"Die Frauen von Lampersari": Wenn möglich, Mensch bleiben

Rezension17. März 2016, 07:00
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Die japanischen Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg werden erst langsam aufgearbeitet. Das neuaufgelegte Buch mit Erinnerungen von Franziska Koblitz liefert einen wertvollen Beitrag

Sie hat überlebt. Franziska Koblitz hatte seit Anfang der 1930er-Jahre im damals niederländischen Java gelebt, als die japanische Armee das Land 1942 überfiel. Die junge österreichische Adelige war ihrem Mann zu einem kolonialen Leben auf einer Zuckerrohrfabrik gefolgt. Nach seiner Verhaftung stand sie plötzlich mit zwei kleinen Kindern allein da, wurde interniert und überlebte drei lange Jahre großteils im Frauenlager Lampersari. Ihren Mann sah sie nie wieder.

Den sehr persönlichen Erinnerungen von Franziska Koblitz ist ein Vorwort der Journalistin und Japan-Expertin Judith Brandner vorangestellt. Es hilft bei der historischen Einordnung eines Kapitels der Geschichte des Zweiten Weltkrieges, das in Europa noch immer weitgehend unbekannt ist: der imperialistische Feldzug Japans in Asien, der 1931 mit einem Anschlag in der Mandschurei begann – gefolgt von japanischen Invasionen in Indochina, auf den Philippinen, in Niederländisch-Ostindien, Borneo, Thailand, Burma, um nur einige zu nennen – und erst nach dem Atombombenabwurf auf Nagasaki mit der japanischen Kapitulation im August 1945 endete.

Blick auf Ungerechtigkeiten

Franziska Koblitz wollte ihre Erinnerungen bereits in den 1960er-Jahren veröffentlichen, fand aber damals keinen Verlag dafür. Erst ihr Neffe, Hubertus Czernin, ermöglichte als Verleger die Erstveröffentlichung im Jahr 2000. Und das zu Recht: Denn das Buch weist über die familiengeschichtliche Bedeutung sowohl geschichtlich als auch literarisch hinaus. Es ist beeindruckend, wie unwehleidig Franziska Koblitz die lebensbedrohlichen Ereignisse schildert. Sie findet treffende Worte nicht nur für das "verwöhnte" Leben in einem tropischen Paradies, wie sie selbst sagt, sondern auch für all das Schreckliche, das danach geschah. Dass sie das niederländische Kolonialsystem auf Java verteidigt, ist wohl ihrer Sozialisation geschuldet, verstellt ihr aber nicht den Blick auf gesellschaftliche Ungerechtigkeiten und kulturelle Differenzen.

Am 8. Dezember 1941, ihre Kinder sind sechs und vier Jahre alt, ereilt sie die Kriegsnachricht. Noch sind sie nicht direkt bedroht, da ihr Mann, Johann Friedrich Freiherr von Koblitz-Willmburg, und sie bereits 1939 die niederländische Staatsbürgerschaft angenommen haben. Er hasste die Nazis und verstand sich als Holländer, auch als ihn das in Lebensgefahr brachte. Kurz nach seiner Verhaftung wird auch sie interniert, weil sie verbotenerweise seine Briefe empfangen hat. Atemberaubend schildert sie die Szene, wie sie im Verhör wieder und wieder gefragt wird, ob das Briefpapier liniert gewesen sei. Sie antwortet dem japanischen Offizier schließlich, dass nicht die Art des Papiers, sondern die Worte für sie entscheidend gewesen sein. Eine Tollkühnheit, die sie überlebt.

"Für fünf Jahre müssen Sie Geld mitnehmen", rät ihr ein anderer japanischer Polizist, als sie und ihre Kinder nach Malang abtransportiert werden. In dieser Stadt ist ein "wijk", also ein Stadtteil für Internierte vorgesehen. Es gibt medizinische Versorgung und genug zu essen. Das ändert sich schlagartig, als die Menschen von dort auf andere Lager verteilt werden: "Man war Gepäck geworden und wurde abtransportiert. Man trug eine Nummer und wusste nicht, wohin man ging", schreibt Koblitz. Dabei, so betont sie, habe sie immer wieder Glück gehabt: So sei ihr im Lager Lampersari gemeinsam mit den Kindern noch eine Bambushütte zugewiesen worden, die sie mit drei anderen teilte. Viel besser als die Massenquartiere auf bloßem Boden, die den später Ankommenden zugeteilt wurden.

Mensch bleiben

"Durchhalten, und wenn möglich, Mensch bleiben", schreibt sie. Trotz der immer geringer werdenden Nahrungsrationen und der zunehmenden Schikanen der Japaner. Das Lager wird dem Militär unterstellt, in der Folge gibt es Appell, sinnlose Nachtwachen, zu denen die erschöpften Frauen eingeteilt werden, ein Kochverbot, ein Musikverbot, die Kinder dürfen nicht mehr unterrichtet werden. Wie man unter diesen Bedingungen nicht zerbricht – und von der teilweisen Solidarität unter den Frauen –, erzählt dieses Buch.

Koblitz meldet sich freiwillig zur Feldarbeit, um wenigstens stundenweise dem Lager zu entkommen. "Ja, man konnte träumen auf diesem Feld", schreibt sie, "man erkannte, wie reich das Leben gewesen war … aber auch, wie man immer auf der Seite der Beschenkten und Empfangenden gestanden hatte und sorglos und gedankenlos eingesammelt hatte, was das Leben einem gegeben hatte."

Im Lager bricht eine Gelbsuchtepidemie aus. Auch diese überlebt sie. Am 15. August 1945 erreicht das Gerücht von der japanischen Kapitulation Lampersari, wenig später werden Zettel aus Flugzeugen abgeworfen: Es stimmt. Auf einmal darf Handel mit dem Einheimischen getrieben werden, die Zeit des Verhungerns ist vorüber. Ein banges Warten beginnt. Sie hat eine Nummer, die mit 22.000 beginnt. Wird ihr Mann sie finden? Als sie die Nachricht von seinem Tod erreicht, bricht sie mit den geschwächten Kindern auf eigene Faust nach Malang auf. Aber die Situation im Land ist chaotisch, Überfälle und Vergewaltigungen sind die Regel. Nach weiteren neun Monaten kann sie sich nach Jakarta ausschiffen und schließlich nach Europa ausreisen. Erst auf der vorletzten Seite, als sie in Sicherheit sind, nennt sie die Namen ihrer Kinder: Hanjse und Jelly. Sie haben überlebt. (Tanja Paar, 17.3.2016)


Info

Die österreichische Künstlerin Margot Pilz, als Kind ebenfalls im Frauenlager Lampersari interniert, hat ihre Erfahrungen unter anderem in eine Installation umgesetzt.

  • Franziska KoblitzDie Frauen von LampersariIn einem japanischen Frauenlager auf Java 1941–1945Mit einem Vorwort von Judith BrandnerCzernin-Verlag, Neuauflage 2016128 Seiten, 19,90 Euro
    foto: czernin verlag

    Franziska Koblitz
    Die Frauen von Lampersari

    In einem japanischen Frauenlager auf Java 1941–1945
    Mit einem Vorwort von Judith Brandner
    Czernin-Verlag, Neuauflage 2016
    128 Seiten, 19,90 Euro

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