Spracherkennungs-Fail: "Wirklich guten Penis mit einer tollen Idee"

17. Juli 2016, 12:00
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Interview über Start-ups wird zum Softerotikroman mit philosophischen Anwandlungen

Eine der langweiligeren Aufgaben eines Journalisten ist es, Interviews zu transkribieren – also das aufgenommene Gespräch abzutippen. Man spielt ein paar Sekunden ab, man tippt den Text ein, man lässt die Aufnahme weiter laufen, man tippt weiter. Dann nochmal den ganzen Text nachhören, ob man alles richtig wiedergegeben hat.

Automatisches Transkribieren

Zwar gibt es professionelle Transkribierdienste, bei denen Profis den Text abtippen – diese sind jedoch oft recht kostspielig. Der Traum jedes Interviewführers ist eine App, die man einfach nur mit der Audiodatei füttert und die den Rest selbst übernimmt. Tatsächlich gibt es solche Apps. Für ein Interview hat der WebStandard AgileGermanDictate ausprobiert. Der Traum des selbst getippten Interviews wird damit allerdings nicht erfüllt.

Eigentlich ging es im dem Interview um ein Start-up und dessen Investmentrunde. Aus dem Gespräch fabulierte das Programm jedoch einen dadaistischen Softerotikroman mit philosophischen Grundzügen.

Ein Auszug der "besten" Transkribierfehler:

Weinwochenende mit Dresscode? Klingt nach einem interessanten Vorhaben. Die Wirklichkeit ist trockener.

App: "des Wein Wochenende eigene Zielgruppe dass wir uns selber in den Dresscode"

Richtiger Text: ".. Das war unsere eigene Zielgruppe, wir haben selber in dem Bereich gearbeitet."

Philosophische Einwürfe: die Jobsuche als Spiel des Lebens.

App: "Und finde es ganz bewusst im Brettspiel Markt ein"

Richtiger Text: ".. und führen das ganz bewusst in einem breiteren Markt ein"

Bleiben wir am Boden: Reich wie Dagobert werden Start-up-Gründer eher selten.

App: "und bei Rockefeller jetzt schon noch am vergessen wir jetzt noch ganz entspannendes ein spannendes Konzept"

Richtiger Text: "Und bei Hokify im Gegensatz zu Jobswiper gibt es noch ein ganz spannendes Konzept …"

App: "erinnere gleich die Energie zum Dagobert 2 Minuten der Millionen"

Richtiger Text: "eine Ergänzung dazu bei "2 Minuten 2 Millionen" …"

Vielleicht hat das mit dem Weinwochenende doch gestimmt? Die App wird etwas anzüglich.

App: "Es ist nicht mehr korrekt sind und seine Frau na süße ich habe dich"

Richtiger Text: "Das ist nicht mehr korrekt, es sind schon zwei Frauen"

Wer ist Huber? Und was macht er mit einem Fahrrad auf der Toilette?

App: "sodass das alleinige und sich an der vorbei eine Kleinigkeit ein totales ein Fahrrad Haben wir keinen Der Toilette und ich habe immer versucht mit Huber"

Richtiger Text: "Daniel Laiminger und ich haben vor Hokify zum Beispiel bei einem Karriereportal für KMUs gearbeitet. Simon Tretter und ich haben es mit unserer eigenen Version von "Uber" versucht"

Das könnte glatt aus einem Bühnenstück von Goethe stammen. Die Leiden des jungen Werkstudenten Fuchs.

App: "auch Werkstudent Fuchs noch nicht so stark da"

Richtiger Text: "auch der Fokus noch nicht so stark da"

Wenn bei einem Telefoninterview die Verbindung abbricht ist das sch...lecht.

App: "Möchtest du die Verbindung ist abgebrochen a Kacke"

Richtiger Text: "Vielleicht ist die Verbindung kurz abgebrochen. Ah, ok."

Die App entwickelt poetische Züge, lässt aber durch einen geschickt platzieren Smiley wissen, dass es sich um ein Stück Gegenwartsliteratur handeln soll.

App: "Die großen Tieren geht es :-) ich bin dir hoffnungslos aufgestellt und gemacht wird aber schwierig"

Richtiger Text: "Wenn es an die große Finanzierung geht, ist Wien und Österreich leider sehr hoffnungslos aufgestellt"

Das stinkt jetzt aber nach Product Placement!

App: "will ich auch mit dem Markt und Produkte und dann komm rein zum McDonald's den anderen beiden"

Richtiger Text: "Natürlich schaut man sich Markt und Produkt und Konkurrenz und alle Themen an"

Das Interview neigt sich dem Ende zu, die App wird spirituell.

App: "Lediglich weniger zu finden für mich ist der Himmel."

Richtiger Text: "Die Schwierigkeit die richtige Geschwindigkeit zu finden."

Das Thema Start-ups und Investments ist wohl nichts für die App, ihre Gedanken schweifen ab.

App: "Du warst das gerade ein Semester mit den Frauen Dreharbeiten in zusammen"

Richtiger Text: ".. der Angel Investor mit dem Founder, die arbeiten eng zusammen"

App: "wir wissen zum Markt haben sollte zum Intimbereich oder"

Richtiger Text: ".. die ein Wissen zum Markt haben, sei es im IT-Bereich"

App: "oder dem Achim möchte dich den Kollegen ... und um Superlover brauche gewisse Netzwerk auf Danke"

Richtiger Text: ".. wem auch immer, Studienkollegen ... nur so kann man ein gewisses Netzwerk aufbauen."

App: "Aber wirklich guten Penis mit einer tollen Idee definiert Österreich vielleicht eine ein Semester"

Richtiger Text: "Die wirklich guten Teams mit einer tollen Idee, die finden in Österreich leicht einen Angel-Investor"

Texte transkribieren ist fad, wir singen lieber.

App: "dann unbedingt immer so auf Come With Me Now Makonnen"

Richtiger Text: "nicht unbedingt sich kampfmässig sich einbringen"

In diesen Tagen kommt man nicht um einen Kommentar zur österreichischen Innenpolitik herum. Auch die App kann sich einen solchen nicht verkneifen.

App: "Ein Kampf mit einem Sack gesagt gutes Datum vielleicht eine Innenminister von Österreich"

Richtiger Text: "Mit einem Satz gesagt: gute Startups finden leicht einen Investor in Österreich."

Zwischendurch schreibt das Programm auch immer wieder Satzbausteine nieder, die tatsächlich gesagt wurden. Wirklich weiter hilft das aber nicht, denn man muss so viel ändern, dass man von Haus aus gleich ohne der App alles selbst abtippen kann. Der Traum von der automatischen Transkribier-App bleibt. Eine Karriere als virtueller Literat in den Fußstapfen von Ernst Jandl wäre für das Programm aber durchaus drinnen. (Birgit Riegler, 17.7.2016)

  • Das Ergebnis der Spracherkennungs-App löst Erstaunen aus.
    foto: apa/dpa/federico gambarini

    Das Ergebnis der Spracherkennungs-App löst Erstaunen aus.

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