Wann schlachten Sie Ihr Porzellanschwein?

Glosse14. März 2016, 16:58
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Edles Tafelgeschirr fand einst den Weg von China nach Europa. Was die Bezeichnung "Porzellan" mit Kaurischnecken zu tun hat in den Wortspuren

In jeder Küche finden sich Gebrauchsgegenstände aus Porzellan. Und weil der Venezianer Marco Polo, geboren Mitte des 13. Jahrhunderts, in seinen Reiseberichten erwähnte, dass man in China bereits seit dem 7. Jahrhundert nach Christus Geschirr aus ganz zartem, weißlich durchscheinendem Material benütze, kam das Wissen über die Herstellung von edlem Tafelgeschirr auch nach Europa. "If a special guest comes to tea, Aunt Augusta will get out her best china."1 Das übliche Wort für "Porzellan(geschirr)" ist im Englischen heute noch "china" und "chinaware", während "porcelain" sich eher auf das Material bezieht.

Die Porzellanerzeugung hatte in China bereits eine mehr als 500 Jahre lange Tradition hinter sich, als Marco Polo kam. Es galt als das "weiße Gold". Die wichtigsten drei Bestandteile sind weiße Tonerde zu 50 Prozent, das sogenannte Kaolin – die Bezeichnung leitet sich vom chinesischen Berg Kao Ling ("Hoher Berg") ab –, Quarz und Feldspat zu je 25 Prozent. Als Marco Polo mit ein paar erlesenen Exemplaren edlen Geschirrs nach Europa zurückkehrte, staunte man nicht schlecht, denn das einfache Volk löffelte damals Haferbrei und Grütze aus groben Tonschalen.

Schnecke, Schweinchen, Trojanisches Pferd

Die Bezeichnung "Porzellan" geht auf das italienische Wort für die Kaurischnecke zurück, die auch Porzellanschnecke genannt wird. In porcellana versteckt sich das Diminutiv von italienisch porco aus lateinisch "porcus" beziehungsweise "porcellus" "Schweinchen, Ferkel" (vergleiche auch französisch porc, neuenglisch pork "Schweinefleisch").

Die Ähnlichkeit zwischen der Muschel und den äußeren weiblichen Geschlechtsorganen (und denen des weiblichen Schweins) ist unübersehbar. Wen wundert’s, wenn das italienische etymologische Wörterbuch unter porcellana "la vulva della troia" verzeichnet, wobei italienisch "troia" sowohl "Sau" als auch "Hure, Schlampe" bedeutet. Die Herkunft von italienisch "troia" führt uns wiederum zum Trojanischen Pferd, das, weil es dem Mythos nach in seinem hölzernen Bauch Soldaten versteckt hielt, an ein trächtiges Schwein erinnerte.

Lexikalisches Erdreich lockern

Doch zurück zum Porzellan und den Muscheln: Im mittelalterlichen Italien glaubte man, Porzellan werde aus der fein gemahlenen Muschelsubstanz hergestellt, und wahrscheinlich ging auf diesem Weg das Wort für die Muschel zur Bezeichnung des Materials "Porzellan" über.

Wenn wir es nun den Schweinen gleichtun und das lexikalische Erdreich etwas lockern und unsere Nase in die Wortfurchen stecken, dann stoßen wir auf die indogermanische Wurzel *perk- mit der Bedeutung "graben, in Erdfurchen wühlen". Lateinisch porcus (aus indogermanisch *pork-, der abgetönten Vollstufe von *perk-) ist nach dem benannt, was die Lieblingsbeschäftigung eines Schweines ist, nämlich mit seiner Wühlscheibe, dem tastempfindlichen, platten Teil des Rüssels "im Erdreich wühlen, um den Boden aufzulockern".

Zur selben indogermanischen Wurzel lässt sich neuhochdeutsch Ferkel (dialektal auch noch Farl) stellen (mittelhochdeutsch verhelȋn, verkelȋn, althochdeutsch farch und farhelīn, altenglisch fearh "Jungschwein, Ferkel", ne. farrow "ein Wurf von Ferkeln"). Von der Schwundstufe indogermanisch *pŗk- (wird zu *purk) leitet sich neuhochdeutsch Furche ab, neuenglisch furrow. Ferkel sind daher dem Wortsinn nach Furchenzieher. Und wer nicht als Ferkel beschimpft werden will, der wäscht sich, bevor er zu Tisch geht, die Hände. (Sonja Winkler, 14.3.2016)

Sonja Winkler beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit der Etymologie von Wörtern. Sie studierte Germanistik und Anglistik im Lehramt in Wien, übte mehr als 20 Jahre eine Lektorentätigkeit am Germanistischen und Anglistischen Institut der Uni Wien aus und war 18 Jahre im Schuldienst. Seit vier Jahren ist sie in Pension.

1 "Wenn ein besonderer Gast auf Besuch kommt, kredenzt die Tante Gusti den Tee in ihrem feinsten Porzellanservice."

  • Kaurischnecken werden auch Porzellanschnecken genannt.

    Kaurischnecken werden auch Porzellanschnecken genannt.

  • Gibt es sogar aus Porzellan: das Sparschwein.
    foto: standard/matthias cremer

    Gibt es sogar aus Porzellan: das Sparschwein.

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