"Die Leute sollen euphorisch sein"

Interview15. März 2016, 17:30
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Nach seiner Vertragsverlängerung mit dem ÖFB spricht Teamchef Marcel Koller über die Tests gegen Albanien und die Türkei, den Druck und die Gefahren bei der Fußball-EM – und über die Zuversicht

STANDARD: Sie haben am Dienstag die Verlängerung Ihres Vertrags bis nach der Qualifikation für die WM 2018 bekanntgegeben. ÖFB-Präsident Leo Windtner hatte Druck gemacht. Was war ausschlaggebend?

Koller: Die Mannschaft hat eine Perspektive, sie ist nicht überaltert, kann Außergewöhnliches leisten. Ich wollte mir mit der Entscheidung eigentlich Zeit lassen, habe aber gemerkt, dass es besser ist, sich früh zu deklarieren. Damit man in Ruhe arbeiten kann. Ich fühle mich hier wohl. Österreich und der Schweizer Koller passen zusammen. Es gab keinen Grund auseinanderzugehen.

STANDARD: Wie sind die Verhandlungen verlaufen? Ihr Gehalt wurde vermutlich aufgefettet.

Koller: Die Gespräche waren hart, aber fair. Natürlich spielte auch Geld eine gewisse Rolle.

STANDARD: Es sind knapp drei Monate bis zur EM. Zählen Sie die Wochen, Tage oder Stunden? Wie bereiten Sie sich vor, gibt es ein spezielles Programm, um Kraft zu tanken?

Koller: Nein, ich muss Sie leider enttäuschen, ich benötige keine Extraportion Kraft. Jetzt stehen zwei Spiele an, darauf freue ich mich. Aber es wird langsam ernst, die Planung läuft auf Hochtouren.

STANDARD: Inwieweit klaffen die öffentliche Erwartungshaltung und Ihre persönliche auseinander? Schaut man die Weltrangliste an, sind nur fünf Teams aus Europa besser klassiert als Österreich. Mathematisch gesehen, müsste das Viertelfinale drin sein, oder?

Koller: Der Fußball lässt sich nicht berechnen, es gibt Unwägbarkeiten. Der eine macht einen Fehler, der andere schießt aus drei Metern an die Stange. Die Praxis des Fußballs unterscheidet sich stark von der Theorie. Es ist wichtig, dass wir von Spiel zu Spiel schauen. Selbstverständlich wollen wir die Gruppenphase überstehen, aber das wollen die drei anderen auch. Wir lassen uns nicht von der Erwartungshaltung der Medien und der Öffentlichkeit blenden, die vom Halbfinale oder Finale träumen. Das sind Gedanken und Aussagen, die keinen Hintergrund haben. Wir glauben aber auch, dass wir etwas erreichen können – wenn alle fit sind.

STANDARD: Wann ist die EM für Sie ein Erfolg? Wenn jeder Einzelne das Maximum rausgeholt hat?

Koller: Ja. Du kannst aber alles geben und trotzdem verlieren, das ist das Problem im Fußball. Ich will mich nicht festlegen. Erfolg jetzt an einer Platzierung festzumachen bringt nichts.

STANDARD: Schaut man sich das aktuelle Leistungsniveau der Spieler an, kann man durchaus zufrieden sein. Kapitän Fuchs ist mit Leicester in England Tabellenführer, Alaba hat mit den Bayern Chancen auf drei Titel, Baumgartlinger agiert in Mainz seit Monaten in Topform, um nur drei Beispiele zu nennen. Stärkt das die Zuversicht?

Koller: Ich bringe Gegenbeispiele. Harnik spielt nicht, Klein spielt nicht. Aktuell macht mich gar nichts nervös, es sind alles Momentaufnahmen.

STANDARD: Nehmen wir eine Zufriedenheitsskala zu Hilfe. Eins ist der niedrigste Wert, zehn der höchste. Wo liegt das Team?

Koller: Bei sieben.

STANDARD: Sie haben stets betont, dass jene, die die Qualifikation derart souverän gemeistert haben, die besseren Karten besitzen, bei der EM dabei zu sein. Ist die Tür zu?

Koller: Nein, der 23-Mann-Kader muss ja erst am 31. Mai bekanntgegeben weden. Bis dahin kann spekuliert werden. Aber ich werde nicht die Ideen, die wir in viereinhalb Jahren aufgebaut haben, über den Haufen werfen und jetzt zehn andere holen, die keine Ahnung haben, wie wir spielen, was wir wollen. Es muss ein Arrivierter schon völlig außer Form sein, um nicht dabei zu sein. Wir wollen jede Position doppelt besetzt haben. Ist ein Neuer viel besser, als jene, die bisher dabei waren, dann fährt er mit. Je näher das Ereignis rückt, desto mehr Entscheidungen musst du treffen.

STANDARD: Geht es in den vier Tests gegen Albanien, die Türkei, Malta und die Niederlande darum, das Gebilde zu festigen, Automatismen zu schulen? Oder werden Sie experimentieren, Alternativen suchen?

Koller: Es wird wichtig sein, bei der Linie zu bleiben. Aber vielleicht kommt die eine oder andere Alternative dazu.

STANDARD: Zum Beispiel Alessandro Schöpf, den Sie erstmals einberufen haben. Was zeichnet den Schalke-Legionär aus?

Koller: Großes Talent, hohe Spielintelligenz. Wir wollen mit ihm im Mittelfeld etwas probieren.

STANDARD: Woran muss generell gearbeitet werden?

Koller: Du musst ständig optimieren. Die Chancenverwertung ist ausbaufähig. Die Bereitschaft, in der Defensive zu arbeiten, muss größer werden. Fußball ist ein Entwicklungsprozess ohne Ende.

STANDARD: Macht es in so einer Phase Sinn, Druck auszuüben, den Konkurrenzkampf zu schüren? Sollten verdienstvolle Spieler nicht auf der sicheren Seite sein?

Koller: Man muss einen Mittelweg finden. Sehe ich bei einem, es passt nicht, muss Druck ausgeübt werden. Das ist nicht in Stein gemeißelt, sondern von der Situation und vom Charakter abhängig.

STANDARD: Sind die vier Testgegner eine ideale Wahl? Und warum vier Heimspiele?

Koller: Die Gegner passen. Heimspiele haben den Vorteil, dass wir weniger reisen müssen. Reisetage kann man sinnvoller nützen. Wir haben in der Quali gezeigt, dass wir auswärts gewinnen können. Partien gegen Albanien oder die Türkei haben von der Stimmung her ohnedies einen leichten Auswärtscharakter. Unmittelbar vor der EM ist es dann wichtig, dass die Spieler den Kopf freibekommen. Es kann ja sein, dass wir sehr lange zusammen sind. Bisher waren 14 Tage das Maximum.

STANDARD: Die Erfahrung, ein Turnier zu bestreiten, ist für die meisten völlig neu. Ein Problem?

Koller: Nein. Das Problem ist, dass jeder auf den Job fokussiert sein muss. Es gibt kaum Möglichkeiten, rauszugehen, abzuschalten. Darauf muss sich jeder einstellen.

STANDARD: Wird es einen Maßnahmenkatalog geben, um der Gefahr eines Lagerkollers vorzubeugen?

Koller: Nein, wir haben ja Regeln. Es geht um den respektvollen Umgang miteinander. Das hat nichts mit der Länge des Zusammenseins zu tun. Es gilt vor Ort zu schauen, was passiert. Müssen wir die Schraube anziehen, oder müssen wir sie lockern? Das musst du flexibel leben. Mögliche Fragen müssen rasch beantwortet werden. Sind die Spieler müde? Brauchen sie Erholung? Sollen die Familien nachkommen?

STANDARD: Studieren Sie schon Videos der EM-Gegner Ungarn, Portugal und Island?

Koller: Nein. Die Videos sind vorbereitet. Erst kommen die Tests.

STANDARD: Je näher das Ereignis, desto größer werden Euphorie, Hysterie und Hektik. Haben Sie einen Appell an Fans und Medien?

Koller: Wichtig ist, dass wir intern Ruhe bewahren, uns voll konzentrieren. Aber die Leute sollen euphorisch sein, die EM leben. Ich hoffe, dass das Team die Freude mitbekommt und zurückgibt. (Christian Hackl, 15.3.2016)

Marcel Koller (55) ist seit November 2011 ÖFB-Teamchef.

  • Der Schweizer Marcel Koller und der ÖFB passen zusammen.
    foto: apa/techt

    Der Schweizer Marcel Koller und der ÖFB passen zusammen.

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