OMV: Wenn Zirkus und Wurstsemmerln nach Schwechat tingeln

16. März 2016, 14:01
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40 Tage steht die Raffinerie in Schwechat still. Zur Pickerlüberprüfung wird aus ihr ein Ameisenbau mit Zirkuscharakter

Schwechat – 200.000 Wurstsemmerln, 300 Tonnen Stahl, 2500 Spezialisten: In der Raffinerie Schwechat steht ein Megaevent bevor: 40 Tage lang steht die Raffinerie ab 23. März still. Zur Pickerlüberprüfung kommen nicht nur Fachleute aus aller Herren Länder, auch 200.000 Wurstsemmerln werden dann wohl vertilgt werden.

"Ich bin froh, wenn es richtig losgeht. Achtung, hier könnte es etwas rutschig sein." Wer sich mit Stefan Hölbfer durch die Raffinerie Schwechat bewegt, wird an der kurzen Leine gehalten. "Geben Sie Acht, dass Sie nicht stolpern", warnt er an Plätzen, die nicht gefährlicher erscheinen als das Badezimmer im eigenen Haus. Helm und Schutzbrille sind für Besucher auf dem weitläufigen Gelände Pflicht. Auf jedes noch so unscheinbare Hindernis weist der 31-Jährige hin, als hätte er 90-jährige Besucher am Rollator im Schlepptau.

Hölbfer ist jemand, der jede noch so unwahrscheinliche Gefahr ausschließen will. Überschießenden Kontrollzwang würde ihm unterstellen, wer nicht weiß, was sein Job ist. Wer diesen kennt, versteht, dass es genau darum geht. Zwei Jahre ist der studierte Maschinenbauer mit einem Team von sechs Leuten am Planen. 30.000 Stunden wurden investiert, in ein Ereignis, das Raffinerie-Chef Thomas Gangl so umschreibt: "Das hat dann den Charakter eines Ameisenbaus."

foto: bruckner
Cheftechniker Stefan Hölbfer kann höchst präzise, mit einem Anflug von Poesie erklären, was die Aufgabe der Wärmetauscher ist. Um diesen Zauber nicht zu zerstören: auf das Bild konzentrieren.

Die Rede ist vom intern als Shut-down – fachgemäß Turnover – bezeichneten Großereignis. Hölbfer ist der zuständige Cheftechniker, der das vor der Tür stehende große Service zu verantworten hat. Eine Art Pickerl, wie man es vom eigenen Auto kennt, nur eben in für Normalbürger kaum vorstellbaren Dimensionen: Fast sechs Wochen lang steht dann die sonst so verlässlich rund um die Uhr dampfende Raffinerie vor den Toren Wiens größtenteils still. In diesen Tagen kann man – wo sonst Öl fließt – nun durch die Hauptschlagadern der Anlage blicken.

Vorbereitung auf Hochtouren

Zerlegt in Einzelteile werden dicke und dünne Metallrohre – im Normalfall fließen durch das Gewusel an Leitungen zu ebener Erd' und hoch in der Luft einige Millionen Tonnen Öl – abgebaut, gereinigt und auf ihre Tauglichkeit geprüft. Riesige tonnenschwere Wärmetauscher, Kessel und Brennräume werden aus Verankerungen gehoben und inspiziert. Ganz präzise werden 16 Prozessöfen, 44 Kolonnen, 478 Wärmetauscher, 2.128 Armaturen und 1.090 Sicherheitsventile überprüft. Es werden 12,6 Kilometer Rohrleitungen erneuert und 306 Tonnen Stahl verarbeitet. Hölbfer weiß, dass nicht jeder mit solchen Zahlen so richtig etwas anzufangen weiß: "300 Tonnen Rohrleitungen, das wäre eine Länge von 15 Kilometern", sagt er während einer Shut-down-Besichtigungstour.

foto: bruckner
Die Ersatzteile liegen bereit: Einige hundert Stück von diesen Wärmetauschern werden ihrer Bestimmung zugeführt. Nicht im Bild, aber ebenfalls gut zur Beschreibung: 200.000 Wurstsemmerl werden verzehrt.

Die Inspektion der Raffinerie ist gesetzlich vorgeschrieben und findet alle sechs Jahre statt. Die Vorbereitungsarbeiten laufen auf Hochtouren. Wer sich durch das Gelände bewegt, gewinnt schon jetzt einen guten Eindruck davon: mehr Menschen, mehr Materialien. Eben wie die Werkstatt eines Installateurs, mit vielen Röhren, Schrauben und Gewinden, nur alles überdimensioniert. Emsig werden Gerüste gebaut, manche Stapel warten noch auf ihren Einsatz, 60 Kräne werden später angekarrt, blaue Container wachsen wie die Schwammerln aus dem Boden. Riesige Kisten, schön aneinandergereiht, warten darauf, geöffnet zu werden.

"Es wuselt dann schon", sagt Raffineriechef Gangl, während er aus dem Fenster in seinem Büro schaut. Von hier aus hat er alles im Blick. Noch sind alle Anlagen in Betrieb. "Eigene Fahrradrouten, eine zusätzliche Buslinie über eineinhalb Kilometer, auch die Fußgänger haben ihre Wege." Gangl weiß zu deuten, was dem Besucher wie scheinbar chaotische Ameisenstraßen erscheint. Denn auch in Sachen Verkehrswege durch die 1,42 Quadratkilometer umfassende Anlage, die in etwa der Größe des sechsten Wiener Gemeindebezirks entspricht, ist alles minutiös geplant.

foto: standard/cremer
In gewisser Weise wuselt es natürlich in einer Raffinerie immer. Viel dickflüssige Flüssigkeit, viele Rädchen, von denen eines ins andere greift. Jetzt kommen zu den üblicherweise 600 Menschen, die die viereinhalb Milliarden teure Anlage schupfen, 2.500 weitere dazu.

Auch das scheinbar Nebensächliche: "Kantinenzelte werden extra aufgebaut, damit die Leute gestaffelt zum Essen kommen können", sagt Hölbfer. Schon nach einer Rundfahrt von einer Stunde ist dem Besucher klar, warum das Spektakel auch Turnaround-Zirkus genannt wird. Die Teams sind eingeschworene Truppen, tingeln durch die Welt von Raffinerie zu Raffinerie und kommen angereist wie eine Zirkuscrew. Ihre Zauberkästen sind Spezialwerkzeuge, aber auch Container, ja sogar die eigenen Fahrräder haben sie dabei. 500 von ihnen sind schon vor Ort. Erhöhte Betriebsamkeit zusätzlich zum Normalbetrieb.

Alles ausgewiesene Fachleute, die anrücken. Spezialisten sind etwa die Isolierer. Ihre Aufgabe ist es, Leitungen abzubauen, damit man zu den Anlagen kommt. Selbst das Reinigungspersonal ist Fachpersonal. Auch Topschweißer sind gefragt. Nicht irgendwelche, sondern ganz spezielle, solche, die ständig im Training stehen. Auch hier noch, am Einsatzort. Cheftechniker Hölbfer deutet auf einen einsamen, im Gelände aufgebauten Wärmetauscher. Er ist eingerüstet, damit die Operation am Patienten vorher noch einmal im Trockentraining geübt werden kann. "Damit dann jeder Handgriff sitzt", so Hölbfer.

foto: standard/cremer
Damit nachher wieder alles zueinanderfindet, was zusammengehört, und dazwischen jeder weiß, was wo genau ist, sind die Einzelteile mit einem RFID-Chip ausgestattet. Shut-down heißt übrigens keineswegs Ruhe. Der Stillstand betrifft allenfalls das große Ganze. Es wird dann dampfen wie jetzt auch, wo weiße Wasserdampfschwaden sich durch die mächtigen Türme und mysteriösen Schlote schlängeln.

Warum das alles, hat Raffineriechef Gangl davor erklärt: "In diesen Tagen ist jede Stunde Gold wert." Verzögerungen wie beim Eigenheimbau: undenkbar. Gangl hat seine Hände sehr weit ausgebreitet, um den Stoß der komplizierten Verträge mit den Partnerfirmen zu umreißen. Der Stapel – so bedeutet er – ist sehr sehr hoch. Der Rohölpreis hat sich gerade wieder etwas erholt. Da ist man auch in der Raffinerie, wo der Rohstoff veredelt wird, zumindest entspannter. Auch wenn es kurzfristig nichts hilft, weil das Projekt langfristig angelegt ist – unabhängig von Konzernchefwechseln, Eigentümerdiskussionen – und eben auch Ölpreisen: "Da kann man nicht sagen wie in der Werkstatt, na wenn der Preis so niedrig ist, lassen wir halt das eine oder andere weg", sagt Gangl.

foto: bruckner
Am Gelände hat man schon eine Idee von der Dimension des Ereignisses. "Schifffest verpackt", zeigt Hölbfer auf eine beachtliche Ansammlung an Kisten. Vieles, was hier ruht, bringt einiges an Gewicht auf die Waage. Rund 50 Tonnen schwer ist etwa ein Wärmetauscher, runde Zylinder, die in Bälde im großen Stil ausgetauscht werden. Einige hundert Stück werden ausgebaut, auseinandergenommen und mit einer Art Riesenkärcher mit Wasser unter Hochdruck gereinigt. Sind sie für gut befunden, bekommt jede Rohrleitung, jeder Wärmetauscher vom TÜV einen Stempel.

Jeder Turnaround hat seine Spezialitäten. Diesmal ist der Star eine große Entschwefelungsanlage. Sie allein wiegt 300 Tonnen und hat einen Durchmesser von sechs bis sieben Metern. Ausgetauscht wird sie, weil sie ein bisschen mehr kann als die Vorgängerin, die seit 1981 im Einsatz ist. Genau genommen soll mit ihrer Hilfe eine höhere Zahl an Spezialölen – solchen, die der Kunde dann an der Tankstelle als Premiumsprit in sein Auto tankt – produziert werden können. Allein dieses Projekt ist eine Klasse für sich.

Um die Anlage, für die ein zweistelliger Millionenbetrag zu veranschlagen ist, zu transportieren, wurde über Monate die Route geplant. "Für solche Projekte wurden schon Wasserstände gesenkt", sagt Gangl, diesmal ist der Aufwand vergleichsweise läppisch: "Es galt nur eine Brücke zu verstärken." Auch die insgesamt anfallenden Kosten sind eine Klasse für sich. Egal ob der Ölpreis bei 30 oder 80 US-Dollar das Barrel liegt, 40 Millionen Euro kostet das heuer. Ungefähr noch einmal so viel kostet der Ausfall durch den Stillstand. Das Service betrifft allerdings zunächst nur rund die Hälfte der Raffinerie – alles, was mit Kraftstoff zu tun hat. Alles, was mit Kunststoff und Borealis zu tun hat, wird dann in einem Extraprojekt in Angriff genommen. Im nächsten Jahr steht also die andere Hälfte still. Und der Zirkus beginnt von vorn. (rebu, 16.3.2016)

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