das er an diesem Ort erlebt hat. Es kann auch ein Selfie sein, das er mit seiner Freundin im Hotelzimmer macht. Es geht darum, dass ich einem Gast irgendeinen Wert mitgeben kann. Das gilt generell für Design. So einfach ist das. Und manchmal auch schwierig.

foto: andaz amsterdam prinsengracht by marcel wanders, www.marcelwanders.com
Der Tulpengarten gehört ebenfalls zum Hotel Andaz.

STANDARD: Sie sagen Design sei wie Poesie, Literatur, Kunst und Theater. Wie sieht es mit der Funktion aus? Mit einem Gedicht kann ich nicht wie mit einem Sessel umkippen.

Wanders: Ich sagte, wenn es in der Poesie und in der Kunst usw. um Liebe geht, warum glauben wir dann, dass es bei Design um Funktion geht? Lassen Sie mich die Angelegenheit mit einem Haus vergleichen. Die Funktion stellt das Fundament des Hauses dar. Ohne Fundament können Sie in einem Haus nicht leben. Das Haus ist aber nicht ein gutes Haus, weil es ein Fundament hat. Das Haus ist gut, weil sie gerne darin leben. Es gibt 100.000 Stühle, auf denen Sie tadellos sitzen können. Aber den einen oder anderen, den lieben Sie.

STANDARD: Also landen wir wieder bei der Liebe?

Wanders: Natürlich. Es gibt ein irisches Sprichwort, das lautet: "Behalte ein Ding elf Jahre, und du findest einen Zweck für das Ding, egal, was es ist." Sinngemäß heißt das, wenn du etwas lang genug um dich hast, willst du es auch nicht mehr hergeben. Das hat sehr viel mit Gefühl zu tun.

STANDARD: Apropos Gefühl: Viele Menschen haben Angst vor der Zukunft, ausgelöst durch eine ganze Menge Krisen. Welche Rolle kann diesbezüglich das Design spielen?

Wanders: Design ist eine Weltsprache, es geht darum, Vertrauen und Verbindungen zu schaffen. Design ist etwas, das Menschen verbindet, nicht auseinanderdividiert.

STANDARD: Design wird von vielen mit Verschönerung gleichgesetzt. Welche Bedeutung hat denn Schönheit im Design? Und sprechen Sie bitte nicht wieder von der Liebe.

Wanders: Gut, aber von Poesie. Schönheit ist niemals allein. Sie ist immer eine Kombination und eine Idee. Ein Wort allein ist kein Gedicht. Es geht um Verbindungen. Wir Designer machen ja nichts neu. Wir bringen es nur in neue Verbindungen.

STANDARD: Wenn man sich Ihre Entwürfe ansieht, hat man das Gefühl, Design ist auch Unterhaltung.

Wanders: Ja, natürlich ist es das auch. Aber das ist ein heikler Punkt. Ich denke, Sie verstehen mich richtig, aber wenn Sie schreiben, Design ist Unterhaltung, dann fangen die Leute wieder von Lady Gaga an. Unterhaltung ist eine Möglichkeit, die Lebensqualität von anderen zu verbessern.

STANDARD: Wird es schwieriger, die Leute zu unterhalten?

Wanders: Schon, aber es gibt heute auch viel mehr Möglichkeiten, es zu tun. Aber egal, es ist mein Job. Und ich mach ihn gut. (Michael Hausenblas, RONDO, 18.3.2016)

foto: marcel wanders

Zur Person

Marcel Wanders wurde 1963 im niederländischen Boxtel geboren. Bis 1988 studierte er an der Kunstakademie Arnhem. 1995 eröffnete er sein Designbüro Wanders Wonders, gemeinsam mit Casper Vissers gründete er 2001 das Interior-Label Moooi. Er entwarf Hotelinterieurs u. a. in Amsterdam, Zürich, Istanbul und Miami und gut 1700 Projekte für Kunden von Alessi bis British Airways. Seine Arbeiten sind in Museen wie dem New Yorker MoMA oder dem V&A Museum in London ausgestellt.

www.marcelwanders.com

www.moooi.com

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