Schillernder Leuchtturm: Smart-City-Bezirk beim Grazer Hauptbahnhof

21. März 2016, 08:46
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Gebäude sollen zum Vorbild für soziale und ökologische Nachhaltigkeit werden. Ziel ist es, neue Technologien zu testen und die benötigte Energie selbst zu generieren.

Graz – Von den Eisenbahnwagons und schweren Maschinen, die einst hier gebaut wurden, ist nichts mehr zu sehen. Wo einst das Schmiedeunternehmen Waagner-Biró und später der Maschinenbauer AVL List werkten, klingt in der von der Fabrikshalle zum Konzert- und Veranstaltungsort umgebauten List-Halle noch die Vergangenheit nach.

Noch ist schwer vorstellbar, dass in der Leere hinter der Halle bald das Leben pulsieren soll. Dass hier im Jahr 2025 an die 4000 Menschen leben, arbeiten, einkaufen sollen. Dass hier neue Strategien der sozialen, kulturellen und ökologischen Nachhaltigkeit umgesetzt werden sollen. Denn hier, auf dem ehemaligen Industriegebiet nahe dem Hauptbahnhof, soll Graz Vorreiter in Sachen Smart City werden.

Gleich bei der Listhalle kündet ein 60 Meter hoher Bote von dieser Zukunft. Der Science-Tower, der bereits als Rohbau aus der Gstätten ragt, soll ein Kernstück des neuen Stadtteils werden, ein Schaustück zeitgemäßer Energietechnologien. Seine Außenhülle wird aus einer neuen Art von Photovoltaik gebildet sein, den "Grätzel-Zellen", benannt nach ihrem Erfinder, dem Schweizer Chemiker Michael Grätzel.

Sie arbeiten nach einem bionischen Prinzip. Die Aufnahme der Lichtenergie erfolgt nicht über ein Halbleitermaterial, sondern – ähnlich der Photosynthese bei Pflanzen – über einen organischen Farbstoff. "Als transparentes, färbiges System ist das System für eine Fassadenkonstruktion natürlich interessant", sagt Architekt Markus Pernthaler, der als Ideenentwickler hinter dem Smart-City-Projekt Graz Mitte steht. "Die Technik ist zudem vorteilhaft, weil sie bei sehr geringen Lichtintensitäten und ohne direkte Ausrichtung auf die Sonne einen hohen Wirkungsgrad hat. Wenn eine Grundhelligkeit erreicht ist, kommt sie schon auf 80 Prozent der Leistung." Welchen Farbton die Fassade des Turms, hinter dem das Unternehmen SFL Technologies und der Investor Hans Höllwart stehen, genau haben wird, ist noch unklar.

Bewegliche Fassade

Zusätzlich zu den Farbstoffzellen wird aber auch konventionelle Photovoltaik verbaut, wenn auch auf besondere Weise. "Wir machen sie beweglich", erklärt Pernthaler. "Elf Module werden sich in jedem der zehn Geschoße mit dem Lauf der Sonne um den Turm drehen. Sie dienen gleichzeitig als Sonnenschutz für den Innenraum." Das umzusetzen sei nicht leicht, weil man die bewegliche Konstruktion mit Strom versorgen, gleichzeitig aber die gewonnene Energie in das Stromnetz des Hauses einbringen muss. Da wird es etwa notwendig sein, dass die Wechselrichter mit den Solarmodulen "mitfahren". Mithilfe von Stromspeichern sollen künftige Benutzer des Gebäudes an Arbeitstagen von sonnigen Wochenenden zehren.

Zur Temperierung des neuen Gebäudes trägt eine Geothermieanlage bei: Zwölf Bohrungen in 120 Meter Tiefe, die insgesamt 75.000 Kubikmeter Erdreich aktivieren. "Die Wärme, die ich im Zuge des Kühlvorgangs im Sommer in die Erde stecke, hole ich im Winter wieder heraus", erklärt Pernthaler. "Der Boden wird so zum saisonalen Speicher."

Zusätzlich bessern noch ein Blockheizkraftwerk, das mit Biomethan – am besten aus Abfällen, die vor Ort entstehen – betrieben werden soll, sowie solarthermische Kollektoren die Energiebilanz auf. Das Ziel ist, dass der neue Stadtteil energieautark arbeitet. 100 Prozent der verbrauchten Elektrizität und thermischen Energie sollen ohne CO2-Emission selbstgeneriert werden.

Der Bezirk werde zwar "als Backup" an die städtischen Strom-, Gas- und Fernwärmenetze angeschlossen, trotzdem soll ein projektweites Extranet aufgebaut werden. Das Energienetz, in dem die lokale Infrastruktur zusammenwirkt, soll wie die Grätzel-Zelle und andere Demonstrationssysteme in der Praxis getestet und evaluiert werden. Maßnahmen wie lokales Carsharing, Begrenzung der verfügbaren Autoabstellplätze, eine bis zum Projektgebiet verlängerte Straßenbahnstrecke und das Rad als "privilegiertes Verkehrsmittel auf dem Areal" sollen die Mobilität in die richtigen Wege leiten.

330 Millionen Euro stecken Investoren, die Stadt Graz und Fördergeber in das Projekt – Umwelt- und Verkehrsministerium tragen über den Klima- und Energiefonds mehr als vier Millionen bei. Pernthaler, der als Intendant des Projekts wissenschaftliche, finanzielle und politische Interessen unter einen Hut bringen muss, schafft eine ähnliche Integrationsleistung auch als Architekt des Science-Tower. "Ich sehe die neuen Technologien nicht als Anhängsel eines Gebäudes, sondern als wesentliche Bestandteile der Architektur, die es auch ästhetisch zu verarbeiten gilt." (Alois Pumhösel, 21.3.2016)


Die Reise erfolgte auf Einladung des Klima- und Energiefonds.

  • Der Science-Tower, Kernstück der neuen Smart City in Graz, bezieht Energie aus einer ausgeklügelten Fassadenstruktur aus Solarzellen.
    illu.: pernthaler

    Der Science-Tower, Kernstück der neuen Smart City in Graz, bezieht Energie aus einer ausgeklügelten Fassadenstruktur aus Solarzellen.

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