"Atlas der Länder, die es nicht gibt": Schräg und lehrreich

Rezension18. März 2016, 05:30
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In seinem "Atlas der Länder, die es nicht gibt" erzählt der britische Geograf Nick Middleton Schräges und Lehrreiches über nicht anerkannte Staaten

Als den Oxford-Geografen und Autor Nick Middleton wieder einmal die "Obsession aller Briten, über das Wetter zu reden" ereilt, ruft er seine Verlegerin an. Er plaudert mit ihr über Schnürlregen und die folgende Idee: Wie wäre es, die klimatisch extremsten Orte der Erde nacheinander abzuklappern? "Machen Sie nur", lautet deren lapidare Antwort. Zurück kommt er mit dem Manuskript für die TV-Serie "Going to Extremes: Cold, Hot, Wet, Dry".

Spezialgebiet Verwüstung

Durch diese Serie wird der 1960 geborene Middleton Anfang der Zweitausenderjahre zu einer Art Popstar unter den Geografen. Zu einem, der sich zwar wissenschaftlich mit Verwüstung beschäftigt – Desertifikation ist sein Spezialgebiet –, dabei aber einer Mumie in der Atacamawüste schon einmal auf die Schulter klopft, bis sie staubt: So zu sehen in "Dry", der Folge über Arica, den trockensten bewohnten Ort der Erde.

foto: lukas friesenbichler
Der "Atlas der Länder, die es nicht gibt" lebt von seiner grafisch reduzierten Aufmachung, die der Fantasie Raum gibt.

Gut 50 Länder hat Middleton mit ähnlicher Herangehensweise bereist, und über den Umweg der Geografie ist er einmal mehr bei schrägen Geschichten angekommen. Nachzulesen sind die neuesten in seinem von Edith Beleites ins Deutsche übersetzten "Atlas der Länder, die es nicht gibt". In diesem Kompendium über 50 nicht anerkannte und weithin unbekannte Staaten wie Moskitia, Lubicon oder Moroc-Songhrati-Meads wird man an Orte entführt, die zwar existieren, aber als solche nur selten auf Landkarten eingezeichnet sind.

Menschelndes Königreich

Das besagte Königreich Moroc-Songhrati-Meads liegt als Archipel im Südchinesischen Meer nordwestlich von Malaysia. 1955 schickte der philippinische Präsident Ramon Magsaysay erstmals Flugzeuge hin, um nachzuschauen, ob dieser Ort überhaupt existiert. Denn die bis dahin einzige Beschreibung des Landes stammte von einem gewissen Morton F. Meads, der sich selbst als "Konsul der Freien" bezeichnete und sich darauf berief, von Seefahrer John George Meads, dem Gründer dieses "Königreichs der Menschlichkeit", abzustammen.

Ewiger Friede als Staatsziel

Wie sich herausstellte, hatte John Meads die Inselchen 1877 "im Namen der Unterdrückten und Verfolgten dieser Erde" konfisziert, ewigen Frieden zum Staatsziel und sich selbst zum König ernannt. Im Jahr 1972 entschloss sich dann Morton F. Meads bei der Uno für die Anerkennung des Landes vorzusprechen. Das Schiff, mit dem er und seine Delegation aufbrachen, sank allerdings bereits vor der philippinischen Küste.

Kartograf der Fantasie

Middletons "Atlas der Länder, die es nicht gibt", lebt von dem Nebeneinander des eigentlich Unglaublichen und verbriefter Realität: Die vielen schrägen Geschichten darin sind Geschichte, völlig unbekannte Länder sind reale Gebiete, die man jederzeit bereisen kann. Und dann ist da noch die wunderbar altmodische Aufmachung dieses Buches: 50 Landkarten und kein einziges Foto lassen der Fantasie so viel Raum, wie es sich offiziell gar nicht existierende Länder verdient haben. (Sascha Aumüller, 18.3.2016)

foto: quadriga verlag
Nick Middleton
Atlas der Länder, die es nicht gibt

Ein Kompendium über fünfzig nicht anerkannte und weithin unbekannte Staaten
Übersetzt von Edith Beleites
Quadriga-Verlag, 32,90 Euro
  • Einem breiteren Publikum wurde der britische Geograf Nick Middleton durch die TV-Serie "Going to Extremes" bekannt.
    foto: pan macmillan

    Einem breiteren Publikum wurde der britische Geograf Nick Middleton durch die TV-Serie "Going to Extremes" bekannt.

  • Hinter den 50 Landkarten der Länder, die es nicht gibt, verbergen sich häufig schräge Geschichten. Bei Sealand etwa handelt es sich um eine Stahlbeton-Plattform sieben Seemeilen östlich von Großbritannien, die 1967 kurzzeitig Souveränität erlangte.
    foto: quadriga verlag

    Hinter den 50 Landkarten der Länder, die es nicht gibt, verbergen sich häufig schräge Geschichten. Bei Sealand etwa handelt es sich um eine Stahlbeton-Plattform sieben Seemeilen östlich von Großbritannien, die 1967 kurzzeitig Souveränität erlangte.

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