Lukács-Archiv vor Schließung

14. März 2016, 17:36
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Gegen die Entscheidung wird in Budapest protestiert

Wien/Budapest – Das Philosophische Institut der Ungarischen Akademie der Wissenschaften hat beschlossen, das Georg-Lukács-Archiv in Budapest zu schließen. Besagtes Archiv wurde 1972 gegründet. Es befindet sich in der fünften Etage des Hauses Belgrád rakpart 2, in unmittelbarer Nähe der Budapester Freiheitsbrücke.

Hier wohnte der marxistische Philosoph Lukács (1885-1971) vom Herbst 1945 bis zu seinem Tod. Lukács darf als Erneuerer der marxistischen Ästhetik gelten. Mit seiner Theorie des Romans (1916) legte er den Grundstein zu einer materialistischen Auffassung epischer Großformen.

Maßgeblich wurde für den jungen Lukács die "realistische" Widerspiegelung gesellschaftlicher Totalität. Ansonsten sind in Lukács' Vita die Aufschwünge und Irrtümer eines marxistischen Gelehrtenlebens im 20. Jahrhundert verwirrend vielfältig aufgehoben. Sein ehemals wirkungsmächtigstes Werk Geschichte und Klassenbewusstsein (1923) droht sukzessive dem Vergessen anheimzufallen. Betrübliches Faktum bleibt seine Polemik gegen die von ihm als formalistisch gebrandmarkte Dichtung Bertolt Brechts wie gegen die Avantgarde überhaupt.

In den Räumlichkeiten des heutigen Archivs soll der hochbetagte Lukács einst gesessen sein und sich an der Rommel'schen Ausgabe der Werke von Johann Nestroy erfreut haben. Die heutigen Betreiber der Einrichtung haben nunmehr eine Petition gegen die Schließung des Archivs aufgesetzt. Zu den bisherigen Unterzeichnern gehört auch die ehemalige Lukács-Assistentin und Philosophin Agnes Heller. (poh, 14.3.2016)

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