"Zaman"-Zwangsübernahme "Akt staatlichen Terrors"

14. März 2016, 16:25
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Kolumnist Bag rechnet, dass es regierungskritische Zeitung in wenigen Wochen nicht mehr geben wird

Ankara/Berlin/Wien – Als einen "Akt des staatlichen Terrors" bezeichnet Süleyman Bag die Zwangsübernahme der türkischen Tageszeitung Zaman und der Nachrichtenagentur Cihan durch die konservativ-islamische Regierung von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Der Chefredakteur der deutsch-türkischen Plattform DTJ-Online, Zaman-Kolumnist und frühere Chefredakteur von Zaman Deutschland war am Montag auf Besuch in Wien.

Am 4. März, kurz vor Mitternacht, stürmte die türkische Polizei das Gebäude von Zaman, ging mit Wasserwerfern, Tränengas und Platzpatronen gegen friedliche Demonstranten vor. "Mit der feindlichen Übernahme hat die Pressefreiheit in der Türkei einen neuen Tiefpunkt erreicht", kommentiert Bag die Ereignisse, durch die die regierungskritischen Medien ausgeschaltet wurden.

Druck auf Journalisten werde unter Erdogan systematisch ausgeübt, sagt Bag. Wie jetzt mit Zaman und Cihan verfuhr Erdogan mit der regierungskritischen Ipek-Holding. "Es ist damit zu rechnen, dass es Zaman in wenigen Wochen nicht mehr gibt", warnt Bag.

Auflage schrumpft

Die Auflage der einst größten Zeitung des Landes schrumpfte von 650.000 auf 18.000 Exemplare. Zaman-Chefredakteur Abdülhamit Bilici stehe unter Beobachtung und sei mit Repressalien konfrontiert, berichtet Bag. Wie in Deutschland gibt es auch in Österreich eine Niederlassung von Zaman. In Wien produziert Bilal Baltaci mit zwei weiteren Redakteuren eine Wochenzeitung.

Wie in der Türkei werde jetzt in Deutschland und in Österreich Druck auf Werbekunden ausgeübt: "Kunden haben Angst zu schalten", sagt Baltaci. Vertriebspartner würden falsch informiert. Das deutsche Büro zählt 23 Redakteure und produzierte bis vor der Übernahme 30.000 Stück, jetzt nur noch 14.000. In Wien habe sich die Auflage von 5000 Stück ebenso halbiert, sagt Baltaci. Gleichzeitig erstarken Gegenbewegungen: "Die Kollegen haben nicht aufgegeben", sagt Bag. Es werde eine neue Zeitung produziert mit einer starken Auflage von 200.000 Exemplaren.

Selbstkritik übt Bag an seiner Zeitung, weil bei Protesten im Gezi-Park 2013 gegen Demonstranten geschrieben wurde: "Wir haben die Lage falsch eingeschätzt." Von den Anschlägen in Ankara vom Sonntag distanziert er sich: "Wir alle verurteilen diese Handlungen, egal wer der Attentäter ist." Den EU-Deal mit der Türkei sieht er als problematisch, weil die Auseinandersetzung unabhängig von Werten geführt werde, für die die EU stehe. (prie, 14.3.2016)

  • Der in Deutschland lebende Kolumnist Suleyman Bag mit den "Zaman"-Ausgaben am Tag nach der feind lichen Übernahme durch Regierungstruppen von Recep Tayyip Erdogan.
    foto: apa/afp/john macdougall

    Der in Deutschland lebende Kolumnist Suleyman Bag mit den "Zaman"-Ausgaben am Tag nach der feind lichen Übernahme durch Regierungstruppen von Recep Tayyip Erdogan.

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