"Putin liebt den Überraschungsmoment"

Interview15. März 2016, 17:48
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Mit dem Teilabzug will Moskau Druck auf Syriens Machthaber Al-Assad machen, in Genf zu verhandeln, meint Politologe Gerhard Mangott

STANDARD: Putin hat den Rückzug der russischen Streitkräfte aus Syrien angekündigt. Überraschend?

Mangott: Dieser substanzielle Teilrückzug ist tatsächlich überraschend. Aber er ist typisch für Putin. Er liebt den Überraschungsmoment in der Außenpolitik.

STANDARD: Welche Motive sehen Sie dahinter?

Mangott: Die Hauptziele der russischen Militärintervention in Syrien sind erreicht. Eines war, die Implosion des Al-Assad-Regimes sowie die Machtübernahme durch eine radikalsunnitische Regierung zu verhindern. Ein weiteres, deutlich zu machen, dass Russland militärisch in der Lage ist, seine Macht in entferntere Regionen zu projizieren, und dass eine Lösung in Syrien gegen russische Interessen nicht möglich ist. Ziel war aber auch, durch die militärische Intervention und die Änderungen der Kräfteverhältnisse auf dem Boden Verhandlungen überhaupt möglich zu machen.

STANDARD: Halten Sie ein vorangegangenes Zerwürfnis zwischen Assad und Putin für wahrscheinlich?

Mangott: In letzter Zeit sind Differenzen sichtbar geworden. Al-Assad hat vor drei Wochen signalisiert, er wolle ganz Syrien zurückerobern. Russland hat deutlich gemacht, dass Verhandlungen strategisches Ziel sind. Der Rückzug signalisiert Assad: "Wir können dich fallenlassen oder dich eben so weit unterstützen, dass es eine Verhandlungslösung in Genf gibt, die für Alawiten, Christen, Kurden und sunnitische Araber anwendbar ist und die sicherstellt, dass die russischen Interessen in Syrien durch jegliche neue Regierung berücksichtigt werden.

STANDARD: Was sind die Auswirkungen des Teilabzugs auf die Friedensverhandlungen in Genf?

Mangott: Der riskante Aspekt ist, dass sich Teile der Opposition ermutigt sehen könnten, wieder auf eine militärische Lösung zu setzen. Hier hat Russland aber vorgesorgt, indem eine gewisse Truppenpräsenz beibehalten wird.

STANDARD: Welches Signal wird an die USA gesendet?

Mangott: Es ist ein Signal, dass Russland an der Verbesserung der Beziehungen interessiert ist und mit den USA die Schirmherrschaft über die Friedensverhandlungen übernehmen will.

STANDARD: Ist eine politische Lösung nun wahrscheinlicher?

Mangott: Möglicher. Russland hat eine diplomatische Vorleistung gebracht und will jetzt die Gegenleistung, dass die USA ihrerseits Druck auf die Türkei und auf Saudi-Arabien ausüben, die von ihnen unterstützte Opposition zu einer Verhandlungslösung zu zwingen. Und Russland wird darauf dringen, die Opposition um die Kurden zu erweitern. (15.3.2016)

foto: privat
Gerhard Mangott (49) unterrichtet Politikwissenschaften an der Universität Innsbruck. Er ist Experte für russische Politik.
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