Leidensdruck setzt Stromversorger unter Zugzwang

14. März 2016, 15:01
51 Postings

Fallende Strompreise und kein Ende in Sicht: In der E-Control geht der scheidende Vorstand davon aus, dass nur ein Zehntel der Stromanbieter übrig bleibt

Wien – Für die Stromverbraucher sind es gute Nachrichten, für die Stromproduzenten eher Hiobsbotschaften: Der Preis für elektrische Energie, der vor etwa drei Jahren zum Sinkflug angesetzt hat, bleibt allen Prognosen zufolge auf niedrigem Niveau – zumindest die nächsten zwei, drei Jahre. Das dürfte die Konsolidierung in der Branche, die in Österreich bisher nur in homöopathischen Dosen stattgefunden hat, gehörig vorantreiben.

"Ich gehe davon aus, dass von den derzeit 140 österreichischen Stromanbietern über kurz oder lang nur 15 bis 20 große übrig bleiben werden", ist Walter Boltz, scheidender Vorstand der Regulierungsbehörde E-Control, überzeugt. Damit befinde man sich in guter Gesellschaft mit den Niederlanden, wo die Konsolidierung zum Teil bereits erfolgt ist. In Österreich, wo die Energieversorger durchwegs mehrheitlich in öffentlichem Eigentum stehen, sei dies durch politische Widerstände bisher verhindert worden.

Neue E-Control-Spitze

"Der Leidensdruck war wahrscheinlich noch nicht groß genug", sagte Boltz, der mit seinem Vorstandskollegen Martin Graf noch bis Ende März die Geschäfte der E-Control führt. Mit 1. April übernehmen Wolfgang Urbantschitsch und Andreas Eigenbauer die Geschicke der weisungsfreien Behörde. Urbantschitsch ist seit 2001 bei der E-Control als Jurist tätig. Eigenbauer seit 2011 Leiter Magistratsdirektion Strategische Energieangelegenheiten und Energiebeauftragter der Stadt Wien. In der Branche hofft man hinter vorgehaltener Hand, dass die Neuen etwas konzilianter sind.

Seit der Liberalisierung der Energiemärkte vor nunmehr 15 Jahren hat sich die Strom- und mit gewissen Abstrichen die Gaslandschaft nicht nur in Österreich, sondern europaweit fundamental geändert. Es gibt viel mehr Wettbewerb. So können Kunden, die früher nur einen, dafür fixen Lieferanten hatten, bei Strom unter mehr als 140 Anbietern auswählen, bei Gas unter immerhin mehr als 40. Und sie nutzen das auch zunehmend.

Die Wechselraten sind bei Strom auf 3,3 Prozent und bei Gas auf 3,5 Prozent gestiegen. Zum Vergleich: In den Anfangsjahren der Liberalisierung wechselten weniger als ein Prozent der Haushalte per annum ihren Lieferanten von Strom und/oder Gas.

Für die E-Control, die den Lieferantenwechsel zum Ärger der eingesessenen Anbieter bei jeder Gelegenheit propagiert hat, sind das "Schritte in die richtige Richtung", aber noch nicht das Ende. "In der Mobilfunkbranche sind Wechselraten um die 20 bis 25 Prozent pro Jahr die Regel, zehn Prozent sind für einen gut funktionieren-den Markt die Untergrenze", sagte Boltz.

Notgedrungen mehr Fusionen

Weil Stromunternehmen derzeit außer mit abgeschriebenen Wasserkraftwerken und den regulierten Netzaktivitäten kaum mehr etwas verdienten, würden der Druck und der Zwang zu Fusionen notgedrungen zunehmen.

Die Frage sei, wie viel Macht Landespolitiker aus der Hand zu geben bereit sind, sagen Branchenkenner. Viele Energierversorgungsunternehmen waren bisher verlässliche Dividendenlieferanten, das sei nun vorbei.

In Deutschland, wo die Energielandschaft um einiges zersplitterter war als in Österreich, hat es bereits eine Welle der Konsolidierung gegeben. Daraus sind Konzerne wie Eon und RWE hervorgegangen, die nun ihrerseits wieder vor einem Radikalumbau stehen.

Was den gemeinsamen Strommarkt mit Deutschland betrifft, habe man zumindest eineinhalb Jahre Aufschub herausgeholt, sagte Graf. Eine künstliche Trennung der beiden Märkte würde in Österreich zu einer Kostenbelastung von rund 300 Millionen Euro führen, was einer zehnprozentigen Strompreiserhöhung für alle entspreche. Es bestehe kein überzeugender Grund für diese von Deutschland und Polen geforderte Maßnahme, sagte Graf. (Günther Strobl, 14.3.2016)

  • Ein Umspannwerk von RWE in Bockenheim nahe Frankfurt am Main: In Deutschland hat es in den vergangenen Jahren bereits Fusionen und Konsolidierungen im Strombereich gegeben, in den Niederlanden auch. In Österreich wurden Ansätze davon durch politische Querschüsse bisher verhindert.
    foto: ap/frank augstein

    Ein Umspannwerk von RWE in Bockenheim nahe Frankfurt am Main: In Deutschland hat es in den vergangenen Jahren bereits Fusionen und Konsolidierungen im Strombereich gegeben, in den Niederlanden auch. In Österreich wurden Ansätze davon durch politische Querschüsse bisher verhindert.

Share if you care.