Wer in Deutschland wen wählte und warum?

14. März 2016, 16:07
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Die Zahlen des Superwahlsonntags in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt

Nach dem Wahlsonntag in drei deutschen Bundesländern Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt ist die Aufarbeitung der Ergebnisse in den Parteizentralen und in den Meiden in vollem Gange. Reichliches Datenmaterial zahlreicher Wählerstromanalysen und Auswertungen von Wählerbefragungen gibt Aufschluss über die Motive der Bevölkerung.

Hauptfaktor für die Entscheidung der Wähler in Baden-Württemberg war die Zufriedenheit mit der Regierung des Landeschefs Winfried Kretschmanns. 70 Prozent sind mit der Regierung zufrieden – ein Rekordwert. Der Grüne Kretschmann stach seinen Konkurrenten Guido Wolf bei der Bevölkerung mit 75 zu 16 Prozent Zustimmung klar aus. 89 Prozent der Württemberger konstatierten Kretschmann, ein guter Ministerpräsident zu sein, selbst unter den CDU-Wählern waren dies immer noch 87 Prozent. Einziger Trost für die Union ist die Tatsache, dass aufgrund der massiven SPD-Verluste keine Mehrheit mehr für die Fortführung der grün-roten Koalition im Land besteht.

Grüne verlieren an AfD

Bemerkenswert ist jedenfalls, dass die Grünen neben ihren massiven Zugewinnen hauptsächlich von SPD, CDU und Nichtwählern auch eine eindeutige Abwanderung zu verzeichnen hatten: von den knapp mehr als 90.000 Ex-Grünwählern machten 70.000 ihr Kreuz diesmal bei der AfD. Interessant auch, dass die Grünen vor allem stark bei den Altersgruppen jenseits der 45-Jährigen punkten konnten. Bei den 45-59-Jährigen erreichten sie dabei mit 38 Prozent gar den höchsten Wert von allen Altersklassen und Parteien in Baden-Württemberg.

Auch in Rheinland-Pfalz war die Landtagswahl zumindest zum Teil eine Persönlichkeitswahl: die rote Ministerpräsidentin Malu Dreyer setzte sich in der Wählergunst deutlich gegen ihre Herausforderin Julia Klöckner von der CDU durch. 54 Prozent hätten bei einer Direktwahl für die SPDlerin gestimmt, nur 34 Prozent für Klöckner. Das Duell ging vor allem auf Kosten der Grünen, die allein an die SPD 90.000 Wähler verloren.

In Sachsen-Anhalt kam die CDU dafür mit einem blauen Auge davon, obwohl rund 38.000 Wähler an die AfD verloren wurden. Die SPD verlor "nur" 20.000 Wähler an die rechte Partei, dafür gleichmäßig an alle anderen Konkurrenten auch und wurde stark zerzaust. Vergleichbar schlimm erwischte es die Linke, die mit Ausnahme an die SPD ebenfalls an alle anderen Parteien Stimmen verlor.

Wenig überzeugte AfD-Wähler

Bei der Frage, ob die Wahlentscheidung aus Überzeugung oder aus Enttäuschung über die anderen Parteien getroffen wurden, zeigt sich bei den AfD-Wählern in allen drei Bundesländern ein einheitliches Bild: In Baden-Württemberg wählten nur 21 Prozent die rechte Partei aus Überzeugung, in Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt lag dieser Wert mit 29 respektive 27 Prozent nur geringfügig höher. Ein klarer Hinweis darauf, dass der Höhenflug der AfD ebenso schnell wieder vorbei sein kann, wie er begonnen hat – die Vergleichswerte der Konkurrenz liegen bei dieser Frage je nach Partei und Land zwischen 75 und 46 Prozent.

Dass die AfD-Wähler von ihrer eigenen Wahlentscheidung nur mäßig überzeugt sind, kann man auch daran ablesen, dass 49 (Baden-Württemberg), 54 (Rheinland-Pfalz) und 50 Prozent (Sachsen-Anhalt) selbst sagen, dass ihre Partei sich zu wenig von rechtsradikalen Positionen distanziert. Die Aussage "Löst zwar keine Probleme, nennt aber Dinge beim Namen" unterschreiben gar 90 bis 93 Prozent der AfD-Wähler, was nicht für eine dauerhafte Wählerbindung spricht.

Unzufriedenheit als Faktor

Die alte Rechnung, dass populistische Parteien vor allem von niedrigen Wahlbeteiligungen profitieren würden, ist an diesem Wahlsonntag allerdings nicht aufgegangen. bei allen drei Abstimmungen wurden deutlich höhere Beteiligungen als bei den letzten Vergleichswahlen registriert. Der Erfolg der AfD ist also nicht auf eine allgemeine Politikverdrossenheit zurückzuführen, sondern auf eine ganz konkrete Unzufriedenheit mit der Regierungspolitik. Dass das Ergebnis ein Warnsignal sein muss, zeigen auch die Aussagen der Bevölkerung zu den Themen Flüchtlinge und Islam: die AfD-Wählerschaft gibt wenig überraschend hierzu mit mehr als 90 Prozent Sorgen vor einem Anstieg der Kriminalität und steigendem Einfluss des Islam an.

Doch auch auf die Gesamtbevölkerung gerechnet ergeben sowohl die Aussage "Die Kriminalität wird steigen" als auch "Der Einfluss des Islams wird zu stark" absolute Mehrheiten bei der Zustimmung: In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz jeweils knapp über 50 Prozent, in Sachsen-Anhalt gar bei einer Zwei-Drittel-Mehrheit. Am Stärksten sind die diesbezüglichen Sorgen bei CDU-Wählern, am Geringsten ausgeprägt bei den Grünen. Die Wahlergebnisse vom Sonntag werden den Druck der Länder auf CDU-Chefin und Bundeskanzlerin Angela Merkel daher weiter ansteigen lassen. (Michael Vosatka, 14.3.2016)

  • Die Pfälzer zogen Malu Dreyer ihrer Konkurrentin Julia Klöckner vor.
    foto: reuters/orlowski

    Die Pfälzer zogen Malu Dreyer ihrer Konkurrentin Julia Klöckner vor.

  • Winfried Kretschmann hatte die Württemberger auf seiner Seite.
    foto: apa/afp/murat

    Winfried Kretschmann hatte die Württemberger auf seiner Seite.

  • Siegerpose: AfD-Parteichefin Frauke Petry mit den Spitzenkandidaten von Sachsen-Anhalt (André Poggenburg) (L) und Baden-Württemberg (Jörg Meuthen).
    foto: afp/macdaugall

    Siegerpose: AfD-Parteichefin Frauke Petry mit den Spitzenkandidaten von Sachsen-Anhalt (André Poggenburg) (L) und Baden-Württemberg (Jörg Meuthen).

  • Merkel hatte die Bundestagswahlen fest im Blick.
    foto: reuters/bensch

    Merkel hatte die Bundestagswahlen fest im Blick.

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