Straßenkampf am Handelskai: Kein Hinweis auf Bandenkriminalität

15. März 2016, 15:16
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Auseinandersetzung zwischen dutzenden Afghanen und Tschetschenen lässt sich laut Polizei eher durch soziale Missstände erklären

Wien – Offiziell, sagte der Polizeisprecher, handle es sich um ein Hintergrundgespräch für interessierte Journalisten. Am Dienstag waren in der Landespolizeidirektion Wien aber mehrere Kameras auf das Podium gerichtet, wo Mikrofone wie bei einer großen Pressekonferenz aufgefädelt standen. Die Wiener Polizei informierte über mögliche Bandenstrukturen unter tschetschenischen und afghanischen Jugendlichen. Anlassfall war der bewaffnete Angriff am Handelskai vorvergangenen Samstag.

Aus ermittlungstaktischen Gründen könne man keine Details zum Ablauf der Auseinandersetzung nennen, sagte Oberstleutnant Robert Klug. Es stehe fest, dass sie ihren Ausgang auf Facebook genommen hat. Ein tschetschenischer Jugendlicher habe die Mutter eines afghanischen Jugendlichen beleidigt. Der scharte seine Freunde um sich und die ihre Freunde. Zu mehreren Dutzend zogen sie vor ein Jugendzentrum am Handelskai, wo sie die etwa zehn Tschetschenen vermuteten, "und wenn die zugesperrt und die Polizei gerufen hätten, wäre das alles nicht passiert", sagte Klug.

Sie ließen sich aber hinauslocken, und so kamen neben Fäusten auch Messer und Eisenstangen zum Einsatz. Blutlachen auf der Straße und U-Haft-Anträge gegen sieben Jugendliche und junge Erwachsene waren das Ergebnis. Bis auf einen Österreicher mit Migrationshintergrund handelt es sich um Asylberechtigte und Asylwerber, die sich zwischen mehreren Monaten und wenigen Jahren in Österreich aufhalten.

Bekanntes Phänomen

Auch wenn der Zusammenstoß am Handelskai in seiner Intensität atypisch für Wien war, sei das Phänomen jugendlicher Auseinandersetzungen nichts Neues, so Klug. Anfang der 1990er-Jahre waren es junge Männer aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens und der Türkei, die Territorien absteckten und sie mit Gewalt zu verteidigen versuchten. Das habe die Polizei in wenigen Jahren abgedreht. Jetzt, wo es neuen Zuzug gibt, gebe es auch neues Konfliktpotenzial. "Aber auch das werden wir unter Kontrolle bringen", sagte Klug.

Bei den Tschetschenen, die man der Staatsbürgerschaft nach als Russen bezeichnen müsste, sei man schon einige Schritte weit. Eine 2014 gegründete temporäre Spezialeinheit legte der sogenannten Goldenberg-Bande im Vorjahr das Handwerk. Zwar seien auch Polen und Somalier Teil dieser Gruppierung gewesen, deren Mitglieder wegen Straßenkriminalität wie Raub, Erpressung, Drogenhandel verurteilt wurden. Der Führungszirkel war aber von Tschetschenen geprägt.

Durch die Ermittlungen in diesem Fall kenne man nun die Grundstrukturen innerhalb der tschetschenischen Community, sagte Klug. Entsprechend sei man nun dabei, die Situation der afghanischen Jugendlichen und ihr mögliches Wirken auf andere Gruppen auszukundschaften. "Da sind wir noch am Beginn." Ähnliche Ermittlungen in Richtung anderer Nationalitäten gebe es derzeit aber nicht. Syrer etwa seien bisher nicht aufgefallen, so Klug.

Kein Bandenwesen bei Jugendgruppen

Soweit die Ermittlungsergebnisse eine Interpretation zulassen, geht die Polizei im aktuellen Fall aber nicht von Bandenwesen aus. Es gebe keine älteren Capos, die Befehle erteilen. Die Supermärkte überfallen, Drogen verkaufen und Schutzgelder erpressen lassen. Die Gruppen seien nicht durch fortgesetzt kriminelle Handlungen aufgefallen und hätten sich nie verabredet, "um marodierend durch Wien zu ziehen". Vielmehr habe eine dumme Verhöhnung eine Dynamik ausgelöst und die Situation eskalieren lassen.

Der fruchtbare Boden, dem solche Auseinandersetzungen entwachsen können, setze sich aus Langeweile, schlechten Jobaussichten und überhöhtem Ehrgefühl zusammen, sagte Bezirksinspektor Erwin Rieder, der immer wieder in den Milieus in der Gürtelgegend und im 20. Bezirk unterwegs ist. "Da sie materiell meist nicht so gut aufgestellt sind, ist die Ehre eines der höchsten Güter, die sie zu schützen versuchen."

Teufelskreis beginnt bei schlechter Bildung

Vor allem bei den Tschetschenen sei der Respekt vor Eltern und Älteren groß, umgekehrt würden diese aber selten Wert auf die Schulbildung ihrer Kinder legen, so Rieder. Schlechte Ausbildung, kein Job, Kriminalität, so driften sie oft in die Illegalität ab. Nur durch Wertevermittlung und Integration könne man die Lage verbessern, sagte Rieder mit leiser Zuversicht, dämpft dann aber ab: "Die Bereitschaft ist bei manchen Betroffenen leider nicht gegeben."

Grundsätzliche kulturelle, politische oder religiöse Rivalitäten zwischen unterschiedlichen Migrantengruppen habe er bisher nicht beobachtet, sagte Rieder. Es kommt auch zu Freundschaften zwischen tschetschenischen und afghanischen Jugendlichen, "das hat uns selbst überrascht". (Michael Matzenberger, 15.3.2016)

  • Am Handelskai führte eine Beleidigung zu einem Straßenkampf.
    foto: apa/georg hochmuth

    Am Handelskai führte eine Beleidigung zu einem Straßenkampf.

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