Die eine Ausnahme und das schräge Vorbild

16. März 2016, 09:41
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Sollte Österreich bei den Spielen in Rio neuerlich ohne Medaille bleiben, wäre die Enttäuschung – anders als in London 2012 – tatsächlich nachvollziehbar. Eine Bestandsaufnahme fünf Monate vor Olympiabeginn

Da oder dort könnte und dort oder da sollte sich vielleicht etwas ausgehen. Mit dieser Einstellung, mit diesem Konjunktiv fährt das Österreichische Olympische Comité (ÖOC) zu Olympischen Sommerspielen. Eine Handvoll Hoffnungen auf Spitzenplätze hat es immer noch gegeben, und meistens sind sich ja auch wirklich Medaillen ausgegangen. Meistens, nicht immer. London 2012 lieferte nach Tokio 1964 die zweite Nullnummer in der österreichischen Olympiageschichte. Vierte Plätze bedeuteten das Nonplusultra, 1964 war der Fechter Roland Losert denkbar knapp dran, 2012 fehlten dem Schwimmer Dinko Jukic und den Seglern Nico Delle Karth / Niko Resch nur ein Platz.

Der Aufschrei nach London war groß, dabei war London beileibe nicht überraschend gekommen. In den meisten Sommersportarten hinkt Österreich von jeher hinterher, und in etlichen Disziplinen, in denen Österreich vor kurzem noch einigermaßen mithalten konnte, hatte sich der Abstand zur Spitze sukzessive vergrößert. Dennoch oder gerade deshalb ergingen sich Sportpolitiker und Funktionäre in Schuldzuweisungen, der damalige Sportminister Norbert Darabos nannte das ÖOC eine Beschickungsagentur, ÖOC-Präsident Karl Stoss nannte Minister Darabos einen "Olympia-Touristen".

Der Retter

Ein Wunderwuzzi musste her. Doch Peter Schröcksnadel, den Darabos ins Gespräch gebracht hatte, sagte erst zu, als Ministerium und ÖOC wieder an einem Strang zogen, sprich: als Darabos von Gerald Klug abgelöst worden war. Der Präsident des Skiverbands (ÖSV) als Retter des Sommersports? Die Skepsis war groß, als Schröcksnadel das "Projekt Rio" präsentierte, das mit 20 Millionen Euro an Steuergeldern befeuert wurde. Fachleuten griff der auf vier Jahre angelegte Plan viel zu kurz, sie verwiesen auf die Vorbilder Großbritannien, Neuseeland oder Australien, die mit Zehnjahresplänen Erfolg hatten.

In Österreich hielt man den Sommersportverbänden die Erfolge des Skiverbands vor, ein schräges Vorbild. Als Schröcksnadel im Mai 2013 als Projektchef antrat, gab er zwar zu, er würde von Sommersport nicht viel verstehen, "aber nicht weniger als von Biathlon oder Snowboarden, und da haben wir ja auch Erfolge."

Der Visionär

Ein anderes Vorbild wäre naheliegend gewesen, der eine, der einzige Sommerverband im Land, der sich kontinuierlich an der Weltspitze hält – der Segelverband. Nicht ÖSV, sondern OeSV. Als sein Sportkoordinator fungiert der gebürtige Ungar Georg Fundak, der 1986 angeheuert hat. In die Fundak-Ära fallen schon drei Olympiasiege – 2000 und 2004 durch Roman Hagara und Hans Peter Steinacher im Tornado, 2000 durch Christoph Sieber im Mistral-Windsurfen. Fundak wundert sich manchmal, dass sich nur wenige andere Verbände ansehen, was er so treibt und warum der OeSV derart erfolgreich ist.

Was treibt Georg Fundak? Vor allem blickt Fundak stets weit voraus, er denkt nicht nur an Rio, er denkt an die Spiele 2020 (Tokio) und an die Spiele 2024, die erst vergeben werden. "Der Segelsport wird sich, wie viele andere Sportarten, stark verändern." Da geht es um die Nähe zum Publikum vor Ort, da geht es um TV-Bilder, die spektakulärer werden müssen. "Das Segeln", sagt Fundak, "wird wohl näher ans Ufer rücken, etliche Boote werden ein neues Design bekommen, einige Klassen werden wegfallen, andere Klassen werden olympisch werden."

Die Hoffnungen

Auch in Rio wird es auf Österreichs Seglerinnen und Segler ankommen. Drei bis vier Booten sind Medaillen zuzutrauen, in zwei Klassen wäre es tatsächlich enttäuschend, ginge Österreich leer aus. Die Kärntner Steuerfrau Lara Vadlau und ihre Vorschoterin Jolanta Ogar, eine gebürtige Polin, zählen im 470er zu den Favoritinnen. Das Boot ist toll. Bei den jüngsten sechs Championaten holten Vadlau/Ogar sechs Medaillen: zweimal WM-Gold, WM-Silber, WM-Bronze sowie EM-Gold und EM-Silber. Und im 49er haben sich Delle Karth und Resch, die "Nickos", seit London 2012 weiter verbessert, kürzlich holten sie zum zweiten Mal WM-Silber.

Schröcksnadel hat den Seglerinnen und Seglern nichts in den Weg oder ins Wasser gelegt. Sie konnten in den olympischen Gefilden trainieren, wann immer sie wollten, jede Crew verfügt über mehrere Boote, von denen in Rio das flotteste zum Einsatz kommt. Auch andere Sportlerinnen und Sportler betonen, dass ihnen in der Vorbereitung nichts abgeht. Im Beachvolleyball, im Judo, im Kanu, im Tischtennis, vielleicht sogar im Tennis, zumal wenn Dominic Thiem spielt, könnte sich etwas ausgehen an der Copacabana.

Doch da wären wir – um nicht zu sagen: da sind wir – wieder beim Konjunktiv. (Fritz Neumann, 15.3.2016)

  • Mit Lara Vadlau und Jolanta Ogar (rechts) segeln Österreichs schönste Hoffnungen.
    foto: öoc / diener / alex domanski

    Mit Lara Vadlau und Jolanta Ogar (rechts) segeln Österreichs schönste Hoffnungen.

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