Förderdschungel bei Lebensmitteln soll gerodet werden

16. März 2016, 05:30
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Die Vermarktung regionaler Lebensmittel ist reich an Förderungen. 17 Millionen Euro sollen bei einem Kulinarik-Netzwerk konzentriert werden

Wien – Die Vermarktung von Genuss ist in Österreich gutdotiert. Unzählige Gütesiegel tragen den Stempel regionaler Kulinarik. Die Fördermittel fließen reichlich und regelmäßig. Harte Kritik am Gebaren gibt es dennoch seit Jahren: Von Wildwuchs und Chaos ist die Rede, von nachlässiger Qualitätsarbeit und fehlenden gemeinsamen Linien. Nun soll jedoch entrümpelt und die Baustelle in Angriff genommen werden.

Basis dafür ist das neue Netzwerk Kulinarik. Ausgestattet wird es mit bis zu 17,5 Millionen Euro bis 2022. Wer dabei die Fäden in der Hand hält, wird im April offiziell gemacht. Hinter den Kulissen ist die Vergabe praktisch gelaufen.

Es sind der Bio-Experte Werner Lampert und die AMA Marketing, die Österreich als Land des Genusses stärken sollen. Ihr Job im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums: Ordnung ins Wirrwarr an Siegeln, Zeichen und Botschaften bringen, teure Doppelgleisigkeiten vermeiden, die Qualitätsstandards vereinheitlichen und vor allem nachprüfbar machen.

Gerangel hinter den Kulissen

Friktionsfrei lief die Vergabe nicht. Grund ist Lampert, der nach dem Aufbau der Biomarke Ja!Natürlich für Rewe als Berater zu Hofer wechselte, um "Zurück zum Ursprung" auf die Beine zu stellen. Dem Vernehmen nach sollen bei Rewe darob die Alarmglocken geschrillt haben: Der Konzern befürchtete, in der Vermarktung regionaler Lebensmittel künftig die Handschrift des Rivalen zu lesen.

Die AMA will als wettbewerbsneutrale Institution garantieren, dass dem nicht so wird. Nicht mit von der Partie ist, wie er betont, Lobbyist und Hofer-Berater Wolfgang Rosam, dem ebenso Interesse an der Causa nachgesagt wird.

Die mehr als 17 Millionen Euro für das Netzwerk stammen aus EU-Geldern für die ländliche Entwicklung. Die Karten für Förderungen der Lebensmittelvermarktung werden damit neu verteilt.

Letztlich soll nicht mehr jede Region ihr eigenes Süppchen kochen dürfen, so der Tenor. Ziel sei ein auf lange Sicht selbsttragendes System. Mit Herkunftsangaben allein will man sich nicht mehr zufriedengeben. Auch Marken, die nur dank etwaiger Förderungen überleben, stehen auf der schwarzen Liste. Eine Bereinigung sei daher sehr wahrscheinlich, sind sich mit dem Projekt Betraute einig.

Moore, Wälder, Täler

Im Visier der Kritik stehen etwa die Genussregionen, die sich in ihren besten Zeiten 3,5 Millionen Euro jährlich an Förderung sicherten. Ihre Schützlinge reichen vom Mittelkärntner Blondvieh und Zickentaler Moorochsen über Laaer Zwiebeln bis zum Sauwald Erdapfel und der Stanzer Zwetschke.

Viele Initiativen leben von starkem regionalen Einsatz. Bei den übergeordneten Vereinen freilich fehle oft, wie quer durch die Branche bemängelt wird, trotz hoher finanzieller Zuwendungen eine gemeinsame rote Linie. Sie stünden nun auf dem Prüfstand.

Margareta Reichsthaler, Obfrau der Genuss Region Österreich, bezweifelt, dass Handel oder Tourismus das Wirken ihres Vereins als Wirrwarr erleben. Seine Struktur sei alternativlos in der Kulinarik, die Kriterien für Qualität und Herkunft seien klar, sagt sie. "Wir sind direkt vor Ort bei den kleinen Betrieben, und die Zusammenarbeit in den Regionen läuft bestens."

Im Vorjahr sei man jedoch nach 2,8 Millionen 2014 nur noch mit 550.000 Euro unterstützt worden. Bei bis zu 600.000 Euro teuren Strukturen sei es ein Kraftakt gewesen, zu überleben. Ein Kochbuch des Vereins wurde daher jüngst über Crowdfunding finanziert. 28 Unterstützer machten dafür im Schnitt 714 Euro locker,

Wolfgang Pirklhuber von den Grünen begrüßt das neue Netzwerk Kulinarik. Es brauche parallel dazu aber endlich ein Gütesiegel-Gesetz, um Trittbrettfahrern das Handwerk legen zu können, sagt er. Zudem gehörten verstärkt EU-Kennzeichnungssysteme genutzt, etwa die geschützte geographische Ursprungsbezeichnung. (Verena Kainrath, 16.3.2016)

  • Vielfalt ist das Sprungbrett kleiner Betriebe. Bei der gemeinsamen Vermarktung spießt es sich jedoch vielfach.
    dpa, maja hitji

    Vielfalt ist das Sprungbrett kleiner Betriebe. Bei der gemeinsamen Vermarktung spießt es sich jedoch vielfach.

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