"The Division" im Test: Im Hamsterrad des Endzeit-Shooters

Rezension17. März 2016, 09:07
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Ubisofts Online-Shooter wandelt zwischen Monotonie, Motivation und Sozialexperiment

Schon Frank Sinatra besang in seiner Liebeserklärung "New York, New York" die berühmteste Stadt der Welt. Doch während Ol' Blue Eyes die Schönheit und den Trubel im Gewimmel des Big Apple zelebrierte, bekommt diese schöne Fassade in Ubisofts Online-Rollenspiel-Shooter "Tom Clancy's The Division" Risse.

Denn über New York ist eine Seuche hereingebrochen. Ein über Dollarscheine verbreiteter tödlicher Pockenerreger ließ die öffentliche Ordnung binnen weniger Tage zusammenbrechen. Das schwedische Entwicklerstudio Massive Entertainment verwandelt die Ostküstenmetropole in eine Geisterstadt mit Schaukastencharakter – wunderschön, aber auch leblos und kalt.

Die Stadt, die niemals schläft, wird in "The Division" zum Freizeitpark für Jäger und Sammler und lädt mit seiner Mischung aus Mehrspielerdynamik und Hochglanzoptik zu bleihaltigen Beutezügen. Laut Ubisoft bricht das auf der E3 2013 erstmals angekündigte Actionspiel bereits eine Woche nach Verkaufsstart Unternehmensrekorde, dabei ist bei der MMO-Schießerei sicherlich längst nicht alles Gold, was glänzt.

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Video: Wir spielen die ersten Missionen in "The Division" unkommentiert.

Nur gucken, nicht anfassen

Spieler übernehmen in dem Shooter die Rolle von Agenten der Spezialeinheit "The Division". Sie sollen nicht nur auf den Straßen für Frieden sorgen, sondern auch den Ursprung des "Dollarvirus" finden. Die New-York-Reise beginnt mit einer Einsteigermission in Brooklyn, ehe einen das Spiel schließlich per Helikopter nach Midtown Manhattan bringt.

Der erste Eindruck des virtuellen New York ist überwältigend. Mit zehn Quadratkilometern Fläche, über ein Dutzend Bezirken und der separaten "Dark Zone" ist die Spielwelt riesengroß. Schauplätze wie der Times Square oder der Madison Square Garden schaffen hohen Wiedererkennungswert. Die dynamischen Wetter- und Tag-Nacht-Wechsel sind nicht nur hübsche Staffage, sondern haben großen Einfluss auf die Missionen. Im nächtlichen Schneesturm sehen selbst gut trainierte Agenten ihre Ziele nur noch schemenhaft.

Doch mit jeder Spielstunde bröckelt diese perfekte Illusion. Denn die Spielwelt ist alles andere als interaktiv. Auf Beutefang gehen Abenteurer zwischen Autohalden und aufgebrochenen Geschäften nur in speziellen Kisten oder Schränken. Umgebungsobjekte nehmen abseits von Oberflächen, Scheiben und Autoreifen keinen gravierenden Schaden im Gefecht, das die Areale verändert. Zudem trifft man auf den Straßen immer wieder auf die gleichen Passanten, die sich entweder streiten oder den Spieler um Lebensmittel anbetteln. Wirklich realitätsnah ist das leider nicht, eher zweckmäßig.

Zu viert macht es mehr Spaß

Besagte Bezirke fungieren dabei als Spielwiese für Koop-Einsätze mit bis zu vier Teilnehmern pro Gruppe. Neue Online-Kameraden rekrutieren Teamplayer entweder in sogenannten Safehouses oder bei der handlichen Spielersuche vor den größeren Story-Missionen. Solisten erkunden New York wahlweise auch alleine, verpassen dadurch allerdings die Vorzüge des taktischen Zusammenspiels.

Nur in der "Dark Zone" kommen Spieler unmittelbar zusammen. Sie können gegeneinander kämpfen und sich die in der "Dark Zone" gemachte Beute abjagen. Jedoch hat der PvP-Bereich (Player versus Player) von "The Division" einen Haken: Wer friedliche Agenten attackiert, wird als abtrünnig abgestempelt. Geht man dann noch weiter auf Raubzug, wird man gar für "vogelfrei" erklärt und ist auf der Karte anderer markiert. So bringt einen "The Division" in die moralische Zwickmühle: Aggression gegen Sammeltrieb. Schließlich könnte jeder andere Spieler Beute dabeihaben, für die sich ein Angriff lohnt. Und genau diese Ambivalenz macht die "Dark Zone" besonders spannend.

Nicht nur, dass man hier tendenziell niemandem vertrauen kann. Man wird selbst auf die Probe gestellt. Nichts ist ärgerlicher, als wenn einem ein anderer Spieler ein seltenes Beutestück vor der Nase wegschnappt. In den bisherigen Testeindrücken der Redaktion entwickelten sich in der "Dark Zone" häufig kleinere Fehden, aber auch spontane Zweckbündnisse, die ebenso schnell wieder zerbrachen.

Allerdings hat diese Dynamik ihre Schattenseiten: Immer wieder frustriert die "Dark Zone" mit hinterhältigen Spieler-Attacken oder anderen Gemeinheiten wie plötzlich auftauchenden, gigantischen Gegnerhorden. Häufige Bildschirmtode und der damit verbundene Verlust von Erfahrungspunkten, Geld und der bis dahin ergatterten Beute zehren selbst bei erfahrenen Glücksrittern an den Nerven.

Mehr Rollenspiel als Shooter

"The Division" ist als Online-Shooter besonders für Multiplayerfans geeignet. Die volle Wirkung entfalten Charakter- und Kampfsystem nämlich erst im Zusammenspiel mehrerer Teilnehmer. Ähnlich wie Activisions Scifi-Shooter "Destiny" bezieht "The Division" seine Faszination aus dem stetigen Verbessern des eigenen Charakters und dem konstanten Aufbau des Arsenals und der Rüstung. Waffen und Ausrüstungsgegenstände wie Westen oder Rucksäcke können im Verlauf mit Modifikationen versehen werden, die die Hauptattribute der Spielfigur und die Eigenschaften der Waffen beeinflussen.

Hochwertige Sturm- oder Scharfschützengewehre besitzen bis zu vier Mod-Slots und können etwa mit Visieren, Magazinen, Griffen oder Läufen bestückt werden. Nach einiger Spielzeit geht es deshalb längst nicht mehr um den größtmöglichen Schaden, sondern darum, dass die aufgemotzte Kanone zur eigenen Spielweise passt. Im Test erwies sich die Kombination aus Sturmgewehr oder Maschinenpistole und Scharfschützengewehr als ausgesprochen nützlich. Schrotflinten fristen dagegen ein Schattendasein. Aufgrund des dominanten Deckungssystems spielt der Nahkampf in "The Division" kaum eine Rolle.

Das Missionsdesign wird inmitten all dieses Mikromanagements zur Nebensache. Kaum ein Einsatz kommt über das beliebte "Folge dem GPS-Pfeil und erledige eine bestimmte Anzahl stärker werdender Gegnerwellen" hinweg. Immerhin: Als Third-Person-Shooter spielt sich Ubisofts MMO vergleichsweise strategisch. Auf Tastendruck nimmt die Spielfigur hinter Mauern, Kisten oder anderen Hindernissen Platz oder wechselt – ähnlich wie in "Splinter Cell: Blacklist" oder "Gears of War" – die Deckung. Das Feuern mit Maschinenpistolen, Sturmgewehren oder Schrotflinte ist gefällig, das Trefferfeedback hingegen hätte eine Spur wuchtiger ausfallen dürfen.

Im Spielverlauf treffen Agenten – bis auf wenige Ausnahmen – fast ausschließlich auf menschliche Computergegner: Mal vermummte Schläger mit Baseball-Keule, mal weibliche Scharfschützen mit Kapuze. Einen bleibenden Eindruck hinterlassen zweifellos die mit Flammenwerfern bewaffneten Cleaner. Sie agieren sehr aggressiv und machen Spielern auf kurze Distanz Feuer unter dem Allerwertesten. Überhaupt überzeugt das Gegnerverhalten von "The Division". Die KI-Soldaten nutzen ihre zahlenmäßige Überlegenheit, flankieren einen und treiben Spieler mit Granaten aus der Deckung. Besonders die hünenhaften Endgegner schlucken mit ihrer schweren Panzerung und Unmengen von Trefferpunkten ganze Magazine, ohne mit der virtuellen Wimper zu zucken.

Nur kritische Treffer zeigen gelegentlich Wirkung und bringen die ansonsten gut agierenden KI-Mannen ins Taumeln. Das wirkt in Anbetracht menschlicher Widersacher zunächst deplatziert, zumindest bis man sich damit abgefunden hat, dass "The Division" eben mehr Rollenspiel als Shooter ist und entsprechend Zahlenwerte Treffer anzeigen und nicht durchlöcherte Körperteile. So richten selbst präzise Kopfschüsse zwar mehr Schaden an, sorgen aber nicht automatisch für den Abschuss.

Ballern für das nächste Upgrade

Die Nähe zum Online-Rollenspiel-Genre zeigt sich bei "The Division" auch im Charakter- und Kampfdesign. Zentrale Anlaufstelle ist die sogenante Operationsbasis. Die drei Flügel des Hauptquartiers – Technik, Gesundheit und Sicherheit – stehen für die Säulen des eigenen Charakters. Durch das Bewältigen von Story-Missionen und Einsätzen erhält man Erfahrungspunkte für die eigene Figur und für die Flügel der Basis. Diese wiederum investiert man in deren Ausbau und schaltet somit nicht nur zusätzliche Funktionen wie etwa den Schießstand oder die Verbesserungsstation frei, sondern aktiviert auch zusätzliche Talente und Fertigkeiten für den Avatar. Die aktiven Fertigkeiten sind taktische Spielereien wie etwa ein automatisches Geschütz, eine mobile Deckung oder eine Heilstation, die Kameraden wiederbelebt. Es dauert etwas, bis man sich im Optionsdschungel zurechtgefunden hat, doch letztendlich ist es die Kombination genau dieser individuellen Fertigkeiten, die die Kämpfe mit Kameraden so spannend gestaltet.

Die Komplexität endet damit aber nicht. Viele der tieferen Funktionen werden unter Verschluss gehalten. "The Division" fordert Spieler förmlich dazu auf, sich selbst mit den verschiedenen Unterpunkten des Charaktermenüs zu beschäftigen und belohnt dies dafür durch zusätzliche Boni. Beispielsweise verfügen seltene Waffen über bis zu zwei Spezialeigenschaften, die wiederum an die Hauptattribute der Spielfigur gekoppelt sind. Es sind diese Feinheiten, die Langzeitspielern das eintönige Missionsdesign versüßen. Denn auch nach dem Erreichen des vorläufigen Endlevels 30 lockt der Shooter mit immer hochwertigeren Waffen und einer Vielzahl an Optimierungsmöglichkeiten. "The Division" entfacht so eine Sammelsucht inmitten der Verwüstung, die zu langen Expeditionen mit Online-Freunden einlädt. Zu schade, dass Frank Sinatra kein Lied mehr über das gänzlich andere "New York, New York" nach der Dollargrippe schreiben kann.

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Video: Unsere Eindrücke von "The Division" inklusive Gameplay-Mitschnitten.

Fazit

"The Division" hat viel, was man nicht mögen muss: Angefangen bei dem eintönigen Missionsdesign bis hin zur toten Spielwelt, der zerfaserten Geschichte und den vielen kleinen Macken und Frustmomenten, die die "Dark Zone" auszeichnen.

Trotzdem gehört es zu den interessantesten Blockbustern des noch jungen Jahres. Denn bei allen offensichtlichen Schwächen erzeugt der Shooter schnell eine enge Verbundenheit mit der Spielwelt und dem eigenen Charakter. Und das dahinsiechende Manhattan mag zwar ein furchtbar vorberechnetes Areal sein, aber es verströmt die Atmosphäre eines gewaltigen Abenteuers. Besonders die "Dark Zone" lockt mit dem Reiz des Unbekannten und erzählt ihre eigenen Geschichten, die weit über campende Teenager hinausgehen. Die "Dark Zone" ist, wie ein aufregendes Survival-Game sein sollte – ein Sozialexperiment voller Tücken. Wer dafür gerüstet sein will, nimmt das Hamsterrad des Sammelwahns in Kauf. (Olaf Bleich, 17.3.2016)

"Tom Clancy's The Division" ist für PC, Xbox One und Playstation 4 erschienen. UVP: ab 59,99 Euro.

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testmuster wurde vom Hersteller zur Verfügung gestellt.

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