Drachensteigen: Ein Volkssport als unislamisches Vergnügen

19. März 2016, 12:00
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In Pakistan ist Drachensteigen verboten, weil es zu gefährlich sein soll. Doch es geht auch um einen Konflikt zwischen religiösen Strömungen

Lahore/Wien – Es klingt im ersten Moment schon ziemlich absurd: In Punjab, der größten Provinz Pakistans, hat die Polizei hunderttausende Flugdrachen konfisziert und hunderte Verhaftungen vorgenommen. Mit Drohnen wird jenen nachgejagt, die sich nicht an ein geltendes Verbot des Drachensteigens halten. Begründet wird das damit, dass der Volkssport zu gefährlich sei, es schwere Verletzungen oder gar Todesfälle gab. Kritiker dieser Maßnahme halten den Behörden hingegen vor, aus religiösen Gründen gegen das Drachensteigen zu sein, weil es als unislamisch gelte. Die Wahrheit, sie liegt wohl irgendwo in der Mitte.

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In Pakistan ist Drachensteigen ein Volkssport.

In Pakistan, aber auch in Afghanistan und Indien erfreut sich eine besondere Form des Drachensteigens seit hunderten Jahren enormer Beliebtheit – und wurde 2003 durch den Bestseller "Der Drachenläufer" von Khaled Hosseini auch international bekannt. Dabei duellieren sich diverse Drachen in der Luft. Ziel ist es, mit der eigenen Schnur jene der Kontrahenten durchzuschneiden.

Motorradfahrer stranguliert

Und da wäre auch schon die erste Gefahrenquelle. Um dem Ziel dieses Spiels näherzukommen, werden die Schnüre oft mit gemahlenem Glas verschärft, manchmal auch mit kleinen Metallmessern, oder sie bestehen gleich aus Metall. Und wenn dann – vor allem in der Hochsaison im Frühjahr – zig Drachen auf engstem Raum in der Luft sind, kommt es regelmäßig zu Unfällen, die tatsächlich Tote und schlimmste Verletzungen zur Folge haben. Motorradfahrer wie auch Kinder wurden durch die Schnüre stranguliert, diverse Gliedmaßen abgetrennt.

foto: ap
Doch 2005 ist diese Freizeitaktivität vom Obersten Gerichtshof verboten worden.

Der nächste Gefahrenherd hat mit einem anderen Aspekt des Spiels zu tun: Die abgetrennten Drachen gelten als wertvolle Beute, denen vor allem Kinder, sogenannte Drachenläufer, nachjagen. Derjenige, der den Flieger als Erster berührt, so die Regel, darf ihn behalten. Einerseits ist das verknüpft mit hohen Ehren, wenn man viele Drachen einheimst, andererseits können sie eine wichtige Einnahmequelle von Familien sein, wenn man die Flieger weiterverkauft. Daher konzentrieren sich die Kinder vollends auf die hinabtrudelnden Drachen, was schon oft dazu geführt hat, dass die Drachenläufer von Dächern fallen oder von Autos angefahren werden. Nicht zu unterschätzen sind zudem die Streitigkeiten, die entstehen, wenn einmal nicht eindeutig ersichtlich ist, wer den Drachen als Erster berührt hat.

Geradezu profan erscheint dagegen die weitere Gefahr von Stromschlägen, wenn die metallenen Drachenschnüre Stromleitungen erwischen. Doch auch das hat schon zu Todesopfern geführt.

Konflikt religiöser Strömungen

Das Verbot des Drachensteigens ist fernab dieser Gefahren aber auch ein schönes Beispiel für das Ringen zwischen geistlicher und säkularer Welt – und gleichzeitig ein Konflikt zwischen diversen religiösen Strömungen. In der pakistanischen Gesellschaft, sagt Boris Wilke, Politikwissenschafter und Pakistan-Experte an der Universität Bielefeld, gebe es auf der einen Seite eine Art Volksislam – eine Verschmelzung von Islam und Hinduismus, ausgeübt vor allem von traditionellen Eliten in ländlichen Regionen. Der Konterpart, so Wilke zum STANDARD, ist der gereinigte Islam oder Erneuerungsislam, der eine Rückkehr zu den Ursprüngen der Heiligen Schrift predigt. Er ist vor allem im urbanen Raum vertreten, gilt grundsätzlich als moderner als der Volksislam und hat vielfältige Verbindungen zum Jihadismus.

foto: reuters
Regelmäßig fallen Menschen beim Drachensteigen von den Dächern.

Von Gruppen des Erneuerungsislam geht nun der Druck aus, das Drachensteigen zu verbieten, was 2005 nach erneuten Unfällen tatsächlich passiert ist. Der Oberste Gerichtshof erklärte damals aber, dass es Ausnahmegenehmigungen für bestimmte Zeiträume geben könne. In Punjab findet im Frühjahr stets das Basant-Fest statt, bei dem traditionell Drachen geflogen werden. Heuer aber wurde den Organisatoren die Ausnahmegenehmigung verweigert. Viele vermuten, dass dieses Vorgehen damit zu tun hat, dass das Basant-Fest auf Hindu-Ritualen basiert und daher von Vertretern des Erneuerungsislam abgelehnt wird.

Keine langfristige Strategie

"Die Regierung versucht verschiedene Interessen und Gruppierungen auszubalancieren", sagt Wilke als Erklärung für das Vorgehen der Behörden. Hinzu kommen Familien, die in bestimmten Regionen bereits seit Jahrzehnten großen Einfluss haben und die sich ebenfalls mit allen Seiten arrangieren müssen. "Jetzt haben sie in Punjab mal wieder durchgegriffen. Aber das ist nicht als langfristige Strategie zu sehen", erklärt Wilke. Es kann also durchaus sein, dass es im nächsten Jahr wieder eine Erlaubnis für das Drachensteigen gibt.

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Februar 2007: Proteste einer islamischen Gruppe in der Stadt Multan in der Provinz Multan gegen das Drachensteigen, nachdem es wieder Tote gab.

Für viele Menschen in Punjab ist das nur ein schwacher Trost. Drachengeschäfte beklagen finanzielle Einbußen und einen Verlust ihrer Identität. "Das ist unsere Kultur", sagt Shoaib Mehmood Naqeebi, Geschäftsinhaber in Lahore, der Hauptstadt von Punjab, der Nachrichtenagentur Reuters. "Unsere Urahnen haben das bereits zelebriert. Es ist eine fröhliche Veranstaltung mit Verwandten und Freunden, völlig harmlos."

Auch Syed Nazim Ali zeigt wenig Verständnis für das Vorgehen der Behörden. "Schaut, was in unserem Land passiert", sagt der Student der Punjab-Universität, "jeden Tag gibt es Nachrichten über Explosionen, Selbstmordanschläge und Kriege. Was spricht da dagegen, einen oder zwei Tage Spaß mit der Familie zu haben?" (Kim Son Hoang, 19.3.2016)

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