Jan Thümer: "Es gibt keine Rettung, nur lauter unrettbar Verlorene"

Interview16. März 2016, 08:00
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Ein Mann verliert in Russlands Provinz seinen ganzen Lebensmut: Der Deutsche spielt den Titelhelden in Tschechows "Iwanow" am Wiener Volkstheater

STANDARD: Mit Blick auf Tschechows Drama "Iwanow" (1887) kann man von einer Müdigkeitsgesellschaft sprechen. Der zu Tode ermattete Titelheld zehrt von einem Kapital, das man nie zu Gesicht bekommt. Er soll ein schwärmerischer Reformgeist gewesen sein, der viel Gutes getan hat. Dagegen erinnert er jetzt an Bartleby, den Schreiber: "Ich würde vorziehen, es nicht zu tun ..." Was fängt man mit so jemandem an?

Thümer: Bei uns ist Iwanow nicht mehr so sehr der passive, der elegische und ausgebrannte Charakter. Der Motor läuft nach wie vor in ihm. Nur ist ihm der Glaube abhandengekommen, sein Tun könne etwas bewirken und zu irgendetwas gut sein. Es wäre zu einfach, seinen Zustand mit dem Begriff des Burn-outs zu beschreiben ...

STANDARD: Ein Begriff, der inflationär geworden ist?

Thümer: Es geht um das, was wir aus unserer Gesellschaft als charakteristisches Zeitphänomen kennen: Man investiert in romantische Ideen und Vorstellungen, wie das Leben aussehen könnte. Das gilt übrigens für die gesamte Gesellschaft in "Iwanow", für die Figuren, die hier auf dem Land leben, die Sabelskis, Lebedews.

STANDARD: Wobei der Anwert der weiblichen Figuren nur noch darin besteht, verlacht zu werden?

Thümer: Richtig. Es handelt sich um lauter Lebensentwürfe, die sich in der Realität nicht wiederfinden. Das lässt sich mit uns Heutigen sehr gut vergleichen. Die aktuellen Vorstellungen von Glück, vom sozialen, ausgewogenen Leben, die werden uns durch die Werbung und durch die Medien vorgegeben. Die Depression, die daraus resultiert, kennt jeder von uns. Wie tief sie jeder erlebt, sei dahingestellt. Aber dass wir so wenig einlösen von dem, was uns das Leben an Möglichkeiten vorgaukelt, das kann man ohne weiteres nachvollziehen.

STANDARD: Trotz des zeitlichen Abstands?

Thümer: Das ist nie weg gewesen, das war offensichtlich schon vor 120 Jahren so.

STANDARD: Alte Idealisten hätten argumentiert: Iwanow empfindet ein Gefühl der Bodenlosigkeit. Er ist "metaphysisch unbehaust". Wir dagegen leben in einer Versicherungsgesellschaft. Anwandlungen von Sinnlosigkeitsgefühlen werden erst einmal wegtherapiert. Was machen hingegen die armen Kerle im hohen 19. Jahrhundert?

Thümer: An einer Stelle sagt Lebedew: "Die Gesellschaft hat dich krank gemacht!" Worauf Iwanow entgegnet: "Das ist dumm. Was du redest, ist dummes Zeug!" Die Annahme der Psychoanalyse, äußere Faktoren trügen dazu bei, ein Krankheitsbild zu erstellen, das fehlt dieser Figur. Man könnte aber auch sagen, Iwanow befindet sich in einem intellektuellen Zustand, der nicht nach Ausreden sucht. Das Empfinden der eigenen Krise ist dermaßen groß, dass es für ihn keine Erklärungen mehr gibt. Einen solchen Zustand kennen womöglich doch nur ein paar Menschen: Man steht vor einer tief empfundenen Sinnleere, und kein Versuch der Krankheitsbehebung ist imstande zu greifen.

STANDARD: Iwanow vermag es nicht, seine Krise auf den Begriff zu bringen?

Thümer: Es gibt keine Rettung. Es gibt nur unrettbar verlorene Menschen.

STANDARD: Das hat auch nichts an Aktualität eingebüßt? Tschechow zeigt keine Langweiler unter Birken?

Thümer: Das ist wie der Shakespeare'sche Hamlet. Wir finden wiedererkennbare Role-Models. Das ist die großartige Genauigkeit dieses Menschenbeobachters.

STANDARD: Gehören Sie zu den Schauspielern, die eine Krise "herstellen" müssen, im Sinne der Stanislawski'schen Methode?

Thümer: Regisseur Victor Bodó hat uns am Anfang gesagt: Das wird eine Reise ins Herz der Finsternis. Pass auf dich auf, Jan, dass du nicht krank wirst! Diese Prozesse der permanenten Beschäftigung mit Abgründen bleiben nicht außen vor. Ich habe gottlob eine Familie zu Hause, die ihr Recht einfordert. Aber ich merke gerade, dass mich im Zielkanal, wenn es endgültig in Richtung Premiere geht, das Ganze furchtbar viel Kraft kostet.

STANDARD: Ist der Zugriff der Regie realistisch?

Thümer: Wie bei einer Partitur. Bodó besitzt ein großes musikalisches Gespür.

STANDARD: Er lässt in Sprache musizieren?

Thümer: Fugenhaft. Er hat ja auch "Die Möwe" in Zürich gemacht. Über "Iwanow" habe er lange nichts zu sagen gewusst; aber jetzt, nach den vielen Stationen eines exzessiven Theaterlebens, meint er, so weit zu sein, um über diesen Menschen etwas zu erzählen. Drängend, nicht melancholisch. Iwanow ist lediglich die Kraft ausgegangen.

STANDARD: Kennen Sie dieses Gefühl?

Thümer: Gerade hier am Volkstheater steht man ja immer Spitz auf Knopf ... Ich übertreibe ein bisschen. Aber in Wien besitzt Theater noch einmal eine ganz andere Relevanz.

STANDARD: Ist die Stimmung am Volkstheater aktuell so defensiv? Wir kommen gerade einmal ins Finish der ersten Spielzeit unter Anna Badora. Trotzdem ist eine enorme Nervosität spürbar.

Thümer: Es zählt einfach zu Anna Badoras Stil, nicht so früh schon Lob zu verschenken. Wir haben einfach noch eine lange Zeit vor uns, und es gibt eine Menge in dieser ersten Spielzeit, auf das man stolz sein kann. Das ist die Grundstimmung. Wobei man weiß, dass es noch viele weitere Meter zu gehen gilt. Defensiv? Vielleicht. Aber dann deswegen, weil man es ernst meint mit einem Wandel hier. (Ronald Pohl, 16.3.2016)

Jan Thümer (41) gehört zu den schauspielerischen Stützen des "neuen" Wiener Volkstheaters unter der Intendanz von Anna Badora. Er absolvierte ein Schauspielstudium in Berlin und wechselte nach Stationen in Hamburg, Mannheim, Dortmund und Berlin 2006 nach Graz an das dortige Schauspielhaus, wo er u. a. bereits mit Victor Bodó zusammenarbeitete.

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Volkstheater

  • Jan Thümer sieht das "neue" Wiener Volkstheater erst am Anfang: "Hier meint man es mit dem Wandel ernst."
    foto: spuma

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