Liu soll Chinas Crash-Börsen bändigen

15. März 2016, 09:00
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Nach mehreren Abstürzen haben Chinas Börsen einen neuen Chefaufseher. Liu Shiyu soll die Aktienmärkte reformieren

Gleich zu Beginn brachte Liu Shiyu, der neue Chef der chinesischen Börsenaufsicht, die Journalisten zum Lachen. In seiner ersten Pressekonferenz, seit er im Februar überraschend zum Kontrolleur der Aktienmärkte ernannt wurde, sagte der 54-jährige Bankenexperte: "Ich bin noch keinen 'vollen Monat' im Amt." Er verwendete das doppeldeutige Wort 'manyue', einen Begriff, der die Feier des ersten Lebensmonats nach der Geburt bezeichnet. Das Baby darf sich von nun an freistrampeln.

Wie weit Liu das tatsächlich darf, ist ungewiss. Er ist in seinen Entscheidungen ebenso wenig autonom wie sein glückloser Vorgänger Xiao Gang, der wegen der Serie an Börsencrashs abtreten musste. Wichtige Beschlüsse in puncto Banken und Börsen trifft in China die höchste Parteispitze.

Bedrückende Börsenlage

Die Lage der Börsen bedrücke ihn, gestand Liu ein. Da die Kapitalmärkte "verlangen, dass es bei ihnen gerecht, offen und transparent zugeht", müsse er "sagen, was gesagt werden muss". Verständlich zu reden falle ihm schwer, allein schon wegen seines Akzents aus der Ostprovinz Jiangsu. Auch dies sorgte für Lacher.

Es waren erfrischende Worte in der ganztägigen Marathonsitzung in Sachen Finanzpolitik am Rande des Volkskongresses. Schwergewichte antworteten der Presse; alle gaben sich Mühe, Zuversicht zu verbreiten. Zentralbankgouverneur Zhou Xiaochuan wiederholte, die schwächelnde Wirtschaft werde ihr Wachstumsziel von 6,5 Prozent erreichen. Xia Yaqing, Chef der Kommission zur Kontrolle von Staatsvermögen, bekräftigte, Peking schaffe den Umbau der Staatsindustrien ohne Massenarbeitslosigkeit. Bankenaufseher Shang Fulin versicherte, die Verschuldung der Geldinstitute sei "unter Kontrolle" und kritisierte Ratingagenturen wie Moody's, die kürzlich Chinas Bonität heruntergestuft hatten.

Versagende Bremsen

Liu, auf dessen Auftritt 400 Journalisten bis in den Abend warteten, beschönigte den Ernst der Börsenkrise nicht. Sein erster Schritt im neuen Job hätte darin bestanden, herauszufinden, wie "diese Blase aufgepumpt wurde, bevor sie platzte". Zwischen Juli 2014 und Juni 2015 waren die Aktienkurse an den Börsen Schanghai, Shenzhen und der Technologiebörse ChiNext auf mehr als das Doppelte gestiegen. In nur 17 Tagen zwischen dem Juni und Juli brach der Schanghai-Index um ein Drittel ein. Die Gefahr, in der die kommunistische Volksrepublik damals schwebte, verglich Liu mit einem "überladenen Tanklastzug, der mit versagenden Bremsen einen Hang hinunter fährt".

So deutlich hat das noch kein chinesischer Führer gesagt. Im damaligen Durcheinander war man unsicher, ob und wie man eingreifen sollte. Letztendlich verbot der Staat seinen Konzernen, ihre Aktienpakete zu veräußern und setzte auf massive Stützungskäufe. Zuständig war die staatliche Investitionsgesellschaft China Securities Finance Cooperation (CSF). Liu, der an der Eliteuniversität Tsinghua in Ökonomie promovierte, bezeichnete die Staatseingriffe als "besondere Methode in besonderen Zeiten". Es sei "zu früh", um schon über einen Rückzug der CSF aus dem Aktienmarkt zu reden. Dafür müssten erst die Bedingungen stimmen.

Gute Botschaft

Für die Ende Jänner gezählten 100,4 Millionen Kleinaktionäre an den Börsen ist das erst einmal eine beruhigende Nachricht. Jeder Geldabzug gefährdet die labilen Kurse. Liu hatte noch eine gute Botschaft für Kleinanleger: Es werde unter ihm keine Wiedereinführung des elektronischen Stoppmechanismus an den Börsen geben. Das sei für "mehrere Jahre" außer Frage. Sein Vorgänger hatte diesen Mechanismus eingeführt, um den Aktienhandel zu stabilisieren. Das Gegenteil war der Fall.

Liu zog Lehren daraus: "Wir vergaßen auf dem Weg zur Internationalisierung unserer Kapitalmärkte und bei der Übernahme erfolgreicher Erfahrungen von anderen Ländern, von welch unterschiedlicher Ausgangslage wir starten." Chinas Börsen seien noch nicht reif. Peking lässt daher auch die viel debattierte Reform zur Vereinfachung der Registrierung von Aktienneuemissionen auf die lange Bank schieben.

Große Pläne

Laut Liu ist der Wettbewerb "die Seele des Kapitalmarktes". Der habe "seine schönen und unschönen Seiten". Staatliches Eingreifen sei jedoch zur Stabilisierung eines "offenen, gleichen und gerechten" Kapitalmarktes weiterhin nötig. Angesichts der vergangenen Börsenabstürze hat Liu viel vor. (Johnny Erling aus Peking, 15.3.2016)


  • Der Schangai-Index war zwischen Juni und Juli 2015 um ein Drittel eingebrochen.
    foto: apa/afp/str

    Der Schangai-Index war zwischen Juni und Juli 2015 um ein Drittel eingebrochen.

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