Iggy Pop: Zerschossene Erinnerungen

15. März 2016, 05:30
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Er könne sich vorstellen, das mit dem Punkrock nach diesem Album sein zu lassen. Sagt Iggy Pop. Das wäre schade, denn so gut hat er lange nicht geklungen. Am Freitag veröffentlicht der 68-Jährige "Post Pop Depression"

Wien – Endzeitstimmung vermochte Iggy Pop immer schon zu verbreiten. Gerade in seinen virilsten und vitalsten Zeiten stand die Frage im Raum: Wie lange wird das gutgehen, bevor der Körper sich empfiehlt? Heute, mit 68, kann gesagt werden, länger als alle gedacht hatten. Dennoch ist Iggy Pop müde. Sagt er. Zum Beispiel in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung.

Da konnte er sich vor einem Monat vorstellen, leiser zu treten, sich dem Schauspiel zu widmen. Irgendetwas, wo man nicht jeden Abend blutig und ramponiert nach Hause kommt, scheiß Leben, verficktes. Bevor es aber so weit kommt, hat er noch was zu tun. Er muss Iggy Pop sein. Zumindest noch einmal. Unter seinem Nom de guerre veröffentlicht der bürgerlich James Osterberg gerufene Sänger diese Woche sein neues Album Post Pop Depression. Schon der Titel deutet an, wie es Iggy geht, wenn er Osterberg wird.

Stark bewölkt

Die in Aussicht gestellte Depression lässt sich auf dem Album zwar nicht nachvollziehen, die Grundstimmung ist jedoch stark bewölkt. Ein Gegensatz zum Entstehungsort des Albums. Iggy Pop hat er per SMS bei Josh Homme angefragt, ob Interesse bestünde, mit ihm zusammenzuarbeiten. Es bestand.

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Ungesund und super: Iggy Pop und Josh Homme feiern auf "Post Pop Depression" Iggys Zeit in Berlin.

Also jettete der ansonsten in Florida und der Karibik seine Wunden leckende Sänger rüber in die kalifornische Wüste, um dort ein Album aufzunehmen. Ein sehr, sehr gutes Album. Eines, das klingt, als sei es im Schatten der Berliner Mauer entstanden. Dorthin, nach West-Berlin, begleitete er Ende der 1970er-Jahre seinen Freund David Bowie, damals entstanden Pops erste Soloalben, nachdem er ein Jahrzehnt zuvor Punk erfunden hatte. Wie Jesus hat er für all die Tunichtgute gelitten, nur ohne seine Jünger mit dem Schmäh der Nächstenliebe zu verarschen. No way.

Diesbezüglich spricht er auf Post Pop Depression bereits im ersten Lied Klartext. Er wird uns unter die Haut gehen, singt er, uns das Herz brechen. Doch der Tonfall der Prophezeiung klingt resignativ, die Verheißung nach Routine. Dabei ist das die Stärke des Albums. Pops Tonfall erinnert an jene ungesunden Alben, die er mithilfe von Musikern aus Bowies Umfeld aufgenommen hat.

iggy pop official

Den Song Baby vom Album The Idiot (1977) darf man sich als musikalische Blaupause für Post Pop Depression vorstellen. Zwar singt er im neuen Lied Sunday, er sei ein Wrack, das schnell sinke, dabei klingt er gesünder als vor 40 Jahren, als er in Berliner Kellerlöchern endzeitliche "Funtime" suchte und fand. Der Song German Days verdeutlicht Pops zerschossene Erinnerungen an damals.

Die Band bringt diese Stimmung auf den Punkt. Zu ihr gehören neben Josh Homme der Bassist der Queens of the Stone Age, Dean Fertita, sowie der Arctic-Monkeys-Schlagzeuger Matt Helders. Sie produzieren einen trockenen Sound, aus dem sie selten, aber doch ausbrechen. Zum Beispiel mit Gardenia. Einer Ode an eine Dame, die möglicherweis' einem sehr alten Gewerbe nachgeht und der Pop auf dem Heimweg heute Nacht gern noch begegnen würde. Das Wort Ausschweifung kommt nicht ohne den Schweif aus.

the late show with stephen colbert

Die Band untermalt Iggys Fantasien dabei so leicht und flirrend, so als hätte sie zuvor Bring On The Dancing Horses von Echo and the Bunnymen gehört. Doch das bleibt die Ausnahme. In American Valhalla ersehnt Pop sich auf den Friedhof der Tapferen, zu denen er sich nicht ohne Grund zählt, und am Ende grantelt er sich als "verbitterter Verlierer" ins Exil. Mit Gift und Galle als Gepäck zieht es ihn ins ferne Paraguay. Aber noch nicht gleich.

Zuvor geht er auf Tour mit Homme und Co, ein Krieg geht noch. Mit anderer Besetzung tritt Iggy Pop am 4. Juni beim Festival Rock in Vienna auf. (Karl Fluch, 15.3.2016)

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